Serie „Der Kunde und ich“ Osnabrücker Finanzbeamter über den Hoeneß-Effekt und Tränen am Telefon

Manuel Rzadkowski arbeitet als Beamter beim Finanzamt Osnabrück. Im Interview erzählt vom Hoeneß-Effekt und Tränen am Telefon. Foto: Michael GründelManuel Rzadkowski arbeitet als Beamter beim Finanzamt Osnabrück. Im Interview erzählt vom Hoeneß-Effekt und Tränen am Telefon. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir Kunden uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 32: ein Finanzbeamter.

Manuel Rzadkowski arbeitet als Beamter beim Finanzamt Osnabrück. Er ist tätig im Anmeldesteuerbereich und kümmert sich hauptsächlich um die Umsatzsteuer von Unternehmen und um Lohnsteuerangelegenheiten der Arbeitgeber.

Herr Rzadkowski, viele Ihrer Kunden haben möglicherweise eine klare Vorstellung von einem Finanzbeamten: ein staubiges Büro, viele Akten und dann wird die ganze Zeit gestempelt. Wie viel davon ist denn Wahrheit und wie viel Klischee?

Naja, in erster Linie ist es natürlich ein Bürojob wie jeder andere auch. Speziell bei meinem Job ist es von Vorteil, dass ich öfters im Außendienst unterwegs bin, um mir Unternehmen vor Ort anzuschauen. Beispielsweise dann, wenn eine Firma behauptet, eine große Anschaffung gemacht zu haben. Natürlich gibt es aber auch viel Routine in meinem Job, die großen Aktenstapel sind aber seltener geworden, weil mittlerweile sehr viel auf elektronischem Wege geregelt wird.

Was ist genau Ihre Aufgabe?

Bei mir geht es um die Bearbeitung von Umsatzsteuervoranmeldungen und Lohnsteueranmeldungen. Also das, was die großen Firmen jeden Monat neu machen. Sie melden uns, wie viel Umsatz gemacht wurde und im Endeffekt geht es darum, wie viel Umsatzsteuer ansteht oder ob etwas zurückgezahlt wird. Gerade Exportunternehmen bekommen monatlich in der Regel viel wieder. In bin in solchen Momenten eher derjenige, der auszahlt, anstatt einzunehmen. Weil wie gesagt vieles elektronisch abläuft, bekomme ich als Finanzbeamter auch nicht mehr alles in Papierform auf den Tisch. Nur wenn ein Unternehmen höhere Guthaben wiederhaben will, dann sieht das anders aus. Da muss natürlich geprüft werden, ob dem Steuerpflichtigen der Anspruch auch zusteht. (Weiterlesen: Osnabrücker Polizist über skurrile Einsätze und unrealistische Sendungen)

Mit welchen Kunden haben Sie denn zu tun?

Das ist extrem mannigfaltig. Es beginnt beim einfachen Arbeitnehmer, der ein Problem mit seiner Steuerklasse hat, und endet beim Personalvorstand eines Großunternehmens – manchmal auch direkt nacheinander.

Und wer ist angenehmer?

Ich mache da keine Unterschiede. Wir sind ja eine Eingreifbehörde, und der Job des Finanzbeamten ist im Beruferanking jetzt vielleicht nicht ganz oben vertreten. Es kommt schon vor, dass Arbeitnehmer hier anrufen, bei denen etwas mit der Abrechnung nicht stimmt. Das Problem muss nicht einmal hier im Finanzamt liegen, aber dennoch fallen dann manchmal Begriffe, die nicht so feierlich sind. Ich will das nicht überdramatisieren, aber die Entwicklung geht schon eher in die Richtung, dass es vermehrt unsachlich wird.

Wie reagieren Sie dann?

Für mich steht nicht der Fehler im Mittelpunkt, sondern wie den Leuten geholfen werden kann. Also schauen wir gemeinsam, was wir tun können. Umgekehrt erhalten wir aber natürlich auch Lob. Den Uli Hoeneß-Effekt haben wir hier zum Beispiel durchaus gemerkt. (Weiterlesen: Osnabrücker Schiedsrichter über Emotionen und Profis ohne Regelkenntnis)

Den Uli Hoeneß-Effekt?

