71,5 Prozent Nein in Canakkale So sehen Osnabrücker Türken das Referendum

In Canakkale, Osnabrücks türkischer Partnerstadt, gab es mit über 70 Prozent Nein-Stimmen eine klare Mehrheit gegen das Referendum zur Verfassungsänderung. Archiv-Foto: Désirée TherreIn Canakkale, Osnabrücks türkischer Partnerstadt, gab es mit über 70 Prozent Nein-Stimmen eine klare Mehrheit gegen das Referendum zur Verfassungsänderung. Archiv-Foto: Désirée Therre

Osnabrück. 63,1 Prozent der Türken, die in Deutschland leben und beim türkischen Verfassungsreferendum mitgewählt haben, haben für die Ausweitung der präsidialen Macht gestimmt. In Osnabrücks türkischer Partnerstadt Canakkale sah das anders aus. Dort hätten 71,5 Prozent der Wähler mit Nein gestimmt, hat Canakkales Städtebotschafterin berichtet. Und wie sehen in Osnabrück lebende Türken das Referendum?

Osnabrücks Beziehungen in die Türkei sind sehr lebendig. Seit dem Jahr 2004 unterhalten die Friedensstadt und die türkische Stadt Canakkale im Nordwesten der Türkei eine Städtepartnerschaft. Um Nachrichten aus der Partnerstadt zu bekommen, braucht es nur einen Anruf im Osnabrücker Rathaus, wo Canakkales Städtebotschafterin Efra Ersantolu ihren Arbeitsplatz hat. Mit Spannung hat sie den Wahlausgang in ihrer türkischen Heimat verfolgt. Sehr deutlich gegen die Ausweitung der Machtbefugnisse hätten sich die Menschen in Osnabrücks Partnerstadt positioniert, berichtet sie. Mit 71,5 Prozent stimmten die Wähler in Canakkale mit Nein beim Referendum, hat sie erfahren. In der Provinz Canakkale, in der Canakkale die Hauptstadt ist und zu der 12 Landkreise mit über 500 Dörfern gehören, weicht das Ergebnis durchaus auch vom Gesamtergebnis in der Türkei ab, wenn auch nicht so deutlich wie in der Stadt selbst: Rund 60 Prozent stimmten in der Provinz beim Referendum mit Nein ab, rund 40 Prozent mit Ja. Landesweit lautet das vorläufige Endergebnis 51,4 Prozent Ja-Stimmen für das Referendum „Meine Freunde in der Türkei waren mehrheitlich gegen Erdogan und sind nun durchaus verunsichert, was nun passiert“, berichtet Städtebotschafterin Ersantolu von der Stimmung, die sie im Austausch mit den Freunden mitbekommen hat. „Einige hoffen auch, dass die Abstimmung wegen der vermuteten vielen Fehler bei der Wahl wiederholt wird, glauben aber nicht, dass es so kommt“, sagt sie.

Das sagen Osnabrücker Türken

Lebendige Diskussionen über das türkische Verfassungsreferendum lassen sich auch bei einem Bummel durch Osnabrück mit zufälligen deutsch-türkischen Begegnungen führen. Scharfe Worte findet ein 21-jähriger Alevit mit deutschem Pass, den wir als Kunde in einem Friseursalon treffen. Er ist fest davon überzeugt, dass Wahlmanipulation dem türkischen Staatspräsidenten zum Sieg verholfen hat, und zieht Parallelen zu Hitlers Machtergreifung. „Das erinnert mich an 1933“, sagt der junge Mann, der wie fast alle, die uns ihre Meinung zum Ausgang der Wahl sagen, anonym bleiben möchte. „Krass“ findet er die Politik Erdogans. „Ein Präsident jagt das Volk gegeneinander“, sagt er. Wie er mit Landsleuten umgeht, die Befürworter dieser Politik sind? Der junge Mann lächelt und sagt: „Das Thema Politik kann man zurzeit ganz vergessen.“ Er habe im familiären Umfeld schon erlebt, dass jemand, der seine Meinung auf Facebook gepostet hatte, danach Anfeindungen im Netz ausgesetzt gewesen sei. Völlig unverständlich findet er, dass Mitbürger, die hier leben, sich für das Präsidialsystem in der Türkei aussprechen. Im Umgang mit dem türkischen Staatspräsidenten würde sich der 21-Jährige ein konsequenteres Verhalten anderer Länder wünschen. Hätte er bis vor Kurzem die Türkei noch sehr gerne in der EU gesehen, sieht er das jetzt nicht mehr positiv. Mitwählen konnte der junge Mann beim Referendum nicht, weil er nur über den deutschen Pass verfügt.

