Rüdiger Dahlke Umstrittener Krankheitsdeuter spricht in Osnabrück

Rüdiger Dahlke, hochumstrittener Alternativmediziner, referiert am Dienstag in Osnabrück. Foto: Peter HornRüdiger Dahlke, hochumstrittener Alternativmediziner, referiert am Dienstag in Osnabrück. Foto: Peter Horn

Osnabrück. Ein gefährlicher Spinner oder verkannter Heilsbringer? Rüdiger Dahlke, Mediziner, Buchautor und umstrittener Krankheitserklärer, wird von Anhängern innig verehrt und von Schulmedizinern genauso innig verachtet. Am Dienstag referiert Dahlke in Osnabrück.

Der Doppelvortrag Dahlkes über „Krankheit als Symbol“ und das „Geheimnis der Lebensenergie“ ist Teil der Veranstaltungsreihe „Ganz Mensch sein“, den das Forum für Integrale Spiritualität (fis) in Kooperation mit mehreren Bildungsträgern veranstaltet. Höhepunkt der Reihe, die den gesundheitlichen Nutzen von Entspannungstechniken, Achtsamkeitstraining und Mediation in den Blickpunkt rücken will, ist ein zweitägiger Kongress am 9. und 10. September in Osnabrück. Ein weiterer Höhepunkt soll der Auftritt von Rüdiger Dahlke am kommenden Dienstag im Lutherhaus werden.

Körper, Seele und Geist

Der 66-jährige Arzt und Psychotherapeut kommt aus der Schulmedizin, wendet sich aber in den Siebziger- und Achtzigerjahren von der klassischen Lehre ab. Eine seiner Kernthesen: Krankheiten sind ein Spiegel seelischer Notstände oder innerlicher Konflikte. Seine Medizin gründet auf einer „ganzheitlichen Therapie von Körper, Seele und Geist“, wie es sein Heilkunde-Zentrum in Johanniskirchen (Niederbayern) verkündet. Dahlke propagiert eine vegane Ernährung, aus der er das „Peace-Food“-Konzept weiterentwickelt hat. „Medizin hat für mich neben der körperlichen auch eine geistig-seelische und sogar spirituelle Dimension“, schreibt Dahlke in einer Email an unsere Redaktion.

Wenn sich die Seele abschottet, tropft die Nase

So weit unterscheidet sich Dahlke kaum von anderen Alternativheilern. Was ihn aus deren Kreis heraushebt und Kritiker geradezu erzürnt, sind seine Krankheitsdeutungen und aus schulmedizinischer Sicht gewagten Interpretationen von Krankheitsbildern. Eine Erkrankung betrachtet Dahlke als Symbol für ein inneres Ungleichgewicht. Ein Schnupfen mit verstopfter Nase könne ein Zeichen sein, dass sich die Seele abschotte, oder Heiserkeit signalisieren, dass jemand seine wahren Gedanken nicht zu äußern wage. Auch schwerste Erkrankungen wie Krebs haben nach Dahlkes Lehre oft ihren Ursprung in einer belasteten Seele. „Die nach wie vor hohe Zahl von Brustkrebserkrankungen lässt darauf schließen, dass es für viele Frauen unlösbare Probleme auf ihrem Entwicklungsweg gibt“, schreibt Dahlke.

„Dumm und primitiv“

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUD) in Roßdorf bei Darmstadt verfolgt seit Jahren die Arbeit Dahlkes mit großer Skepsis. Dahlke ziehe in seinen Vorträgen, Artikeln und Büchern „zusammenfantasierte Analogieschlüsse, die belegen sollen, dass jede Erkrankung Ausdruck von seelischen Befindlichkeiten sei und somit die Ursachen alleine in der Psyche und beim Betroffenen selbst zu suchen seien“, sagt GWUD-Mitglied Bernd Harder. Die Assoziationen Dahlkes seien „dumm und primitiv“. Harder bezeichnet es in einer Stellungnahme für unsere Redaktion als „perfide und nahezu menschenverachtend“, dass Dahlke damit suggeriere, „jeder sei an seinem Leiden selber schuld, und Kranke würden sich lediglich nicht genug bemühen und die Ursache ihrer Erkrankung nicht hinreichend in sich selbst suchen“.

