Uraufführung in Osnabrück Sehr gelungen: „Die unbekannte Stadt“ im Emma-Theater

Der Schatten (Benjamin Werner) und Michael (Jost op den Winkel, hinten) lassen Renatas (Johanna Franke) Erinnerungen lebendig werden. Foto: Theater Osnabrück/Uwe LewandowskiDer Schatten (Benjamin Werner) und Michael (Jost op den Winkel, hinten) lassen Renatas (Johanna Franke) Erinnerungen lebendig werden. Foto: Theater Osnabrück/Uwe Lewandowski

Osnabrück. Das Osnabrücker Kinder- und Jugendtheater Oskar hat die Uraufführung von „Die unbekannte Stadt“ gefeiert. Das Stück über ein traumatisiertes Flüchtlingsmädchen und einen ebenfalls seelisch kranken Jungen ist sehenswert.

Dieses Mädchen ist geheimnisvoll. Ihr Name ist unbekannt, ihre Herkunft ebenso. Und wenn sie redet, klingt vieles wie ein Rätsel. „Mein Kopf ist wie zwei Walnüsse in einer Tüte“, sagt sie. Oder: „Ich habe tausend Küken im Kopf.“

Renata, wie sie sich nennt, wollte sich umbringen. Nachdem sie aus dem Fluss gezogen wurde und im Koma lag, ist sie in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht. Aus therapeutischen Zwecken arbeitet sie im Café der Klinik, wo sie auf Michael trifft, ebenfalls Patient. Was folgt, ist die vorsichtige Annäherung zweier verstörter Seelen.

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Berührendes Stück

In „Die unbekannte Stadt“ wird diese Liebesgeschichte berührend und ohne Pathos erzählt. Stück und Inszenierung nehmen von Beginn angefangen. Zu sphärischen Klängen und einem dem Herzschlag nachempfundenen Rhythmus richten sich die drei „Oskars“ Atemzug für Atemzug an- und miteinander vom Boden auf, wo sie zu einem gemeinsamen Etwas verknäult lagen. Es lösen sich einzelne Figuren heraus: Renata (Johanna Franke), Michael (Jost op den Winkel) und der Schatten (Benjamin Werner), eine Verkörperung (verdrängter) Erinnerungen und Gefühle der zwei Teenager.

Mit Michael und Renata finden im von Anis Hamdoun („The Trip“), Regisseur Tuğsal Moğul und Dramaturgin Maria Schneider geschriebenen Stück zwei Kulturen selbstverständlich zueinander. Dass Renata nicht aus Deutschland kommt, verraten ihre ungewöhnlichen Redewendungen. Ihre Muttersprache und ihre Identität hat sie allerdings vergessen. Das Stück führt so vor, welche Traumata Menschen nach Krieg, Gewalt und Flucht haben.

(Weiterlesen: Anis Hamdouns „The Trip“ beim Spieltriebe-Festival 2015)

Wer ist Renata?

Auch Michael ist nach dem Selbstmord seines Vaters traumatisiert. Er will Therapeut werden und liest sich über den menschlichen Geist schlau. Durch Sinnesreize versucht er, Renatas Erinnerung wiederzubeleben. So hilft der selbsternannte Psychologe nicht nur seiner Patientin, sondern auch umgekehrt sie ihm.

Tuğsal Moğuls ohnehin starke Inszenierung gewinnt durch Videos und Musik noch mehr an Kraft. Die Filme (Bühne und Kostüme: Ariana Salzbrunn), die schon mal Metaphern aus dem Text aufgreifen, stehen für Erinnerungen und Gefühle, genau wie der Schatten, Benjamin Werners stumme Rolle, in der er kommt und geht. Genauso wie die Erinnerung eben.

Überhaupt sind die Schauspieler das Zentrum der Inszenierung. Jost op den Winkel spielt Michael als schüchternen und verunsicherten Jugendlichen, der zu früh erwachsen werden musste und Gefühle verdrängt. Aus Johanna Franke als Renata sprudeln die Gefühle schon mal schön heraus. Wer sie ist? Sie weiß es selbst nicht – und das hat manchmal sogar etwas Befreiendes.

(Weiterlesen: Auszeichnung für „The Trip“)

Coming-of-Age-Geschichte

Ohne Probleme finden hier zwei Kulturen zueinander. Das macht Mut. Genauso wie die Tatsache, dass die zwei jungen Menschen an ihren quälenden Erinnerungen nicht zerbrechen. Auch das lässt diese Coming-of-Age-Geschichte zu einem Stück für alle werden – nicht nur für die Zielgruppe ab 14.

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