Osnabrücker Landrat Lübbersmann Landrat findet Homann „mehr als unanständig“

Von Jean-Charles Fays


Osnabrück. Für Landrat Michael Lübbersmann kam die Entscheidung, die Homann-Standorte in Dissen und Bad Essen zu schließen, völlig überraschend. Die Absage eines Gesprächstermins durch die Unternehmensführung hält er für „mehr als unanständig“ und erwartet, „dass wir unseren Standortvorteil darlegen können“.

Wie schmeckt Ihnen jetzt noch der Homann-Feinkostsalat?

Vor dem Hintergrund der Entwicklungen schmeckt mir der Salat natürlich überhaupt nicht mehr.

Die neue Entwicklung ist, dass Homann-Aufsichtsratschef Heiner Kamps das für Donnerstag in Düsseldorf geplante Gespräch mit Ihnen und Wirtschaftsminister Olaf Lies platzen ließ. Wie kam es dazu?

Details darüber kenne ich natürlich nicht. Wir haben eine Anfrage für einen Gesprächstermin gestellt. Dieser war für Donnerstag in der Zentrale der Unternehmensgruppe Müller in Aretsried avisiert. Die kurzfristige Absage erfolgte beim Wirtschaftsministerium über eine Berliner Kommunikationsagentur von Müller, wir wurden gar nicht informiert. Die Absage scheint zur Verhandlungsstrategie zu gehören. Ich finde das mehr als unanständig, wenn man bedenkt, wie eng wir mit dem Unternehmen in der Vergangenheit zusammen gearbeitet haben. Den möglichen Neubau von Homann in Dissen haben wir seit November 2015 intensiv begleitet. Seit Oktober 2016 hätte Homann die geforderten Gewerbeflächen für eine Neuansiedlung von über 20 Hektar an der A 33 erwerben können.

Alle Bedingungen von Homann wurden erfüllt, sämtliche Voraussetzungen mit den 20 Hektar für ein neues Werk an der Autobahn geschaffen. Warum reicht das offenbar trotzdem nicht?

Es ist ein strategisch ideal gelegener Standort. Über die A 33 erreicht man mit dem Ruhrgebiet und dem norddeutschen Raum einen wesentlichen Teil des Absatzmarktes. Die Zentralität ist somit überaus günstig. Der Logistiker, der einen Großteil der Transporte übernommen hat, ist in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Entscheidung, den Standort Dissen infrage zu stellen und Leppersdorf zu favorisieren, ist deshalb nicht nachzuvollziehen. Die Lage des nahe der polnischen Grenze gelegenen Leppersdorf ist strategisch deutlich schlechter als unsere.

Haben Sie mit der Entscheidung vor einer Woche zur Schließung der Standorte Dissen und Bad Essen gerechnet?

Nein, es kam völlig überraschend. Noch im Oktober 2016 ist uns von der Homann-Gruppe ausdrücklich mitgeteilt worden, dass großer Wert auf ein hohes Maß an Transparenz und eine gute Kommunikationsebene gelegt wird. Es hieß, dass im Sommer 2017 die Entscheidung gefällt werden soll. Es ärgert mich, dass wir von der Ankündigung zur Schließung der Werke in Dissen und Bad Essen und zur Favorisierung des neuen Standorts Leppersdorf erst Donnerstagabend vor einer Woche über Dritte erfahren haben. Dieses Vorgehen ist dem Landkreis Osnabrück gegenüber sehr unfair, weil wir in dem ganzen Prozess immer eine sehr enge Kommunikation zur Homann-Unternehmensführung gepflegt und die Interessen des Unternehmens bestmöglich bedient haben. So ein Verhalten hat nichts mit Fairness zu tun.

Handstreichartig werden jetzt offenbar 140 Jahre Unternehmensgeschichte beendet. Der Dissener Bürgermeister spricht davon, dass in nicht wenigen Familien Vater und Mutter bei Homann beschäftigt sind. 1200 Jobs im Landkreis sind bedroht. Wie nahe geht Ihnen das?

Es macht mich fassungslos und natürlich trifft es gerade Familien sehr hart. Daher ist es ein ganz herber Schlag, egal ob es in der Folge vielleicht einen neuen Arbeitsvertrag gibt. Für viele Beschäftigte ist Homann aus ihrem Leben nicht wegzudenken, gerade wenn schon ganze Generationen im Unternehmen beschäftigt waren. Da können Sie sich vorstellen, welche Verbundenheit es gibt und welche Kultur in den Familien vorherrscht.

Leser unserer Zeitung rufen bereits zum Boykott der Homann-Produkte auf. Sind Sie genauso frustriert?