Dahlkes „Geschwätz“ hält Harder für „menschlich unbarmherzig und eiskalt“, der Mann habe nichts Sanftes oder Verständnisvolles. Dahlke sei „auf einem grandiosen Egotrip auf Kosten seiner Zuhörer und Leser unterwegs“, so Harder.

„Böswillige Unterstellungen“

Dahlke weist die Vorwürfe zurück als „böswillige Unterstellungen“ zurück. „Meine Patienten waren über 30 Jahre mit meiner Arbeit in der Praxis offenbar so zufrieden, dass sich lange Wartelisten bildeten“, so Dahlke. Seit etwa zehn Jahren wecke er in Vorträgen und Ausbildungen Verständnis für die Bedeutung von Krankheitsbildern und biete den Menschen damit die Möglichkeit „eigenverantwortlicher Gestaltung und Veränderung“ ihres Lebens. In diesem Frühjahr habe er beim Online-Fasten mehr Teilnehmer begleitet als je zuvor, sagt Dahlke. Die Reaktionen seien „positiv und berührend“.

Auf einem Egotrip?

Weiter schreibt Dahlke: „Bezüglich Egotrip bin ich froh um die erreichte Bekanntheit, mit deren Hilfe ich noch mehr Menschen helfen kann. Dabei habe ich in 38 Arztjahren einiges Geld verdient, das ich in die Verwirklichung des veganen Fasten-Zentrums TamanGa in der Südsteiermark gesteckt habe.“ Das werde weiterhin tun und sein Ansehen nutzen, um das „Feld ansteckender Gesundheit“ weiter auszubauen.

Asiatischer Begriff der Lebensenergie

Klemens Speer vom Forum fis, der die Veranstaltungsreihe organisiert und Dahlke nach Osnabrück geholt hat, hält die Thesen des Alternativmediziners für „diskussionsfähig“. Dahlke sei auch in seinem Verein fis durchaus umstritten, er halte es aber für sinnvoll, sich mit dessen Aussagen auseinander zu setzen. „Ich kenne Herrn Dahlke persönlich nicht und bin sehr gespannt“, sagt Speer. In der europäischen Schulmedizin seien Spiritualität und psychologische Aspekte unterbelichtet, sagt der T’ai Chi-Ausbilder. Die Veranstaltungsreihe solle dazu beitragen, „den asiatischen Begriff der Lebensenergie“ der Öffentlichkeit stärker ins Bewusstsein zu bringen.

Das Veranstaltungsprogramm


Rüdiger Dahlke, Vortrag im Lutherhaus, Jahnstraße 1, Dienstag, 9. Mai, 18.30 Uhr und 20.30 Uhr. Die Veranstaltung ist weitgehend ausverkauft. An der Abendkasse stehen nur wenige Restkarten (30 Euro für beide Vorträge) zur Verfügung.

Ganz Mensch sein: Veranstaltungsreihe bis August 2017 mit abschließendem Kongress am 9. und 10. September. Eine Initiative Osnabrücker und regionaler Bildungsträger auf Anregung des Forums für Integrale Spiritualität (fis). Kooperationspartner sind: Cinema Arthouse, Ev. Familienbildungsstätte, Haus Ohrbeck, Georgsmarienhütte, Kath. Erwachsenenbildung, Kath. Familienbildungsstätte, Landesturnschule, Melle, Lagerhalle, Universität Osnabrück. Zu den Angeboten der Veranstaltungsreihe zählen Formen des Gesundheitssports, der Meditation im Sitzen (Zen, Kontemplation) und in Bewegung (Yoga, Taijiquan, Qigong, Feldenkrais) sowie Achtsamkeitstraining (MBSR).

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