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„Deine Anne“ in Osnabrück Mit „Peer Guides“ in Anne Franks Leben eintauchen

Von Vincent Buß


Osnabrück Was Jugendliche interessiert und wie sie es am besten verstehen, wissen sie selbst am besten. Deshalb führen Osnabrücker Schüler als „Peer Guides“ Gleichaltrige durch die Ausstellung „Deine Anne“ im Kulturgeschichtlichen Museum.

Während die Zehntklässler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums vor den Infotexten über Anne Frank stehen, fordern Tugce Gülec und Greta Marie Tileben sie zum Vorlesen und zum Brainstorming auf. Wenn die Osnabrücker Schüler keine Antwort auf eine Frage wissen, beschwichtigen sie: „Ist auch nicht schlimm!“ Was der Grund für die lockere Atmosphäre und die Mitarbeit sein könnte: Tugce und Greta Marie sind die Mitschülerinnen der Besucher.

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Zusammen mit ihren Klassenkameradinnen Anna Strugala, Hanimay Kelle und Francis Roloff sowie Schülern des Gymnasiums „In der Wüste“ arbeiten sie als sogenannte „Peer Guides“ für die Wanderausstellung „Deine Anne“. Freiwillig, außerhalb der Schulzeit und ohne Noten dafür zu bekommen. „Die Schule hat uns die Arbeit vorgeschlagen“, sagt Hanimay, „und weil wir sehr geschichtsinteressiert sind, dachten wir: Das wäre was für uns“.

Notlösung: Google fragen

Wie man durch die Ausstellung führt, lernten die Mädchen in einem Workshop des Anne-Frank-Zentrums in Berlin. Dabei ging es vor allem um Pädagogik, denn das Fachwissen besaßen sie größtenteils schon aus der Schule. So erfuhren sie unter anderem, was zu tun ist, wenn sie eine Frage nicht beantworten können: „Es einfach ehrlich zugeben – oder die Schüler fragen, ob sie das beantworten können“, sagt Greta Marie und lacht. Auch gemeinsam zu googeln sei eine Option.

Einen Schüler herausschicken, weil er störte, mussten sie nur einmal. Ansonsten liefen die Führungen nach Angabe der Schülerinnen sehr gut – vor allem, weil die Jugendlichen mitmachten. Etwas anders war es bei erwachsenen Besuchergruppen. „Die haben sich nicht aufs Vorlesen und die Spiele eingelassen“, berichtet Tugce.

Nichts für den Otto Normalverbraucher?

Der Kurator für Stadtgeschichte beim Kulturgeschichtlichen Museum, Thorsten Heese, erklärt sich das so: „Der Otto Normalverbraucher kommt mit dem Konzept nicht zurecht, er kennt eher passive Museumsbesuche.“ Heese spricht bei den „Peer Guides“ nicht von „Führungen“ sondern von „Begleitungen“, bei denen die Besucher so früh wie möglich eingebunden werden sollen. Das Kulturgeschichtliche Museum arbeitete bereits vorher mit „Peer Guides“ und wird sie auch bei einer Ausstellung über die Reformation einsetzen.

Den Zehntklässlern hat es gefallen: „Weil es Gleichaltrige sind, fühlt man sich nicht so fremd.“ Viele trauten sich deshalb nachzufragen und mitzumachen. Besonders deutlich wurde das, als sich die Ausstellung mit aktuellem Rassismus befasste. Sowohl Tugce und Greta Marie als auch ihre Mitschüler erzählten frei von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Thema.

Noch zwei Termine mit den „Peer Guides“

Für die Museumsführerinnen ist mit dem Abzug der Wanderausstellung nicht Schluss: Sie lassen sich mit „Peer Guides“ aus ganz Deutschland zu Anne-Frank-Botschafterinnen ausbilden. Dabei lernen sie, eigene Projekte zu organisieren. Die Ausstellung „Deine Anne“ ist noch bis zum Sonntag, 23. April, dienstags bis sonntags geöffnet. Am Ostersonntag sowie am letzten Öffnungstag geben die „Peer Guides“ jeweils um 15.30 Uhr ihre letzten öffentlichen Führungen.

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Die Wanderausstellung „Deine Anne“ wurde vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam und dem Anne-Frank-Zentrum in Berlin entwickelt. Sie umfasst elf Wände mit Informationen und Bildern, sieben davon zur Geschichte des Nationalsozialismus und dem Leben Anne Franks, vier mit Bezügen zur heutigen Zeit. Zusätzlich finden sich rund 20 Originalobjekte, wie beispielsweise eine Transportliste oder ein Gesellschaftsspiel aus dem Versteck der Familie Frank. Für den Standort Osnabrück wurde die Ausstellung erweitert um Dokumente und Bilder der Osnabrücker Familie van Pels, die mit den Franks zusammen untertauchte.