Ich bin auch verärgert, aber rufe natürlich nicht zum Boykott auf. Es gibt ein wesentliches Ziel: Und das ist der Erhalt des Standortes Dissen. Und darüber wollen wir mit dem Konzern verhandeln. Ich setze darauf, dass wir noch eine Lösung im Sinne von Dissen erreichen. Meine Erwartungen sind folgende: Wir wollen in einem Gespräch mit den Verantwortlichen noch einmal unsere Standortvorteile ganz deutlich aufzeigen. Und natürlich auch hören, ob wir über das bisher geleistete hinaus noch etwas für den Standorterhalt tun können. Ich denke, darauf hat die Region und haben die Mitarbeiter ein Recht, nachdem, was wir im Vorfeld für das Unternehmen bereits getan haben.

Wie hoch schätzen Sie die Chance für den Erhalt noch ein?

Ich gebe die Hoffnung nicht auf und werde dafür kämpfen, dass wir den Standort erhalten. Die Verhandlungen zum Standort Leppersdorf scheinen noch in einem sehr frühen Stadium zu sein. Das, was es bei uns an systematischer Planung gegeben hat, scheint dort noch nicht mal begonnen worden zu sein. Deshalb sehe ich noch die Möglichkeit, dass Dissen zum favorisierten Standort wird.

Welchen Einfluss kann die Demo am Sonntag in Dissen auf die Unternehmensführung haben?

Ich erhoffe mir, dass das Unternehmen durch die öffentliche Wahrnehmung der Demonstration noch einmal intensiv in sich geht und feststellt, dass diese Region fest entschlossen ist, für den Standort zu kämpfen. Ich hoffe, dass sich das Unternehmen bewusst wird, wie sinnvoll es wäre, ein Gespräch mit dem Landkreis und dem Wirtschaftsministerium zu führen.

Warum ist es so wichtig, am Sonntag in Dissen zu demonstrieren?

Wir wollen damit ein Zeichen setzen: Je mehr Menschen dabei sind, umso sichtbarer wird dieses Zeichen sein. Ich würde mich also freuen, wenn sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger im Osnabrücker Land für den Standort einsetzen und wenn wir Sonntag alle gemeinsam für den Standort kämpfen.

Was können Sie als Landrat jetzt überhaupt noch für das Werk Dissen tun?

Um das auszuloten, benötige ich jetzt erst einmal ein Gespräch mit der Unternehmensführung. Bislang habe ich nur vom Lohngefälle und von Gerüchten über mögliche Fördermittel in Höhe von 25 Millionen Euro gehört. Ich muss jetzt erst einmal aus erster Hand erfahren, woran es wirklich liegt, dass Leppersdorf bislang favorisiert wird. Erst danach können wir darüber sprechen, was wir dem in Abstimmung mit dem Wirtschaftsministerium entgegensetzen können.

Welche Auswirkungen hat es Ihrer Einschätzung nach auf den Landkreis Osnabrück, dass die Werke in Dissen und Bad Essen bis 2020 schließen?

Zunächst einmal glaube ich fest daran, dass wir an der Priorisierung der Standorte noch etwas ändern können. Ich setze alles daran, den Standort zu erhalten. Wenn es dann doch zur Schließung käme, wären die Auswirkungen für die Mitarbeiter natürlich verheerend. In der Region haben wir allerdings eine vergleichbar geringe Arbeitslosigkeit und wir konnten uns in den vergangenen Jahren immer wieder über große Unternehmensansiedlungen freuen, vor wenigen Tagen gerade wieder in Ostercappeln, wo das Unternehmen Häcker Küchen mehrere hundert Arbeitsplätze schafft. Das sind Faktoren, die das Desaster mildern können.

1000 neue Mitarbeiter sollen in Leppersdorf eine berufliche Zukunft finden. Wie viele davon werden Ihrer Erwartung nach ins 500 Kilometer entfernte Leppersdorf umziehen?

Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass eine nennenswerte Zahl von Mitarbeitern umziehen wird. Die Leute sind hier mit Haus und Familie verwurzelt und werden sich in der Region einen neuen Job suchen. In Zeiten des Fachkräftemangels werden viele qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell an anderer Stelle benötigt.

Werden Sie eine Taskforce Homann einsetzen, um das Thema zur Chefsache zu machen, wenn endgültig feststehen sollte, dass 1200 Mitarbeiter im Landkreis ihren Job verlieren?

Wenn es so kommen sollte, werde ich an der Spitze der Bewegung stehen und alles dafür tun, dass wir für die Betroffenen möglichst gute Rahmenbedingungen für einen neuen Job in der Region schaffen.