Kritik von Osnabrücker Ärzten Neue Regelung soll Notaufnahmen entlasten

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Seit dem 1. April gilt die Abklärungspauschale für Notaufnahmen deutscher Kliniken. Mit ihr sollen Bagatellpatienten abgewiesen werden können. Osnabrücker Mediziner kritisieren die Regelung. Symbolfoto: David EbenerSeit dem 1. April gilt die Abklärungspauschale für Notaufnahmen deutscher Kliniken. Mit ihr sollen Bagatellpatienten abgewiesen werden können. Osnabrücker Mediziner kritisieren die Regelung. Symbolfoto: David Ebener 

Osnabrück. Weil immer mehr Bagatell-Patienten die Notaufnahmen in deutschen Kliniken blockieren, wurde zum 1. April die sogenannte Abklärungspauschale eingeführt. Krankenhäuser erhalten sie, wenn Patienten ohne dringenden Behandlungsbedarf an niedergelassene Ärzte verwiesen werden. Osnabrücker Mediziner kritisieren die Regelung.

Die Abklärungspauschale ist eine Art Honorar, das Kliniken für Patienten erhalten, die offensichtlich keine Notfallbehandlung brauchen und deshalb an einen niedergelassenen Arzt verwiesen werden können. Konkret erhalten die Krankenhäuser für jeden verwiesenen Patienten tagsüber 4,72 Euro und nachts 8,42 Euro. Die Pauschale wurde eingeführt, um die Notfallaufnahmen in Deutschland zu entlasten. Deren Ärzte ächzen unter dem großen Patientenandrang, wobei freilich nicht jeder Ambulanz-Besucher auch wirklich in die Notfallaufnahme gehört: Nach einer Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist bis zu jeder dritte Patient dort fehl am Platze.

Kritik am System

Auch die beiden Osnabrücker Notaufnahmen im Klinikum und im Marienhospital können sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen. Für Dr. Mathias Denter wird sich durch die Einführung der Abklärungspauschale jedoch am Grundproblem nichts ändern. „Es muss dringend grundsätzlich geklärt werden, welcher Patient wohin gehört – und zwar im Rahmen einer Reform des Gesundheitswesens“, macht der Leiter des Notaufnahmezentrums am Klinikum Osnabrück auf ein Problem im System aufmerksam. In der Bevölkerung gebe es schlichtweg zu wenig Kenntnis darüber, was bei Bagatellerkrankungen und -verletzungen zu tun ist und wer aufgesucht werden soll. Ins gleiche Horn stößt sein Kollege Dr. Ralf Siepe vom Osnabrücker Marienhospital (MHO). Vielen sei beispielsweise der Notfalldienst der Kassenärztlichen Vereinigung gar nicht bekannt. Für die Patienten in der Zentralen Notaufnahme habe das MHO daher einen Informationszettel erstellt, der ihnen den Versorgungsauftrag der Krankenhäuser erklärt und die Hausärzte in Osnabrück auflistet.

Kein Patient wird abgewiesen

Denter spart nicht mit Kritik an der neuen Regelung: „Die Abklärungspauschale diffamiert die ärztliche Leistung geradezu“, sagt der Mediziner. Eine genaue Beurteilung, was mit einem Patienten anzufangen ist, sei innerhalb von zwei Minuten – dem Gegenwert von 4,72 Euro – keinesfalls zu leisten. Der Ärztliche Leiter macht jedoch deutlich, dass nach wie vor kein Patient in der Notaufnahme abgewiesen werde: „Es gibt eine ethisch-moralische Verpflichtung, die auch jenseits der Wirtschaftlichkeit gilt. Wir werden auch in Zukunft keine Seniorin in der Nacht nach Hause schicken.“

Keine großen Änderungen befürchtet

Der Alltag in der Notaufnahme wird sich nach Ansicht der beiden Mediziner für die Belegschaft also nicht ändern. „Die enge Zusammenarbeit mit der Notdienstambulanz und den umliegenden Hausärzten leben wir schon lange“, sagt Siepe. Dennoch musste wegen der neuen Abklärungspauschale verwaltungstechnisch aufgerüstet werden, weil mehr Daten aufgenommen werden müssen. In beiden Häusern wird nach dem Manchester-Triage-System verfahren, mit dem die Behandlungsdringlichkeit des Patienten bestimmt wird – und ob er überhaupt ein Fall für die Notaufnahme ist. „Jemanden mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit würden wir zum Beispiel zum Hausarzt schicken, genauso klar ist, dass wir einen Patienten mit unklaren Brustschmerzen hierbehalten“, so Siepe.

Zwar bietet Osnabrück mit der Notdienstambulanz für Patienten eine vergleichsweise komfortable Versorgung, anders sieht es jedoch im ländlichen Raum aus. Die Niels-Stensen-Kliniken, zu denen das MHO gehört, betreiben unter anderem Krankenhäuser in Ostercappeln und Melle. Für dort abgewiesene Patienten ist nach Angaben des Klinikverbundes auch der Notdienst in Osnabrück zuständig. „Die Wege für diese Patienten werden damit länger“, heißt es in einer Stellungnahme der Geschäftsführung.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN