Prozess wird neu aufgerollt Totschlag: Frauenarzt aus Osnabrück ab Mittwoch vor Gericht

Von Andrea Königl

Wiedersehen vor Gericht: Nach seiner Auslieferung aus Chile muss sich ein Osnabrücker Gynäkologieprofessor demnächst erneut gegen den Vorwurf verteidigen, im Dezember 2013 in Erding seine damals 60 Jahre alte Ehefrau brutal getötet zu haben. Foto: Armin Weigel/dpaWiedersehen vor Gericht: Nach seiner Auslieferung aus Chile muss sich ein Osnabrücker Gynäkologieprofessor demnächst erneut gegen den Vorwurf verteidigen, im Dezember 2013 in Erding seine damals 60 Jahre alte Ehefrau brutal getötet zu haben. Foto: Armin Weigel/dpa

Osnabrück. Wegen des gewaltsamen Todes seiner Ehefrau muss sich ab Mittwoch ein Osnabrücker Gynäkologieprofessor vor dem Landgericht Landshut verantworten. Und das bereits zum zweiten Mal: Der Prozess gegen den 57-Jährigen wird neu aufgerollt, weil er 2015 möglicherweise zu Unrecht freigesprochen wurde.

Es war ein spektakulärer Indizienprozess, an dessen Ende nach 20 Verhandlungstagen ein umstrittenes Urteil stand: Der wegen Totschlags angeklagte Frauenarzt konnte am 19. Januar 2015 den Gerichtssaal als freier Mann verlassen, weil die erste Strafkammer weder von seiner Schuld noch seiner Unschuld überzeugt war. „Der Tod der Ehefrau bleibt vorerst ungeklärt“, stellte die Vorsitzende Richterin Gisela Geppert in ihrer Urteilsbegründung fest.

Die Staatsanwaltschaft legte daraufhin Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) ein, ebenso die beiden leiblichen Kinder des Opfers als Nebenkläger. Mit Erfolg: Der Freispruch wurde in höchster Instanz aufgehoben, das Verfahren ans Landgericht Landshut zurückverwiesen. Nun ist es an der sechsten Strafkammer, Licht ins Dunkel um die Ereignisse zu bringen, die sich am 4. Dezember 2013 im Reihenhaus des Ehepaars in Erding zugetragen haben.

Erhebliche Verdachtsmomente

Bis zuletzt hatte der renommierte Medizinprofessor, der lange Chefarzt an Kliniken in Osnabrück und Bremen war und zuletzt in Erding eine gynäkologische Gemeinschaftspraxis führte, die Vorwürfe der Anklage zurückgewiesen, er habe an jenem Tag seine 60-jährige Ehefrau im Badezimmer zunächst verprügelt und dann erwürgt. Während des Prozesses war der 57-Jährige trotz seiner ausgesuchten Höflichkeit, den perfekt sitzenden Anzügen und seinen Beteuerungen, das Opfer sei „seine Seelenverwandte“ gewesen, nicht in bestem Licht erschienen. Der Freispruch kam für viele Beobachter daher völlig überraschend.

„Der Freispruch hatte zu erfolgen“, erklärte Geppert, „weil kein Täter ermittelt werden konnte“, nicht weil man den Angeklagten für unschuldig halte. Tatsächlich würden „erhebliche Verdachtsmomente“ bestehen. So sei die Kammer überzeugt davon, dass der Angeklagte sie in einigen Punkten nicht mit der Wahrheit bedient habe – etwa was die Alkoholsucht seiner Frau betrifft, die er nicht bemerkt haben will: „Eine Leber, die zu 95 Prozent verfettet ist, kann einem nicht entgehen.“ Auch sei die Ehe nicht ganz so harmonisch gewesen wie vom Angeklagten geschildert.

Schwurgericht hat sich verzettelt

Neben den Alkoholproblemen und dem dominanten Gebaren der Frau habe auch das Thema Geld für genug Zündstoff zwischen den Eheleuten gesorgt. „Die Frau kam auf schlimme Weise ums Leben, aber man muss doch feststellen, dass sie geldgierig war“, sagte Richterin Geppert dazu. Dieses Konfliktpotenzial hätte sich ohne Weiteres am 4. Dezember in einer gewaltsamen Tötung entladen können: „Jeder kann eine derartige Aggression entwickeln.“ Allein die Gesamtschau aller Indizien sei nicht ausreichend.

Das sah der BGH anders. Gerade die Summe der Hinweise hätte auch zu einer Verurteilung führen können, meinte der erste Strafsenat. Das Schwurgericht in Landshut habe sich zu sehr verzettelt – ein Punkt, den auch Staatsanwalt Klaus Kurtz unmittelbar nach der Urteilsverkündung im Januar 2015 kritisiert hatte. Die Kammer habe bei der Urteilsfindung „überspannte Anforderungen an die für eine Verurteilung gestellte Nachweisbarkeit“ gehabt und belastenden Indizien und Widersprüchlichkeiten unzureichend gewichtet, so Kurtz. Er hatte für den Gynäkologen eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren gefordert.

In Chile untergetaucht

Der Frauenarzt selbst setzte nach seinem Freispruch ein für viele Prozessbeobachter aussagekräftiges Zeichen: Erst zog er in das geerbte Haus seiner Eltern in Bad Iburg ein, dann setzte er sich nach Chile ab – noch ehe das schriftliche Urteil der Bundesrichter aus Karlsruhe als Grundlage für den Erlass eines neuerlichen Haftbefehls vorlag. Seine Ausreise stellte die deutsche Justiz vor echte Probleme, denn Chile hat kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland. Dennoch gelang es der Landshuter Staatsanwaltschaft auf diplomatischem Weg, die Rückkehr des Professors nach Bayern zu erzwingen. Seit Ende Februar sitzt der Angeklagte, der monatelang unbehelligt unter Palmen gelebt und zeitweise sogar an einer Klinik in Santiago gearbeitet hat, in der Justizvollzugsanstalt Berggrub in Untersuchungshaft.

Ihm steht erneut ein Mammutverfahren bevor: 15 Verhandlungstage sind geplant, vorerst 23 Zeugen geladen, es gibt drei Verteidiger und etliche Gutachter. Läuft alles wie geplant, fällt das Urteil der sechsten Kammer am 2. Juni.

Polizeiliche Spurenvernichtung

Bei der Beweisaufnahme wird sich die Kripo Erding wohl wieder heftige Kritik gefallen lassen müssen. Ihr war beim letzten Mal fehlende Professionalität vorgeworfen worden. Dies habe damit begonnen, so Richterin Geppert in der Urteilsbegründung, dass der Tatort trotz 100 Blutergüssen an der Leiche nicht als solcher erkannt worden sei. Was dann folgte, sei eine „polizeiliche Spurenvernichtung anstelle einer polizeilichen Leichenschau gewesen“. Die Leiche sei nicht gesichert gewesen; ihre Temperatur lediglich einmal gemessen worden – und das völlig unzureichend mit einem Fleischthermometer. Später habe man dem Angeklagten gar erlaubt, das Bad zu putzen.

Auch die Anwälte des Osnabrückers hatten die Arbeit der Polizei bemängelt. Der Kölner Juraprofessor Karsten Fehn sagte, die Ermittlung strotze vor „Fehlern, Versäumnissen, frühzeitigen Festlegungen und Manipulationen“. Und der Münchner Verteidiger Matthias Schütrumpf wies darauf hin, dass ein völlig unbekannter Täter die Frau umgebracht haben könnte. Die Spurenlage am Tatort widerspreche dem nicht.


0 Kommentare