Ein paar Schritte weiter treffen wir Sadik Ugrag bei der Arbeit, nach eigenem Bekunden bereits 1969 im Alter von drei Jahren nach Deutschland gekommen und hier aufgewachsen. Er ist bekennender Erdogan-Fan und hat beim Referendum mit „Ja“ gestimmt. Als tief sitzenden Stachel empfindet er, dass die Türkei bislang nicht in die EU aufgenommen wurde. „Warum darf die Türkei nicht in die EU?“, fragt er, um zu ergänzen: „Nun bin ich aber der Meinung, die Türkei sollte nicht mehr beitreten.“ Denn seiner Meinung nach geht es der Türkei wirtschaftlich nun so gut, dass sie den Beitritt nicht mehr brauche. Ugrag erzählt, dass er die Türkei einmal im Jahr besucht und dabei festgestellt habe, dass der wirtschaftliche Aufschwung sehr groß sei, seitdem Tayyip Erdogan regiere. Ganz besonders auffällig sei der Ausbau des Autobahn-Netzes, aber auch die Modernisierung von Krankenhäusern beispielsweise. Dass Erdogan die Todesstrafe einführen wolle, findet er gut, denn das schrecke ab, sagt der Mann mit dem freundlichen Lächeln, während er seinem ebenso entspannt dreinblickenden deutschen Kollegen den Arm um die Schulter legt. „Dich nehme ich nach der Pensionierung auch mit in die Türkei“, sagt Ugrag, und beide lachen, dann wird weitergearbeitet.

Sehr lebendig diskutiert wird der Ausgang des Verfassungsreferendums in einem weiteren Klein-Betrieb in der Osnabrücker Innenstadt. Der türkische Inhaber lebt und arbeitet seit drei Jahrzehnten in Deutschland und wird sehr emotional, wird er nach seiner Meinung zum Ausgang des Referendums in der Türkei gefragt. Er wirft der deutschen Politik zu laschen Umgang mit der in Deutschland seit 1993 als Terrororganisation verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor. Zwei Familienangehörige seien dem gewaltsamen Kampf der PKK gegen die türkische Regierung zum Opfer gefallen, berichtet er unter Tränen. Deshalb habe er für Erdogan gestimmt. Manchmal werde er von Kunden gefragt, wann die Türkei den Kurden Land gebe, berichtet er empört. Zugleich betont er die große Gastfreundschaft der Türkei und das friedliche Miteinander vieler Nationen im Land.

Einige andere Inhaber oder Mitarbeiter türkischer Betriebe in der Stadt hören sich die Bitte, mit uns über den Ausgang des türkischen Referendums zur Verfassungsänderung zu diskutieren, freundlich an, berufen sich dann aber weiter freundlich lächelnd auf „zu schlechtes Deutsch“ - in einwandfreiem Deutsch. Es scheint also einige mehr zu geben, deren Strategie zurzeit lautet: Besser nicht über Politik sprechen.


So wählten Türken in Deutschland

In Deutschland leben rund 1,4 Millionen wahlberechtigte Türken. Außerhalb der Türkei ist Deutschland somit das Land mit dem größten Anteil wahlberechtigter türkischer Bürger. Knapp die Hälfte von ihnen hat sich an der Abstimmung über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei beteiligt. Die Abstimmung erfolgte in 13 deutschen Städten überwiegend in den türkischen Generalkonsulaten. Im vorläufigen Gesamtergebnis aus Deutschland überwiegen mit 63,1 Prozent klar die „Ja“-Stimmen. Das Verhältnis der Ja- und Nein-Stimmen variiert zwischen den Wahllokalen. So stimmten die Wähler in Münster zu 64 Prozent mit Ja und zu 36 Prozent mit Nein und in Hannover zu 59 Prozent für Ja und 41 Prozent für Nein. Am unentschiedensten ist die Situation in Berlin, wo das Verhältnis von Ja- und Nein-Stimmen jeweils exakt 50 Prozent beträgt.

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