Suizidversuch verhindert Osnabrücker Polizistin als Lebensretterin ausgezeichnet

Blick zurück: Die Osnabrücker Polizistin Dunja F. auf der Humboldtbrücke am Osnabrücker Bahnhof, wo ein 27-jähriger Mann seinem Leben ein Ende setzen wollte. Foto: Michael GründelBlick zurück: Die Osnabrücker Polizistin Dunja F. auf der Humboldtbrücke am Osnabrücker Bahnhof, wo ein 27-jähriger Mann seinem Leben ein Ende setzen wollte. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. An den 3. März 2017 wird sich Dunja F. ihr Leben lang erinnern: Ein 27-jähriger Mann sitzt auf der Humboldtbrücke am Osnabrücker Hauptbahnhof und will sich das Leben nehmen. Doch die erfahrene Polizeioberkommissarin greift ein und kann ihn davon abbringen.

„Ich hatte gerade Nachtschicht, als bei uns gemeldet wurde, dass sich eine Person mit suizidalen Absichten auf der Humboldtbrücke befindet“, erklärt Dunja F. im Gespräch mit unserer Redaktion. Auf dem Vordach der Brücke sitzt ein Mann, wenige Meter von den Gleisen entfernt. Seine Beine baumeln in der Luft, unter ihm verlaufen die Oberleitungen der Bahn. Sofort macht sich die Polizistin auf den Weg. Seit mehreren Jahren arbeitet sie in der Dienststelle der Bundespolizei am Osnabrücker Hauptbahnhof.

An diesem Abend – gegen 21 Uhr – ist es dunkel und feucht. Als die 45-Jährige an der Brücke ankommt, warten bereits mehrere Personen am Ort des Geschehens. Passanten hatten den Mann entdeckt und den Vorfall bei der Polizei gemeldet. Doch der Betroffene will mit niemandem sprechen. Die Polizistin verlässt die Brücke, um sich mit ihren Kollegen zu besprechen. Erste Rettungsmaßnahmen werden eingeleitet, die Humboldtbrücke gesperrt, die Oberleitungen der Bahn abgestellt. Plötzlich meldet sich der Mann, er will mit Dunja F. sprechen.

„Ich dachte, es sei zu spät“

„Der Mann war sehr aufgelöst, er hatte erhebliche private Probleme und wollte nicht mehr leben. Ich wollte ihn beruhigen, ihm Hilfe und Sicherheit geben“, erinnert sich die Polizistin. Sie habe versucht, Vertrauen und Nähe zu dem Mann aufzubauen, auf ihn einzureden, um ihn von seinem Suizidversuch abzubringen. „Es gab eine Situation als der Mann aufstand, sich wegdrehte und verabschiedete. Da dachte ich, es sei zu spät“, sagt Dunja F.

Von ihrer Umgebung habe sie in dieser Zeit nichts wahrgenommen. Sie habe sich abgeschottet, um Nachlässigkeiten und Fehler zu vermeiden, die den Mann gefährden könnten, berichtet die 45-Jährige. „Ich habe ihm aus meinem privaten Umfeld berichtet, da er Bestätigung brauchte und die Gewissheit, dass ich mich mit seinen Problemen auseinandersetze“, so Dunja F. Dabei sei der Mann sehr klar gewesen, jemand mit dem man sich gut unterhalten könne.

Über die Wange gestreichelt

Während sich die Polizistin auf den 27-Jährigen konzentriert, werden im Umfeld der Brücke weitere Rettungsmaßnahmen eingeleitet. Die Bahnsteige werden geräumt, der Zugverkehr im betroffenen Bereich gesperrt. Auf den Gleisen, wenige Meter unterhalb der Brücke, werden zwei Sprungkissen aufgebaut, um Schlimmeres zu verhindern. „Ich habe mich nach Außen abgeschottet und von den durchgeführten Maßnahmen nichts mitbekommen“, sagt die 45-Jährige, die sonst mit einem Kollegen unterwegs ist.

Minutenlang redet die Polizistin, die auch als Hundeführerin aktiv ist, auf den Mann ein – ohne Erfolg. „Während er da saß, habe ich ihn dann gefragt, ob er nicht zurückkommen möchte“, erinnert sich Dunja F. an den entscheidenden Moment. Dann sei der Mann aufgestanden, habe sich umgedreht und sei über das Geländer der Brücke geklettert. „Ich war total erleichtert in dem Moment, habe ihm über die Wange gestreichelt und ihm gezeigt, wie ich mich fühle“, sagt Dunja F.

Auszeichnung als Lebensretterin

Anschließend habe sie den Mann an die Kollegen übergeben. Sechzig lange Minuten stecken Dunja F. in den Knochen. Sechzig Minuten höchster Konzentration, fokussiert auf das Leben eines jungen Mannes. „Diese Situation bleibt im Kopf präsent. Man steckt selbst unter gewaltigem Druck“, so die Polizistin. Zwar sei sie immer wieder auf solche Situationen vorbereitet worden. Doch wenn es drauf ankommt, muss man auch bereit sein, sich auf den Moment einlassen, sagt Dunja F., die sich ihrer Verantwortung stets bewusst war.

Sie selbst habe im Nachgang mit einem Kollegen über den Vorfall gesprochen. Der Betroffene wurde an eine Fachklinik übergeben. „Der Austausch war für mich sehr wichtig“, sagt die 45-Jährige, die bereits am nächsten Tag ihrem gewohnten Dienst nachging. „Man muss den Job einfach lieben“, sagt Dunja F. und schmunzelt. Für ihren „couragierten und geduldigen Einsatz“, ihr „Einfühlungsvermögen“ und ihr „beeindruckendes Engagement“ wurde die Polizistin nun von Martin Kuhlmann, Präsident der Bundespolizeidirektion Hannover, als „Lebensretterin“ ausgezeichnet.


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