Tumor löst Hochwuchs aus Erfolgreich trotz Krankheit: Business-Preis für Osnabrückerin

Julia Kümper hat sich mittlerweile gut mit ihrer chronischen Krankheit arrangiert. Foto: Michael GründelJulia Kümper hat sich mittlerweile gut mit ihrer chronischen Krankheit arrangiert. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. In dieser Woche wird Julia Kümper vom sozialen Business-Netzwerk Xing als „New Workerin“ ausgezeichnet. Für das, was sie beruflich auf die Beine gestellt hat. Aber mehr noch für die Umwege, die sie dafür nehmen musste. Eine Geschichte über eine chronische Krankheit, Mut zu Neuanfängen – und Fußball.

Die Entstehungsgeschichte des Start-up-Unternehmens „Match Watch“ klingt fast wie ein Text aus einer Werbebroschüre für das Innovations-Centrum Osnabrück (ICO), diesem Bürokomplex auf dem Gelände einer ehemaligen britischen Kaserne, der für junge Unternehmer ein „Ort der Begegnung und Innovation“ sein soll, wie es so schön heißt. Bei einem Kaffee traf Julia Kümper hier zufällig den ehemaligen VfL-Spieler Thomas Reichenberger und den Vereinsberater Lutz Schubbert. Man unterhielt sich über das Thema „Scouting“, also die Suche nach Nachwuchsspielern und kam schnell von der Fußballwelt in die Arbeitswelt.

Karrierefrau – und mehr

Gemeinsam mit den beiden Profis entwickelte sie das Konzept für ihr Start-up „Match Watch“ – Teams und Abteilungen begegnen sich auf dem Sportplatz. Und was sonst im Büroalltag unausgesprochen bleibt, wird beim Mannschaftssport schnell offensichtlich: Wer spielt auf welcher Position? Wie läuft die Kommunikation untereinander ab? Wer hält sich an die Regeln, wer nicht? 2016 hat die 31-Jährige die ersten Aufträge bekommen, unter anderem von der Landessparkasse Oldenburg und der Firma iotec GmbH aus dem ICO. An dieser Stelle könnte man einen Punkt machen und diese Geschichte gedanklich unter dem Titel „Eine Frau auf dem Weg nach oben“ verbuchen. Doch es steckt mehr dahinter. Julia Kümper ist nämlich schwerbehindert. Sie lebt mit einer Krankheit, die man ihr nicht ansieht.

Was kann schlimmstenfalls passieren?

Im Laufe der Jahre habe sich ihre Einstellung verändert, sagt Julia Kümper. Fehler seien menschlich, Fehler sind nicht schlimm. Und eine ihrer liebsten Fragen ist mittlerweile: Was kann denn schlimmstenfalls passieren? Was, wenn ihr Start-up scheitert? Sicher, dann ist das Kapital weg – aber sie hätte eine Menge gelernt. Was kann passieren, wenn sie sich mit der NOZ unterhält? „Dann wissen alle, dass ich chronisch krank bin. Aber gleichzeitig kann ich anderen chronisch Kranken vielleicht Mut machen?“

Nichtfunktionaler Hochwuchs

Schon ihr Leben lang habe sie körperliche Probleme gehabt, allerdings „sehr diffuse“ wie Julia Kümper erzählt. Sie habe manchmal ein geschwollenes Gesicht gehabt und sich ganz unförmig gefühlt. So, als habe sie stark zugenommen, was sich jedoch nicht auf der Waage bemerkbar machte. Sie litt schließlich unter Depressionen. Da Depressionen auch hormonell bedingt sein können, wurde bei ihr ein MRT gemacht. „Dabei wurde ein ziemlich großer Tumor an der Hirnanhangdrüse entdeckt“, berichtet sie. Der Fachausdruck: ein TSH-produzierendes Hypophysenadenom. Ein gutartiger Tumor, „oder abgestuft gutartig, wie ich immer sage“, erzählt sie. Denn der Tumor hat ihren Hormonhaushalt durcheinandergebracht, „deswegen bin ich auch so groß.“ Nämlich 1,83 Meter.

Zweimal am Tumor operiert

„Nichtfunktionaler Hochwuchs“, genauer gesagt „Akromegalie“ nennt sich dieses Leiden, bei dem ab dem Zeitpunkt, an dem das Knochenwachstum abgeschlossen ist, sämtliche Organe und Weichteile, also Hände, Füße, Ohren oder Kinn immer weiterwachsen. „Ich hatte zwischendurch Schuhgröße 42,5“, sagt die Unternehmerin, die zusätzlich als Beraterin im Enterprise Europe Network (EEN) für die Hochschule Osnabrück arbeitet. Doch sie hatte Glück: Die Diagnose wurde 2007 gestellt, da war sie 22 Jahre alt. „Den Tumor hatte ich vermutlich seit meinem 14. Lebensjahr.“ Also noch mitten im Wachstum. „Daher ist bei mir alles in die Größe gegangen.“ Bei älteren Patienten werde stattdessen die Herzwand irgendwann zu dick, die Folge: Herzversagen.

Mit ihrem Start-up „Match Watch“ ist sie bislang gut im Geschäft. Foto: Michael Gründel

Cortisol in Stresssituationen

Zweimal ist Julia Kümper am Tumor operiert worden. Bei der ersten Operation wurde die Hirnanhangdrüse jedoch beschädigt, sodass ihr Körper nicht mehr in der Lage ist, genügend Cortisol zu produzieren. „Mein Körper kann daher schlechter mit positivem und negativem Stress umgehen.“ Erstaunlich für eine Frau, die beruflich so ehrgeizig ist. Die ihr Lehramtsstudium in Aachen schmiss, das sie ohnehin nur mit dem Ziel ergriffen hat, später im Ministerium etwas am Bildungssystem verändern zu können. Die während ihres Masterstudiums an der Universität Osnabrück 2011 die Deutsche Nachwuchsgesellschaft für Politik- und Sozialwissenschaft (DNGPS) gründete, damit Studenten ihre Arbeiten bereits während des Studiums in der Arbeitswelt erproben können und diese nicht in der Schublade verschimmeln. Die berufsbegleitend ihr eigenes Start-up gründete und dafür nun einen Preis erhält. „Ich muss dazu sagen, dass ich meine Krankheit in einem sehr harmlosen Ausmaß habe“, sagt sie.

Krankheit gut im Griff

Während Diabetiker ihren Insulinhaushalt messen können, gibt es für Julia Kümper keine Kontrollmöglichkeit. Ihre Tabletten nimmt sie daher ein Stück weit nach Gefühl und dann, wenn sie in stressige Situationen gerät. „Zum Glück wirken die dann auch recht schnell.“ Mittlerweile hat sie ihre Krankheit gut im Griff. Sie freut sich über den Preis und auf die Preisverleihung. Darauf, mit den Mitarbeitern der Landessparkasse ins Stadion zu gehen, Wurst zu essen und über Fußball und Teamwork zu diskutieren. Sie zu begeistern für die Arbeit im Team und klare Spielregeln.

Auf der Homepage ihres Unternehmens „Match Watch“ werden die Texte von bekannten Fußballzitaten untermalt. „Wenn du nicht glaubst, dass du es kannst, hast du keine Chance.“ Arsène Wenger.

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