Prozess am Landgericht Osnabrück Junge Frau wollte Marienhospital anzünden, um Ärztin zu töten

Das Osnabrücker Marienhospital (oben rechts) wollte eine junge Frau anzünden, die sich nun vor dem Landgericht Osnabrück verantworten muss. Foto: Archiv/David EbenerDas Osnabrücker Marienhospital (oben rechts) wollte eine junge Frau anzünden, die sich nun vor dem Landgericht Osnabrück verantworten muss. Foto: Archiv/David Ebener

Osnabrück. Es blieb bei ein paar verkohlten Seiten und einem Sachschaden von 100 Euro – doch die Anklage lautet auf versuchten Mord: Eine 22-Jährige aus Georgsmarienhütte muss sich derzeit vor dem Landgericht Osnabrück verantworten, weil sie mit einem Feuer eine Ärztin des Osnabrücker Marienhospitals töten wollte. Vermutlich ist die Frau nicht schuldfähig.

Die Tat, deretwegen die junge Frau aus Georgsmarienhütte nun vor dem Osnabrücker Landgericht steht, geschah am 17. Oktober 2016. In ihrer Aussage erklärte die 22-Jährige, sie sei an diesem Tag bei ihrem Hausarzt gewesen, um sich ein Mittel gegen Rückenschmerzen verschreiben zu lassen. Da sie aber etwa eine Stunde warten musste, ging sie ins nicht weit entfernt liegende Marienhospital – mit dem Plan, das Krankenhaus anzuzünden.

Schaden wollte sie damit nur einer Person, nämlich einer Ärztin, die sie zuvor wegen eines gutartigen Tumors an der Bauchspeicheldrüse behandelt hatte. Zum Konflikt mit der Medizinerin sei es gekommen, nachdem sie eines Abends spazierengegangen und dabei vergewaltigt worden sei. „Zu der Vergewaltigung will ich aber nichts sagen“, erklärte die Angeklagte.

Einweisung ins Ameos-Klinikum

Zurück in der Klinik habe sie einen Nervenzusammenbruch erlitten, was die Ärztin dazu bewogen habe, sie ins Ameos-Klinikum einliefern zu lassen. „Das hat mir aber überhaupt nicht gepasst!“ Im Ameos habe sie sich nämlich überhaupt nicht wohlgefühlt, wollte unbedingt nach Hause und habe sich deshalb „das schwächste Glied der Gruppe“ herausgesucht – eine Krankenschwester – und diese zusammengeschlagen. Das berichtete die 22-Jährige mit hörbarem Stolz. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, warum sie geglaubt habe, schneller nach Hause zu kommen, wenn sie jemanden zusammenschlage, antwortete die Angeklagte: „Das habe ich damals so gedacht.“

Dass die junge Frau erhebliche Schwierigkeiten damit hat, planvoll zu denken, wurde spätestens an dieser Stelle jedem im Saal deutlich. Auch die Staatsanwaltschaft geht bei der 22-Jährigen von einer erheblichen geistigen Beeinträchtigung aus. Ihre Tat, so hieß es in der Anklage, habe sie im Zustand des „Schwachsinns“ begangen. Mit diesem mehr als überkommenen Begriff umschreibt das Strafrecht noch immer verschiedene Formen von angeborener Intelligenzminderung.

Borderline-Syndrom?

Dass eine solche bei der jungen Frau vorliegen könnte, ging auch aus einem Arztbericht aus dem Ameos hervor, den der Vorsitzende Richter vortrug. Weiterhin hieß es darin, die 22-Jährige leide unter einem Borderline-Syndrom und womöglich auch unter einer psychotischen Störung.

Die Angeklagte selbst gab an, sie halte sich für gesund, leide allerdings unter Depressionen. Schon als 16-Jährige wurde sie stationär aufgenommen, weil sie depressiv und suizidgefährdet war. Für ihren Mordversuch machte die Angeklagte allerdings zwei Psychopharmaka verantwortlich, die sie im Ameos-Klinikum bekommen hatte: Das Benzodiazepin Diazepam (Valium), eigentlich zur Beruhigung gedacht, habe sie aggressiv werden lassen. Und durch ein weiteres Mittel, Quetiapin (Seroquel), habe sie deutlich mehr Mut bekommen.

Zündelei im Flur

Die Kombination habe dazu geführt, dass sie in die Kapelle des Marienhospitals ging und dort versuchte, mit einer Kerze ein Fürbittenbuch in Brand zustecken. Nachdem sie die Kapelle verlassen hatte, zündelte die 22-Jährige im Flur noch an einigen Flyern. Mehr als ein Sachschaden in Höhe von knapp 100 Euro entstand glücklicherweise nicht. Beim Versuch, die Flyer in Brand zu stecken, wurde die Frau erwischt. Dass sie neben der verhassten Ärztin auch viele andere Menschen hätte töten können, sei ihr nicht bewusst gewesen, erklärte die Angeklagte.

Das Verfahren wird im Mai an mehreren Terminen fortgesetzt. Dann soll unter anderem die Ärztin aussagen, die die 22-Jährige als Opfer auserkoren hatte. Die entscheidende Frage des Prozesses dürfte aber sein, ob die junge Frau schuldfähig ist. Dies soll durch die Aussage eines psychiatrischen Gutachters geklärt werden. Möglicherweise wird die Angeklagte längerfristig dort untergebracht werden, wo sie momentan bereits ist: In einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt.


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