Aufarbeitung gewünscht Loveparade-Prozess: Betroffene aus der Region überrascht

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Die Gedenkstätte für die Loveparade-Opfer in Duisburg: Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat beschlossen, ein Strafverfahren über die Loveparade-Katastrophe zu eröffnen. Betroffene aus der Region sind überrascht. Foto: Roland Weihrauch/dpaDie Gedenkstätte für die Loveparade-Opfer in Duisburg: Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat beschlossen, ein Strafverfahren über die Loveparade-Katastrophe zu eröffnen. Betroffene aus der Region sind überrascht. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Osnabrück/Belm. Sieben Jahre nach der Duisburger Loveparade-Katastrophe mit 21 Toten soll die Schuldfrage der Tragödie nun doch noch in einem Strafprozess aufgearbeitet werden. Für Betroffene aus Osnabrück und Belm ist die Entscheidung des Düsseldorfer Oberlandesgerichts eine Überraschung.

Ein 28-jähriger Osnabrücker, der namentlich nicht genannt werden möchte, hat die Loveparade-Katastrophe 2010 miterlebt. Von seiner Osnabrücker Rechtsanwältin Martina Goldkamp-Abraham erhielt er am Montag sofort die Nachricht, dass der Prozess doch stattfinden wird. Überrascht war er davon schon, hält es aber für den „richtigen Weg“.

Der damals 21-Jährige, der mit fünf Freunden bei der Loveparade war, erlitt Schürfwunden und Prellungen. Sein Freund überlebte nicht. „Wer nicht dabei gewesen ist, kann nicht nachvollziehen, welche Kraft Menschenmassen entwickeln können“, sagt er. Mittlerweile kann er wieder zu Festivals und in Discos gehen, weiß aber immer, wo die Notausgänge sind. An jedem Jahrestag, bei jeder Nachricht zur Loveparade komme das Erlebte aber wieder hoch.

„Damit es nicht wieder passiert“

Schon für den ersten geplanten Prozess, der nicht zustande kam, war er als Nebenkläger zugelassen. Nebenkläger will er bleiben. Aus den Fehler müsse man lernen. „Allein, damit es nicht wieder passiert“, hält er eine Verhandlung für wichtig, auch wenn seiner Meinung nach einige Personen auf der Anklagebank fehlen. Er will die Verhandlung zum Teil jedenfalls persönlich verfolgen.

Auch seine Rechtsanwältin Martina Goldkamp-Abraham war überrascht, dass die Klage nun doch zugelassen wird. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ein Prozess ist das, was sie und ihr Mandant sich immer gewünscht hätten. „Ich finde die Entscheidung richtig“, betont sie. Da er zum ersten Verfahren schon zugelassen war, geht sie davon aus, dass er auch in diesem Fall wieder als Nebenkläger auftreten wird. Die entsprechenden Anträge werde sie vorsichtshalber noch einmal stellen.

Verjährungsfrist im Blick

Sie geht davon aus, dass der Prozess möglichst schnell startet, denn man müsse die absolute Verjährungsfrist im Blick haben. Das bedeutet, dass das Verfahren zehn Jahre, nachdem das letzte Opfer gestorben ist, abgeschlossen sein muss. Es wäre eine „Voll-Katastrophe“, würde der Prozess daran scheitern. „Das können sie sich nicht leisten, dass ein solcher Prozess verschleppt wird“, ist auch ihr Mandant überzeugt.

Stefanie Mogendorf aus Belm ist hingegen noch misstrauisch, was den Prozess betrifft. Ihr Sohn Eike starb bei der Loveparade-Katastrophe. Auch er war 21 Jahre alt. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass eine Verhandlung nicht mehr stattfinden würde. Als sie nun die Nachricht erreichte, dass das Düsseldorfer Oberlandesgericht die Klage gegen zehn Personen zugelassen hat, war sie überrascht. „Ich hatte immer das Gefühl, es würde alles rausgezögert“, sagt sie – „bis es verjährt ist.“

„Wir wollen alles klar auf dem Tisch“

Nachdem das Landgericht Duisburg im vergangenen Jahr die Klage zurückgewiesen hatte, hatten ihr Mann und sie versucht, die Entscheidung zu akzeptieren und damit klar zu kommen. Zuvor hatten sie sich jahrelang für einen Prozess eingesetzt. Von einer Verhandlung erhoffen sich die beiden Gerechtigkeit. „Wir wollen alles klar auf dem Tisch“, sagt Mogendorf. Sie wollten, dass die Fehler und Versäumnisse aufgearbeitet würden.

Inwiefern sich die Mogendorfs am Prozess beteiligen werden, können sie so kurz nach der Entscheidung noch nicht absehen. Es sei eine emotional sehr belastende Situation. „Eine solche Verhandlung holt alles wieder hervor“, sagt sie. Dann würden sie alles wieder durchleben. „Es wäre, als ob unser Kind noch einmal gestorben sei.“

„Verhandlung gut und richtig“

Wenn sich das Ehepaar aber nun wieder mehr damit befasse, „vielleicht kommt dann aber wieder diese Wut hoch“, sagt sie. Dann überlege man es sich möglicherweise. Stefanie Mogendorf zweifelt auch daran, ob es in einem Prozess eine Gerechtigkeit geben wird, wie die Angehörigen sie sich vorstellen. Ob sie juristisch vertreten sein werden oder nicht, verfolgen werden ihr Mann und sie den Prozess auf jeden Fall. Denn dass es eine Verhandlung gibt, findet sie gut und richtig.


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