Theater Osnabrück Regieteam über Ferdinand von Schirachs „Terror“

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Sitzen am Verhandlungstisch mit Gläsern für die Lose: Dramaturg Sven Kleine (von links), Regisseur Ron Zimmering und Bühnen- und Kostümbildnerin Lisa Kruse.in der Kulisse von Ferdinand von Schirachs „Terror“ im Emma-Theater. Foto: David EbenerSitzen am Verhandlungstisch mit Gläsern für die Lose: Dramaturg Sven Kleine (von links), Regisseur Ron Zimmering und Bühnen- und Kostümbildnerin Lisa Kruse.in der Kulisse von Ferdinand von Schirachs „Terror“ im Emma-Theater. Foto: David Ebener

Osnabrück. Per Los entscheiden die Schauspieler vor jeder Aufführung live auf der Bühne des Osnabrücker Emma-Theaters, welcher Schauspieler welche Rolle spielt in Ferdinand von Schirachs viel diskutiertem Gerichtsdrama „Terror“. Das Regieteam um Ron Zimmering erklärt vor der Premiere am Sonntag, warum es dieses Verfahren gewählt hat.

Terror “, das Gerichtsdrama des Strafrechtlers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach von 2015 , wird derzeit an 64 Bühnen gespielt. Es passt in unsere von Terroranschlägen geplagte Zeit, aber auch in einen Trend zu mehr Volksbefragungen bei zentralen Themen. Nun kommt das in allen Medien heiß diskutierte Stück auch in den Spielplan des Osnabrücker Theaters und hat am Sonntag, 14. Mai in der Regie des jungen Regisseurs Ron Zimmering Premiere.

Kurze Inhaltsangabe

Kurz zum Inhalt: Ort der Handlung ist ein Schwurgericht. Der Luftwaffenpilot Major Lars Koch muss sich für den Abschuss einer Passagiermaschine auf dem Flug von Berlin nach München mit 164 Insassen verantworten. Ein Selbstmordattentäter hatte sie in seine Gewalt gebracht und steuerte ein Münchner Fußballstadion an, das mit 70 000 Menschen besetzt war. Die Staatsanwältin klagt Koch des mehrfachen Mordes an und wirft ihm vor, nicht nur eigenmächtig gehandelt, sondern auch gegen das Grundrecht auf Leben und gegen die Menschenwürde verstoßen zu haben.

Plädoyer für Freispruch

Kochs Verteidiger plädiert für Freispruch und beruft sich auf die Tatsache, dass mit dem Opfer von 164 Menschen, die ohnehin kurz darauf im Stadion gestorben wären, die ungleich größere Menge von 70 000 Menschen im Stadium gerettet werden konnten. Am Ende eines immer komplexeren Austauschs der Argumente von Anklage und Verteidigung, von Angeklagtem und Nebenklägerin, die ihren Mann durch den Abschuss verlor, sollen die Theaterzuschauer gleichsam als Schöffen darüber abstimmen, ob Koch schuldig ist und bestraft oder eben freigesprochen wird.

Die zentrale Frage, warum niemand versucht hat, umgehend das Münchner Stadion zu evakuieren, lässt von Schirach unbeantwortet. Er berücksichtigt auch nicht, dass das Strafrecht für solche Ausnahmesituationen wie die Major Kochs den unauflösbarem Gewissenskonflikt kennt und einem Kampfpiloten zubilligen würde, nicht in den wenigen Sekunden Handlungsspielraum alle ethisch-moralischen Gesichtspunkte abwägen zu können. Ihn trifft dann strafrechtlich keine Schuld, auch wenn seine Entscheidung rechtlich falsch war.

„Keine Rechtsbelehrung“

Regisseur Ron Zimmering und Dramaturg Sven Kleine glauben, dass von Schirach absichtlich solche „dritten Türen“ (Zimmering) nicht aufgemacht hat. „Er will die Zuschauer in die Klemme treiben“, meint Ron Zimmering. „Das Stück ist keine Rechtsbelehrung oder Moralabhandlung, sondern ein konstruierter Fall, der verdichtet ist wie eine griechische Tragödie und der die Zuschauer zwingen will, darüber nachzudenken und Stellung zu beziehen.“ Das Stück simuliert für ihn nicht Wirklichkeit, sondern bleibt Theaterraum. Deshalb hält er auch den Fernsehfilm von Lars Kraume für problematisch, der im April 2016 zeitgleich 80 Millionen von TV-Zuschauern in Deutschland, Österreich und der Schweiz über den Fall Koch abstimmen ließ, mit anschließender hochkarätig besetzter und hocherregter ARD-Diskussionsrunde in Frank Plasbergs „ Hart aber fair “.

Distanz zur Wirklichkeit

Das Regieteam hat sich Einiges einfallen lassen, um „Terror“ auf Distanz zur Realität zu bringen. So bezeichnet Bühnen- und Kostümbildnerin Lisa Kruse ihren Ausschnitt eines hölzernen Gerichtssaals als eine dem Naturalismus bewusst entzogene „aufgeklappte Wirklichkeit“, in die der Zuschauer sich durch die Argumente hereinziehen lassen könne. Um das Spezifische des Stücks zu „radikalisieren“, das gedankliche Experiment, lässt Zimmering die Schauspieler vor jeder Aufführung live und per Los bestimmen, wer welche Rolle spielt. Sympathie mit einem Spieler, seinen Charaktereigenschaften, seiner speziellen Rhetorik soll die Zuschauer nicht an einen Spieler binden und ihr Urteil beeinflussen. Dieser Verfremdungseffekt soll die Zuschauerköpfe frei machen dafür, dass „nichts Geringeres als unsere Verfassung in ‚Terror‘ auf dem Prüfstand steht“.

Ron Zimmering, 1984 in Dresden geboren, hat viele Stücke „mit dokumentarischem Zugriff“, wie er sagt, in Szene gesetzt – zu Themen wie Demenz, Schwangerschaft, Behinderung oder Flüchtlinge. Gemeinsam mit Bühnenbildnerin Lisa Kruse, geboren 1990, hat er gerade in Detmold O‘Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ herausgebracht und mit ihr auch 2015 die „Spieltriebe“-Produktion „Der finsterer Plan der Vintila Radulezcu“ erarbeitet.


Premiere von „Terror“ ist am Sonntag, 14. Mai um 19.30 Uhr im Emma-Theater. Kartentel. 0541-7600076.

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