Fünfjährige mit Wirkstoff THC behandelt Trotz Cannabis-Freigabe: Osnabrücker Familie bangt um jedes Rezept



Osnabrück. Schwerkranke Menschen können künftig in Deutschland Cannabis auf Rezept bekommen. Das konnten sie im Einzelfall auch schon vorher, mussten dafür jedoch eine aufwendige Ausnahmeerlaubnis einholen. Die fünfjährige Emily Sparenberg aus Osnabrück ist so ein Einzelfall. Leichter ist es für sie jedoch nicht geworden, an das nötige Medikament zu kommen.

Seit zwei Jahren wird die Voxtruperin Emily Sparenberg mit Dronabinol-Tropfen, die den Wirkstoff THC beinhalten, behandelt. „Und das extrem erfolgreich“, wie ihre Mutter Anke Sparenberg bestätigt. Emily ist mit einer schweren Behinderung zur Welt gekommen, wegen einer Sauerstoff-Unterversorgung während der Schwangerschaft fehlen ihr 75 Prozent der Hirnmasse. Mehrmals am Tag leidet das Mädchen an epileptischen Anfällen, hinzu kommen schwere Spastiken. Seit der Behandlung mit den Tropfen gehe es Emily jedoch wesentlich besser: Die Krämpfe hätten deutlich nachgelassen, statt mehr als zehn epileptische Anfälle pro Tag erlebe sie nun nur noch alle paar Tage einen Anfall. (Weiterlesen: Vierjährige Osnabrückerin wird mit Cannabis behandelt)

Hohe Auflagen

Allerdings war es bislang sehr umständlich, an das Medikament zu kommen: Die Auflagen waren hoch. Alle drei Monate prüfte der medizinische Dienst der Krankenkasse, ob Emily die Tropfen für ein weiteres Quartal verschrieben werden dürfen. Durch die Cannabis-Freigabe sollte sich das Leben der Osnabrücker Familie doch vereinfachen: Gang zum Arzt, ausgestelltes Rezept, Gang zur Apotheke, alles gut. Könnte man meinen. Doch nach wie vor ist die Familie angehalten, die Wirksamkeit der Tropfen zu belegen. „Wir brauchen immer noch eine Sonderdiagnose“, sagt Anke Sparenberg.

Bislang kaum wissenschaftliche Studien

Die Verschreibung von Cannabisarzneimitteln sind mit einem erheblichen Aufwand verbunden. „Denn zunächst muss nachgewiesen werden, dass alle anderen Verfahren ausgeschöpft wurden“, sagt Dr. Carsten Brau, der im Schmerzzentrum Osnabrück arbeitet. Das Behandlungsspektrum der Praxis in der Friedrichstraße am Westerberg ist breit: Bandscheibenvorfälle, Migräne-Patienten, Patienten, die unter Tumorschmerzen leiden und schließlich auch chronisch schmerzkranke Patienten, deren Beschwerden sich auf keine organische Erkrankung zurückführen lassen. Vergangene Woche hat Carsten Brau eine größere Anzahl an Anträgen auf Cannabismedikamente herausgeschickt. Dennoch hält sich der Mediziner mit Euphorie zurück: „Cannabis ist ein ganz spannender Therapieansatz, aber die Präparate sind schwierig einzuschätzen, es gibt wenige wissenschaftliche Studien.“ Denn bislang habe die Pharmaindustrie in diesem Bereich kaum Forschung betrieben. Jeder Patient, der künftig mit Cannabis behandelt werde, müsse daher an einer anonymen Studie teilnehmen.

Bessere Alternativen auf dem Markt?

„Wir wollen auf jeden Fall sicherstellen, dass cannabishaltige Arzneimittel dem Patienten wirklich helfen oder ob es eventuell bessere Alternativen gibt“, sagt Axel Wunsch, Pressesprecher der Barmer GEK. „Da nahezu wöchentlich neue Arzneimittel auf den Markt kommen, wäre es möglich, dass zur Behandlung einer bestimmten schwerwiegenden Erkrankung ein neues Arzneimittel eingeführt wird, das besser wirksam wäre oder weniger Nebenwirkungen verursachen würde als ein cannabishaltiges Arzneimittel.“ Dass diese Prüfung aufwendig sei, liege in der Natur der Sache – schließlich gehe es um komplexe Zusammenhänge bei zumeist sehr schweren Erkrankungen.

Hohe Kosten

Dass die Hürden für die Verschreibung von Cannabis so hoch seien, habe sicher noch einen anderen Grund: „Die Medikamente sind sehr teuer“, sagt Carsten Brau. Dronabinol, das Medikament, mit dem Emily Sparenberg behandelt wird, kostet rund 400 Euro im Monat. Während im Fall von Familie Sparenberg die Krankenkasse diese Kosten übernahm, mussten bislang die meisten chronischen Schmerzpatienten selbst dafür aufkommen. Mit einem Ansturm auf Apotheken ist daher nicht zu rechnen. Bis auf ein paar Jugendliche, die ernsthaft glaubten, jetzt in der Apotheke etwas zum Kiffen kaufen zu können, habe es noch keine größeren Nachfragen gegeben, heißt es beispielsweise aus der Hirsch-Apotheke in der Großen Straße.

„Ich weiß, dass Cannabis bei einigen Patienten einen guten Effekt hat, beim Verschreiben von Blüten werden wir uns aber ganz zurücknehmen“, sagt Carsten Brau. Wenn THC verbrenne, dann gebe es einen „Medikamenten-Peak“, also einen schnellen Anstieg des Wirkstoffes im Blut, eben den berühmten Rausch. „Und genau das wollen wir ja nicht“, sagt Brau. Zur Schmerzunterdrückung seien daher eher Kapseln oder Tropfen geeignet, die leichter zu dosieren seien.

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