Mit jedem Kind ist es ein anderes Leben So sieht der Alltag in einer Bereitschaftspflegefamilie aus

Von Vincent Buß

Spielerisch in ein geregeltes Leben zurückbringen sollen Bereitschaftspflegefamilien die Kinder, die sie betreuen.

            
. Symbolfoto: dpaSpielerisch in ein geregeltes Leben zurückbringen sollen Bereitschaftspflegefamilien die Kinder, die sie betreuen. . Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Ein Pflegekind aufzunehmen ist ein großer Schritt für Paare - es wieder abzugeben, erscheint da fast unmöglich. Doch in Bereitschaftspflegefamilien ist das Alltag. Bei Familie Müller (Name geändert) aus dem Osnabrücker Land lebt mittlerweile das 16. Kind.

Am großen Esszimmertisch von Familie Müller sitzen sich zwei Kleinkinder in ihren Hochstühlen gegenüber. Iris Müller teilt eine Banane und gibt jedem eine Hälfte. Beide nennen die 52-Jährige Oma, doch nur Jonas ist ihr leiblicher Enkel - Madita ist ihr Bereitschaftspflegekind. „Eigentlich soll sie mich beim Vornamen nennen, aber Madita hat es sich von Jonas abgeguckt“, erklärt Iris.

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Bei Familien wie ihrer bringt der Landkreis Osnabrück pro Jahr zwischen zwölf und 18 Mädchen und Jungen unter. Manche der bis zu sechs Jahre alten Kinder bleiben dort mehrere Monate - aber im Gegensatz zur Dauerpflege nie für immer. Denn eine langfristige Lösung muss in genau dieser Zeit erst noch gefunden werden. Wenn die Müllers ein Zimmer frei haben, kann jederzeit ein Anruf kommen, dass im Jugendamt ein Kind wartet. Manchmal müssen sie innerhalb einer Stunde da sein.

„Wie ein Überraschungsei“

Alter, Geschlecht, Charakter des Kindes - all das kennt die Familie dann noch nicht. „Es ist wie ein Überraschungsei“, sagt Iris, „man muss sich schnell einstellen können.“ Sie bereitet dann die Ankunft so gut wie möglich vor, damit sie die nächsten Tage mit dem Neuankömmling zuhause bleiben kann: „Ab dann habe ich nur noch das Kind im Kopf.“

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Krisensituationen führen dazu, dass das Jugendamt Kinder aus ihren Familien holt. Gründe dafür kann es viele geben: Vernachlässigung, Gewalt, Suchtprobleme, psychische Erkrankungen. Die Folgen merkt Iris den Jungen und Mädchen an: „Manche wollen nicht schlafen, andere nehmen das Haus auseinander.“ Madita hatte ihrzufolge vorher kein Bett und schlief nur unregelmäßig vor dem Fernseher. Gesundes Essen würden viele Kinder auch nicht kennen. Iris erinnert sich an die Worte eines Elternteils: „Wir haben frisch eingekauft - immer die Dosen hinten aus dem Regal.“

Aufgaben der Bereitschaftspflegeeltern

Deshalb sorgen die Bereitschaftspflegeeltern für eine geregelte Versorgung, einen festen Tagesrhythmus und Zuwendung. Außerdem helfen sie, die Traumata der Kinder aufzuarbeiten. Ziel ist es, dass die Jungen und Mädchen wieder Vertrauen in Bezugspersonen fassen können. Da sie vollständig in das Familienleben integriert werden, ist Flexibilität unerlässlich.

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Das sieht man auch bei einem Rundgang durch das Einfamilienhaus der Müllers, das in einer kleinen Siedlung steht. Obwohl der eigene Nachwuchs schon lange ausgezogen ist, befindet sich im Essbereich eine Spielecke und der Wohnzimmertisch wurde durch ein Modell ohne spitze Ecken ausgetauscht. Das Kinderzimmer muss sogar vor jeder Ankunft umgeräumt werden, je nach Alter und Geschlecht: Die zweijährige Madita hat ein Gitterbett und viele Puppen. Iris nimmt beide Kinder mit in den Garten, in dem mehrere Bobbycars und Dreiräder auf den Pflastersteinen liegen.

Wer Kinder aufnehmen kann

„Alles kindgerecht“, sagt Iris‘ Mann Michael, als er von der Arbeit in den Garten kommt. Auch für den 54-Jährigen bedeutet jeder Neuankömmling eine Umstellung. Als seine Frau und er vor 13 Jahren von der Bereitschaftsbetreuung erzählten, waren die gemeinsamen Söhne und Töchter sofort begeistert. Der eigene Nachwuchs von Bereitschaftspflegefamilien sollte mindestens acht Jahre alt sein. Auch Einzelpersonen können ein Kind aufnehmen, vorausgesetzt sie gewährleisten eine direkte Betreuung. Unterstützung bekommen Bereitschaftspflegende vom Jugendamt in Form von Treffen und Fortbildungen.

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Iris ist selbst Profi. Die gelernte Erzieherin arbeitete vorher unter anderem in einem Heim: „Im Gegensatz dazu kann ich jetzt den Tag mit den Kindern selbst gestalten.“ Betreuende bekommen im Landkreis Osnabrück rund 1600 Euro pro Monat, sollten aber finanziell unabhängig sein. Für belegfreie Zeiten gibt es eine Pauschale.

Treffen mit den leiblichen Eltern

Ihre leiblichen Eltern sieht Madita bis zu zwei Mal die Woche bei Treffen im Spielzimmer des Jugendamtes. Die Begegnung ist für beide Seiten nicht leicht. „Man darf die Eltern nicht vorverurteilen, sie können oft selbst nichts für die Probleme“, erklärt Iris. Doch das fällt auch ihr manchmal schwer, insbesondere wenn die Kinder ihr erzählen, was passiert sei. Die 52-Jährige weiß jetzt: „Was man eigentlich nur aus den Medien kennt, gibt es auch hier um die Ecke.“ Sie zieht sich dann im Zimmer zurück und strickt.

Im Garten der Müllers meldet sich Jonas: „Dürfen wir auf den Spielplatz?“ Zusammen mit Madita geht er durch die Zauntür zu den dahinterliegenden Wippen. „Es ist schön zu sehen, wenn Kinder, die sich selbst aufgegeben haben, ihren Lebenswillen wiederfinden“, sagt Iris, als sie zu den beiden herübersieht.

Was gegen Abschiedsschmerz hilft

Umso schwerer fällt jedes Mal der Abschied. „Man muss sich klarmachen, dass man die letzte Entscheidung nicht in der Hand hat“, erklärt die Hausfrau. Wenn Jugendamt oder Familiengericht das Kind zu Dauerpflegeeltern geben, besuchen diese die Müllers im Vorfeld. Meist halten die neuen Erziehungsberechtigten Iris auch nach der Übergabe auf dem Laufenden, wie sich die Jungen und Mädchen entwickeln. Kommen die Kinder wieder zu ihren leiblichen Eltern, bricht der Kontakt in der Regel ab.

Iris hilft es dann, alle Sachen des Kindes schnell wegzuräumen und mit ihrem Mann in den Urlaub zu fahren. „Als wir noch keine Enkel hatten, hörten wir dann das Ticken der Uhr“, scherzt Michael. Obwohl ihre eigenen Söhne und Töchter schon erwachsen sind, fängt das Ehepaar jedes Mal gerne von vorne an: „Mit jedem Kind ist es ein anderes Leben.“ Wer Interesse an der familiären Bereitschaftsbetreuung hat, kann sich beim Landkreis Osnabrück melden unter 0541-501-3165.