Umfrage im Einzelhandel Was hat die Gebühr auf Plastiktüten in Osnabrück gebracht?

Fast ein Jahr ist es nun her, dass Politik und Einzelhandel sich vornahmen, Plastiktüten kostenpflichtig zu machen. Foto: Michael GründelFast ein Jahr ist es nun her, dass Politik und Einzelhandel sich vornahmen, Plastiktüten kostenpflichtig zu machen. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Fast ein Jahr ist es nun her, dass Politik und Einzelhandel sich vornahmen, Plastiktüten kostenpflichtig zu machen. Anlass, um herauszufinden, was Osnabrücker Geschäfte seitdem getan haben. Ist die Maßnahme überhaupt sinnvoll?

Im Juli 2016 trat die freiwillige Selbstverpflichtung in Kraft, derzufolge der Einzelhandel innerhalb von zwei Jahren für 80 Prozent der Kunststofftüten Geld verlangen soll. Grundlage ist eine EU-Richtlinie, die zum Ziel hat, den Pro-Kopf-Verbrauch an Plastikbeuteln zu reduzieren.

(Weiterlesen: Handel will für Plastiktüten Geld nehmen)

Kunststofftaschen sind insbesondere eine Umweltbelastung, wenn sie außerhalb des regulären Entsorgungssystems in die Natur gelangen. Denn teilweise zersetzen sie sich erst nach mehreren hundert Jahren. Gelangen sie in den Nahrungskreislauf, können sie beispielsweise die Mägen von Tieren verstopfen. Im Meer tragen sie zur Bildung von Plastikstrudeln bei. Anders als beispielsweise PET-Flaschen sind die dünnen Tüten meist schwierig zu recyceln.

Lengermann und Trieschmann

In Osnabrück verpflichteten sich bereits im April letzten Jahres rund 30 Geschäfte, von ihren Kunden Geld für Kunststoffbeutel zu nehmen. Im Modehaus L+T sind es 20 Cent pro Tüte. Die Einnahmen gehen laut Marketingchef Bernhard Fischer an das Projekt „Waste Free Ocean“ sowie Initiativen für Mehrwegtaschen.

(Weiterlesen: Bei diesen Geschäften in Osnabrück kostet die Plastiktüte)

Circa 8,2 Tonnen Plastik seien eingespart worden, wie ein Bestandsvergleich zeige. Fischer schätzt, dass sich der Tütenverbrauch fast halbiert habe: „Nur ganz wenige Kunden glauben, dass sie einen Kunststoffbeutel umsonst bekommen, wenn sie einen Anzug für 5000 Euro kaufen.“

Buchhandlung Wenner

Bei Bücher Wenner kostet jede Tüte zehn Cent, die dann einer Walpatenschaft zugute kommen. Laut Geschäftsführer Jonas Wenner wurde die Nachfrage dadurch um rund 80 Prozent gesenkt. Beide Geschäfte berichten, dass Kunden ihre eigenen Jutebeutel, Nylontaschen oder Rucksäcke mitbrächten.

Osnabrücker Wochenmarkt

Nicht kollektiv der Verpflichtung angeschlossen haben sich die Händler des Osnabrücker Wochenmarktes. Bei der jüngsten Versammlung sei jedoch diskutiert worden, Stofftaschen einzuführen, erklärt Ingo Wille, Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft. „Aber die Beschicker sind ein buntes Volk“, so Wille. Manche wollten ihre Gewohnheiten nicht ändern und zwingen möchte der Vorstand sie nicht.

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An manchen Ständen werden Plastikbeutel jedoch nur herausgegeben, wenn Kunden nichts zum Transportieren dabei haben. Ansonsten greifen diese Händler auf Papiertüten zurück. „Einige wollen die Kunden schon zum Umdenken bringen“, erklärt Wille. Viele Marktbesucher haben ihmzufolge aber sowieso ihre eigenen Taschen dabei.

Gebühr oder Verbot?

Die Initiative „Plastiktütenfreies Osnabrück“ hat mittlerweile fast 80 Geschäfte in der Stadt für den vollständigen Verzicht auf Kunststofftaschen ausgezeichnet. Warum aber erheben manche Geschäfte eine Gebühr, anstatt die Tüten ganz zu verbannen?

Diese Frage wird bei L+T und Wenner ähnlich beantwortet. „Wir wollen eine Evolution, keine Revolution“, stellt Fischer klar. Die Kunden sollen einen Anreiz bekommen, aber nicht bevormundet werden. Beide Geschäfte verweisen zudem darauf, dass sie ihre restlichen Plastikbeutel noch loswerden müssten und Papiertaschen nicht zwangsläufig umweltfreundlicher seien.

Alternative: Papiertüten

Beide Argumente lässt Markus Große-Ophoff von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) nur eingeschränkt gelten. Schließlich seien die Restbestände irgendwann aufgebraucht, erklärt der Leiter des Zentrums für Umweltkommunikation. Langfristig hält er Papiertüten für die bessere Option, weil sie sich zersetzen und aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen.

(Weiterlesen: Was bringt der Abschied von der Plastiktüte – und was nicht)

„Zumindest tendenziell sind diese Taschen in der Produktion umweltfreundlicher, insbesondere die aus Recyclingpapier“, sagt Große-Ophoff. Selbst Jutebeutel seien erst sinnvoll, wenn sie 20- bis 30-mal benutzt würden.

Tüten sind nur Teil des Problems

Dass eine langfristige Lösung erst noch gefunden werden muss, gibt auch Wenner zu. Allerdings hänge die auch von der Nachfrage der Kunden ab. Fischer verweist auf die Besonderheiten seiner Branche: „In sieben Jahren verlangt vielleicht auch bei uns niemand mehr Plastiktüten, so wie bereits im Lebensmittelbereich.“

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Sowieso hält Große-Ophoff Kunststofftaschen nur für einen Teil des Problems. Er fordert, dass Plastikverpackungen insgesamt unter die Lupe genommen werden – also auch Becher oder eingeschweißte Ware. Alle drei sind sich einig, dass die freiwillige Selbstverpflichtung nur eine erste, eher symbolische Maßnahme sei.

(Zur Themenseite „Das tut sich in Osnabrück“)


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