zuletzt aktualisiert vor

Internationaler Tag gegen Rassismus Osnabrücker Musiker über Rassismus, Brexit und AfD

Von Sven Kienscherf

Mike Titre ist Blues-Musiker und lebt seit 1974 in Osnabrück. Geboren wurde er in England. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater stammt aus der Karibik. Wir haben mit ihm über Rassismus, Brexit und die AfD gesprochen und darüber, warum er sich als Europäer fühlt. Foto: Jörn MartensMike Titre ist Blues-Musiker und lebt seit 1974 in Osnabrück. Geboren wurde er in England. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater stammt aus der Karibik. Wir haben mit ihm über Rassismus, Brexit und die AfD gesprochen und darüber, warum er sich als Europäer fühlt. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Mike Titre ist Blues-Musiker (Blues Company) und lebt seit 1974 in Osnabrück. Anlässlich des internationalen Tags gegen Rassismus am Dienstag haben wir mit dem 55-Jährigen über Rassismus, Brexit und die AfD gesprochen und darüber, warum er sich als Europäer fühlt.

Herr Titre, Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater stammt aus der Karibik. Kennengelernt haben sie sich in England, wo sie geboren sind. Den Großteil Ihres Lebens haben sie in Deutschland verbracht. Fühlen Sie sich als Deutscher oder als Engländer?

Ich fühle mich als Weltmensch, als Europäer. Ich besitze zwar den englischen Pass, aber das ist für mich nur ein Stück Papier und nicht meine Identität. Als Musiker reise ich sehr viel und ein Pass ist dazu da, dass ich über die Grenzen komme. Nationalität ist für mich etwas, dass einem von außen übergestülpt wird. Ich bin vom Kopf her ein international denkender Mensch.

Sie sind 1974, als Ihre Familie nach Deutschland gezogen ist, auf die Hauptschule gekommen. Damals gab es sicherlich wenig Kinder, die so aussahen wie Sie.

Ich war ein Exot. Bevor meine Eltern nach ein paar Monaten nach Osnabrück gezogen sind, bin ich in Nordhorn zur Schule gegangen. Da war ich der einzige Ausländer.

War das schwer für Sie?

Ich habe zwar ein paar Worte Deutsch verstanden, aber wirklich nur ein paar Worte. Die Sprache selbst konnte ich nicht sprechen. Das war schwierig.

Haben Sie damals Diskriminierung oder Rassismus erlebt?

Nein, überhaupt nicht. Damit habe ich in Deutschland nie Probleme gehabt. Das kann auch daran liegen, dass ich mich größtenteils in Künstler- und Musikerkreisen bewege. Aber auch als ich von der Schule abgegangen bin und eine Ausbildung bei KME angefangen habe, war das nie Thema.

Kurz nach der Wiedervereinigung ist es 1991 in Hoyerswerda zu rassistischen Ausschreitungen gekommen, bei der Asylbewerber und Vertragsarbeiter aus Vietnam angegriffen wurden. Wie haben sie das in Osnabrück erlebt?

Da habe ich mir natürlich schon Gedanken gemacht. Meine beiden Kinder waren damals noch klein. Da hat sich so eine Stimmung breitgemacht, dass Deutsch nur sein kann, wer deutscher Abstammung ist – also am besten blond und blauäugig. Trotzdem habe ich nie überlegt nach England zurückzugehen, auch, weil ich in meinem Umfeld keine Veränderung wahrgenommen habe.

Wie bewerten Sie den Erfolg der AfD?

Die Partei erzeugt eine Abwehrhaltung gegen Ausländer und Angst vor Menschen, die anders aussehen. Es geht um „volksdeutsch“ gegen „nicht-volksdeutsch“. Ähnlich war es vor ein paar Jahren mit den Thesen von Thilo Sarrazin, der die Ansicht vertreten hat, Einwanderung schade dem Volkskörper, weil die Menschen, die kommen, nicht intelligent genug seien. Und damit hat er Millionen von Büchern verkauft. Und das alles in einem Land, dem es ja gut geht. Die Wirtschaft läuft, der Staat hat kaum Schulden und die Arbeitslosenquote ist gering. Das macht mich perplex, ich habe dafür keine Erklärung.

Brexit, Trump, dazu rechts-populistische Regierungen in Ländern wie Ungarn und Polen. Wie sehen Sie Europas Zukunft?

Ich habe mich schon zweimal vertan: Einmal als ich gesagt habe, es kommt nicht zum Brexit und einmal, als ich gesagt habe, dass Trump nicht Präsident wird. Aber ich hoffe, dass die Europäer noch unter dem Trump-Schock stehen und sehen, dass sie sich mit Parteien wie der AfD oder Politikern wie Trump ins eigene Fleisch schneiden. Oder wie die Engländer, die dasselbe mit dem Brexit gemacht haben. Ich kann mit einfach nicht vorstellen, dass wir in Europa bald wieder Grenzen haben werden. Ich glaube, dass es immer Wellen von Rechtspopulismus geben wird, die aufkommen, aber dann auch wieder abebben.


Internationaler Tag gegen Rassismus

Am 21. März 1960 wurden in Sharpeville in Süd-Afrika 69 Menschen getötet, als sie gegen Apartheid demonstrierten. In Reaktion darauf haben die Vereinten Nationen 1966 den 21. März als „Internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung“ ausgerufen.

1 Kommentar