Ja, als Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde, haben uns einige Kunden gelobt. Wir haben natürlich mit den Behörden in Bayern nichts zu tun, aber trotzdem wurde das in Gesprächen am Telefon öfters erwähnt. Dieser Effekt war aber nach kurzer Zeit schon wieder vorbei. Ähnliches haben wir beim Thema Steuer-CDs erlebt. Auch das ist aber schnell verebbt.

Und wenn Sie bei einem Außentermin bei Unternehmen aufschlagen, knallen dort wahrscheinlich nicht gerade die Sektkorken, oder?

Ich persönlich mache nur unangekündigte Nachschauen bei Sachverhalten, die sich in der Regel an einem Tag klären lassen. Die Reaktionen auf meinen Besuch sind extrem unterschiedlich, die meisten haben aber keine Berührungsängste.

Welche skurrilen Momente haben Sie denn schon erlebt?

Also erstmal unterstelle ich niemandem etwas Böses. Aber bei manchen Menschen treibt der Ehrgeiz wirklich Blüten. Wir hatten zum Beispiel eine Person, die allen Ernstes die Ausgaben für Gummibärchen und Chicken Nuggets wiederhaben wollte. So etwas wird natürlich bei uns gelinde gesagt etwas kritisch gesehen. Und ein Selbständiger hat einst die Belege für ein Haarwuchsmittel eingereicht. Seine Begründung: Haarlos wäre er seinen Kunden nicht vermittelbar. Der Mann hatte Chuzpe, trotzdem wurde das abgelehnt.

Wann mögen Sie Ihren Job und die Kunden denn am liebsten?

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einen Arbeitnehmer am Telefon, der aufgrund eines Fehlers im Lohnbuchhaltungsprogramm rückwirkend für sechs Monate falsch abgerechnet wurde. Der Mann war fertig mit der Welt, weil er Alleinverdiener ist. Sofern ich das am Telefon einschätzen konnte, hatte er Tränen in den Augen. Das Problem lag eindeutig beim Arbeitgeber, aber mit dieser Feststellung war dem Mann natürlich nicht geholfen. Ich habe dann mehrfach mit dem Lohnbuchhaltungsbüro seiner Firma telefoniert und so konnten wir die Sache aus der Welt schaffen. Da konnte ich wirklich ein gutes Werk tun – und das macht mir mehr Spaß, als irgendwo rumzukürzen.

Werden Sie privat eigentlich von Ihrem Umfeld für die jährlich anfallenden Steuererklärungen missbraucht?

Man sagt ja immer, dass der Finanzbeamte im Mai auf einmal ganz viele Freunde hat. Ich werde natürlich schon häufig angesprochen, aber ich darf gar nicht helfen.

Weil Sie selber beim Finanzamt arbeiten?

Nein, ganz generell dürfen Sie anderen nicht bei der Steuererklärung helfen. Es sei denn, Sie sind Steuerberater. Ansonsten wäre das unerlaubte Hilfe in Steuersachen – und das wird im schlimmsten Fall geahndet. Rechtsberatung dürfen ja auch nur Rechtsanwälte machen. Das wissen viele Menschen nicht. Ich helfe dagegen gerne bei technischen Fragen wenn mich beispielsweise eine Firma anruft und es um die Nutzung des Elster-Programms geht.

Sind Sie außerhalb des Dienstes schon einmal auf Kunden getroffen?

Ja klar, das passiert schon mal. Im vergangenen Jahr war ich beispielsweise bei einem Muse-Konzert in Köln. Schräg vor mir saß ein älterer Herr. Beim Verlassen der Halle hatten wir Blickkontakt und beide haben gedacht „den kenn ich doch“. Wir haben uns dann ganz normal gegrüßt. Schließlich sind wir Finanzbeamten ja auch nur Menschen.


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