Ausstellung im Industriemuseum Wie der Konsum das Gesicht der Großen Straße verändert hat

Von Dietmar Kröger


Osnabrück. „Waren, Welt und Wirtschaftswunder. Die Große Straße in Osnabrück um 1900“ hat Rolf Spilker seine Ausstellung zum Wandel von Osnabrücks Einkaufsmeile genannt und ist dafür in die Archive des Bauamtes gestiegen, um dort wahre Schätze zu entdecken.

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg führte die rasch fortschreitende Industrialisierung zu einem rasanten Wachstum der Städte und zu einer bis dahin nicht gekannten temporeichen Veränderung gesellschaftlicher Zusammenhänge. Vor allem der Wandel hin zu einer Massenkonsumgesellschaft gestaltete das Antlitz der Städte neu. In Osnabrück ist dieser Wandel in der Großen Straße besonders auffällig. Der Leiter des Museums Industriekultur, Rolf Spilker, hat diesen Wandel in einer Ausstellung nachvollzogen, die ab Sonntag im Magazingebäude am Süberweg zu sehen ist.

Reaktion auf revolutionäre Veränderungen

Spilker ist in die Archive der Bauverwaltung gestiegen und hier auf Zeichnungen und Bauanträge gestoßen, die aktenkundig machen, wie die Welt der Wirtschaft insbesondere des Einzelhandels auf die zum Teil revolutionären Veränderungen reagierte. Nach der Durchsicht der Akten ist sich Spilker sicher: „Die Stadt weiß gar nicht, welchen Schatz sie da hat.“ Und in der Tat: Anhand der Bauzeichnungen lässt sich für eine Vielzahl der Gebäude in der Großen Straße nachvollziehen, wie sie von ihren Eigentümern den sich verändernden Verhältnissen angepasst wurden. Am augenfälligsten: Aus vormals kleinen Wohnungsfenstern werden große Glasfronten, in denen sich das Warensortiment der Händler trefflich präsentieren lässt. Gab es bis in die 1850er Jahre in der Großen Straße überwiegend Wohnhäuser, wandelte sich das Bild innerhalb weniger Jahrzehnte – aus einfachen Wohnhäusern wurden Konsumtempel.

Angemessene Orte für die Güterverteilung

Es war die industrielle Produktion, die es ermöglichte, dass viele Güter für die breite Bevölkerung erschwinglich wurden und für deren Verteilung angemessene Orte gefunden werden mussten. Diese etablierten sich mit den Kauf- und Warenhäusern nach und nach in den Innenstädten. Und nicht nur das: Mit ihnen und durch sie entstand eine zentrumsbildende Infrastruktur, die das Bild der Städte und das alltägliche Leben der Menschen maßgeblich prägte.

Das Museum kombiniert in seiner neuesten Ausstellung, die bis zum Oktober zu sehen ist, die Pläne der um die Jahrhundertwende entstehenden Kauf- und Warenhäuser, mit den hinter den oftmals prachtvollen Fassaden feilgebotenen Waren. Waren zuvor die wenigen Läden der Großen Straße von außen kaum sichtbar in die Wohngebäude integriert, entstanden zunehmend großflächige Schaufensterflächen, die die Kunden in das Innere locken sollten.

„Wir nehmen die Besucher in der Ausstellung an die Hand und führen sie vom Neumarkt durch die Große Straße bis zum Nikolaiort“, sagt Spilker. Auf dem Weg sind neben dem baulichen Wandel der Großen Straße weitere Veränderungen skizziert. So dokumentiert sich die neue Funktion der Großen Straße als innerstädtisches Zentrum unter anderem in der Tatsache, dass sie die einzige Straße war, in der zwei Straßenbahnlinien unterwegs waren. Auch war es die noch junge Osnabrücker Einkaufsmeile, die bedingt durch ihren wachsenden Hunger nach Strom unter anderem für die Beleuchtung der Schaufenster aber auch für die abendlichen Einkaufsbummler die Stadt veranlasste, ein erstes Elektrizitätswerk zu bauen.


Eröffnet wird die Ausstellung „Waren, Welt und Wirtschaftswunder. Die Große Straße um 1900“, zu der es auch einen Katalog gibt, am Sonntag, 7. Mai, um 11 Uhr im Haseschachtgebäude des Museums Industriekultur am Fürstenauer Weg 171. Zur Eröffnung der Ausstellung wird der Traditionsverein „Der Kaiser kommt“ von 11 bis 18 Uhr Mode um 1900 präsentieren. Zu sehen ist die Ausstellung im Magazingebäude am Süberweg bis zum 1. Oktober von mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.