Osnabrücker Gesellschaft besteht 30 Jahre Felix-Nussbaum-Gesellschaft: Feier im Friedenssaal


Osnabrück. 30 Jahre Felix-Nussbaum-Gesellschaft: Osnabrück feierte das Jubiläum am 15. März 2017 im Friedenssaal des Rathauses. Antworten auf die Zukunft der Erinnerungskultur blieben hingegen Mangelware.

Der Mann der ersten Stunde wirft den Blick voraus. Edward van Voolen, Amsterdamer Rabbiner und Museumskurator, war Mitglied der Jury, die 1995 den Entwurf von Daniel Libeskind für das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus als besten Bauvorschlag auswählte. In der Feierstunde zum 30. Geburtstag der Osnabrücker Felix-Nussbaum-Gesellschaft am 15. März 2017 macht er, was in der Abfolge der Rückblicke selten bleibt - er fordert die Konfrontation des Werkes Felix Nussbaums mit der Gegenwart. „Heute werden wieder Internierungslager gebaut“, sagt van Voolen mit Blick auf das Schicksal des Osnabrücker Malers, dessen Weg über das Exil nach Auschwitz führte. 1944 wird Nussbaum dort ermordet. „Felix Nussbaum ist unser Zeitgenosse“, fasst van Voolen knapp seine programmatische Kernaussage.

Hier weiterlesen: Prekäre Erinnerung? Gedächtnis braucht Arbeit der Lebenden.

„Säule der Friedenskultur“

Der Amsterdamer Kurator ist es auch, der von Nussbaum als der „Osnabrücker Ikone“ spricht. Karin Jabs-Kiesler, langjährige Vorsitzende der Felix-Nussbaum-Gesellschaft, nennt Nussbaum im Gleichklang mit van Voolen eine „Säule der Osnabrücker Friedenskultur“ und spricht damit aus, was Nussbaum für Osnabrück noch vor dem Maler ist: Mittelpunkt und Unterpfand eines Kulturkonsenses, der Kunst und moralische Botschaft untrennbar verknüpfen soll. Felix Nussbaum fordere heute angesichts von Rechtspopulismus und Verharmlosung der Verbrechen des Dritten Reiches wieder neu heraus, stellt Jabs-Kiesler fest und spricht damit unverkennbar eine abwesende Person an - den AfD-Politiker Björn Höcke und seine bestürzende Forderung nach einer „180-Grad-Wende“ in der Erinnerungspolitik. Hier weiterlesen: „Triumph des Todes“ - ein Hauptwerk des Holocaust-Opfers Felix Nussbaum.

„Zerstörung der Humanität“

Die Redner der Osnabrücker Feierstunde setzen ihre Akzente erfreulich klar anders. Die Architektur, die Daniel Libeskind für das Felix-Nussbaum-Haus konzipiert habe, verweise auf eine „Topographie der Zerstörung der Humanität“, sagt Bürgermeisterin Birgit Strangmann (Bündnis90/Die Grünen), die in Vertretung von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (CDU) spricht. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus griffen wieder um sich, konstatiert Strangmann und fordert, die Erinnerung an die Gräuel der Nazi-Zeit vor allem jungen Leuten engagiert zu vermitteln. „Wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen, um die Zukunft gewährleisten zu können“, so die Bürgermeisterin. Das sei in der Vergangenheit zum Glück geschehen, springt ihr Altbürgermeister Hans-Jürgen Fip bei. Die Pflege des Andenkens an das Holocaust-Opfer Nussbaum sei ein Baustein in der „moralisch-ethischen Integrität der Bundesrepublik“, unterstreicht Fip, der auch Ehrenvorsitzender der Nussbaum-Gesellschaft ist. Hier weiterlesen: Holocaust-Mahnmal - vor zehn Jahren eröffnet.

„Osnabrücker Weitblick“

„Deutschland ist fähig zu trauern und fähig, über den Umgang mit seiner Vergangenheit nachzudenken“, attestierte van Voolen den Deutschen einen erfolgreichen Lernprozess. Keiner der Redner der Feierstunde kann diesem Statement mehr Nachdruck verleihen. Van Voolen hat mehrere Angehörige seiner Familie im Holocaust verloren. Sein Weg zu Felix Nussbaum und seinen Bildern von Verfolgung, Exil und Todesdrohung besitzt eine ganz persönliche Dimension. Die Osnabrücker hätten sich „mit Weitblick“ des Werkes des vergessenen Nussbaum angenommen und eine „Vision“ entwickelt. Museen wie das Felix-Nussbaum-Haus seien heute Träger der Erinnerungskultur, sagt van Voolen. Damit stifteten die Kunsthäuser Identität. Hier weiterlesen: Ein Lebensthema: Museumsleiterin Inge Jaehner und Felix Nussbaum

Zukunft der Erinnerung

Aber wie geht es weiter mit dem Erbe, das Felix Nussbaum hinterließ, mit seinem Osnabrücker Museum, mit der Erinnerungskultur und ihren Vermittlungsformen überhaupt? Karin Jabs-Kiesler wendet sich an Nils-Arne Kässens, den neuen Leiter des Felix-Nussbaum-Hauses, der im Publikum sitzt. Der Kurator solle „neue Wege gehen“, um die Bedeutung Nussbaums auch in Zukunft bewusst zu machen, rät Jabs-Kiesler. Konkrete Hinweise bleiben bei ihr wie bei den anderen Festrednern aber aus. Kässens braucht hingegen nicht nur frische Konzepte, sondern auch Geld, um in dem personell und finanziell bescheiden aufgestellten Haus etwas bewegen zu können. Die Feierstunde gilt hingegen den Leistungen der Vergangenheit eines Einsatzes für Felix Nussbaum und sein Werk, der inzwischen selbst zum Teil der jüngeren Osnabrücker Stadtgeschichte geworden ist. Zwischen den Reden spielten Martin Gehrmann (Akkordeon) und Arthur Mazurkowski (Violine) engagiert und schwungvoll - allerdings lauter Hits von gestern. Hier weiterlesen: Das Grauen im Gemälde - Das „Gaskammer“-Bild von Luc Tuymans.


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