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Pressekonferenz am Nachmittag Neue Details zum Tod von „Tips“: Bär griff offenbar Zoomitarbeiter an

Von Andrea Pärschke, Stephanie Kriege und Svenja Kracht

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skr/apa/stek Osnabrück. Einen Tag nach dem Tod der Hybridbärin Tips gibt es neue Erkenntnisse aus dem Osnabrücker Zoo: Offenbar hatte das Tier nach seinem Ausbruch einen Zoomitarbeiter angegriffen und musste deshalb erschossen werden.

Nach Angaben des Zoos entwischte das Raubtier am Samstagnachmittag gegen 14.15 Uhr durch ein kleines Gitter, das sich offenbar verbogen hatte, und bahnte sich zunächst seinen Weg von der Bärenanlage zum Löwenrondell. Dort traf Tips auf eine Mitarbeiterin. Diese stürzte bei dem Kontakt mit dem Bär, hatte aber Glück im Unglück: Bis auf einen Bluterguss blieb sie unverletzt.

Die Hybridbärin lief vom Löwenrondell etwa 100 Meter weiter, nicht über die Wege, sondern quer durch die Vegetation. Dort gelangte sie zu der Anlage der Klammeraffen, wo sie noch in dem Graben der Klammeraffen ein Bad nahm.

Keine Drohgebärden, sondern Angriffsgebärden

Für diesen Fall extra ausgebildete Mitarbeiter aus dem tiergartenbiologischen Team stießen innerhalb kürzester Zeit hinzu. Sie hatten ein Betäubungsgewehr und Schusswaffen dabei. Doch zunächst versuchten die Mitarbeiter Tips zu beruhigen.

Das 300 Kilo schwere Tier ging jedoch bald zu Angriffsgebärden über. „Sie drohte nicht, sondern bereitete sich auf einen Angriff vor“, berichtet Zoodirektor Michael Böer, dem am Samstagnachmittag der Schock und die Trauer deutlich anzumerken war. Um Menschenleben zu schützen, sei nichts anderes übrig geblieben, als die Bärin aus kürzester Distanz zu erschießen. Denn eine Betäubungsschuss hätte erst nach zehn bis 20 Minuten Wirkung gezeigt.

Das Risiko sei zu groß gewesen: „Da Tips unglücklicherweise an einem Wochenende und nachmittags aus dem Gehege entwich und der Zoo zu diesem Zeitpunkt ziemlich voll war, waren wir zu diesem schweren Schritt gezwungen, um unsere Besucher zu schützen“, so Böer. Zwischen der ersten Sichtung und dem tödlichen Schuss lagen etwa zehn Minuten.

Trauer bei den Mitarbeitern

Noch am Sonntag ist die Betroffenheit im Zoo Osnabrück groß. „Die Mitarbeiter sind geschockt und traurig“, sagt der Geschäftsführer Andreas Busemann. Auch Michael Böer berichtet davon, dass diese Situation und diese Entscheidung das Schlimmste sei, was während der Arbeitszeit passieren könne.

Taps ist im Stall

Derweil geht der Zoobetrieb am Sonntag weiter. Der Bruder der erschossenen Hybridbärin Tips ist allerdings im Stall. Dieser war am Samstagmittag von Zoomitarbeitern von Außenanlage in das Bärenhaus gelockt worden. Er reagierte auf Zuruf. Raus auf das Außengelände darf er am Sonntag noch nicht: Denn noch kann nicht völlig geklärt werden, wie das Tier überhaupt aus dem Gehege entkommen konnte.

Gewaltsam durch den Zaun?

Nach Angaben der Polizei, die am Samstagnachmittag um 14.15 Uhr verständigt wurde, brach der 300 Kilo schwere Bär vermutlich gewaltsam durch den Zaun seines Geheges aus. In Zusammenarbeit mit der Polizei Osnabrück wird der Vorfall zurzeit untersucht: „Wir wollen keine Vermutungen anstellen, sondern zuerst ganz genau untersuchen und feststellen, wie Tips aus der Anlage entkommen ist. Daher bitten wir um etwas Geduld“, so Zoodirektor Michael Böer. Der Körper des getöteten Bären Tips wird in der Pathologie der Tiermedizinischen Hochschule Hannover untersucht.

4000 Besucher blieben unversehrt

Den 4000 Besuchern, die sich zu der Zeit auf dem Zoogelände aufhielten, ist nichts passiert. Die Polizei Osnabrück lobte vor allem die besonnene und zügige Reaktion der Zoomitarbeiter. Diese begannen direkt nach der ersten Sichtung des Bären über dem Flamingogehege mit der Evakuierung des Geländes und brachten Besucher unter anderem vorübergehend in den Häusern des Parks in Sicherheit.

„Es war nicht sehr schön“ schildert Zoo-Besucherin Sonja Mattke das Erlebte. Sie hielt sich nahe des Bärengeheges auf, als das Tier ausbrach. Laut ihrer Aussage machte der Zoo zwei Durchsagen: Einmal, dass der Bär ausgebrochen sei. In der zweiten Durchsage wurden die Besucher aufgefordert, den Zoo zu verlassen oder eines der Tierhäuser aufzusuchen. Eine andere Besucherin sagte gegenüber unserer Redaktion, sie habe keine Durchsagen gehört.

Aber es sei plötzlich sehr viel Zoopersonal zugegen gewesen. Die Mitarbeiter hätten durch ihr Vorgehen dazu beigetragen, dass keine Panik ausbrach. Als die Lage im Park geklärt war, durften die Besucher den Zoo wieder betreten.

Großer Verlust für den Zoo

Nach Angaben von Michael Böer hätten auch die Besucher besonnen reagiert. Vor allem als einige von ihnen den Bären außerhalb des Geheges sahen und ihm begegneten. Das Tier selbst habe begünstigt durch die weiträumige Anlage genug Rückzugsmöglichkeiten gehabt, sodass es nicht zu Aggressionen gegenüber Gästen kam.

Ein beliebter Zoobewohner

Für den Zoo sei ihr Tod ein großer Verlust. „Wir sind sehr traurig über das Geschehene, denn Tips war nicht nur ein Besucherliebling, sondern auch bei unseren Mitarbeitern ein beliebter Zoobewohner. Gleichzeitig sind wir aber auch sehr froh, dass kein Mensch zu Schaden kam“, erklärt der Zoodirektor.


Ausgebrochene Zootiere in Deutschland

Auch bei Zootieren ist der Freiheitsdrang mitunter größer, als es als die Sicherheitsvorkehrungen sind. In vielen Fällen enden die Ausbrüche glimpflich - aber leider nicht immer. Einige Beispiele:

  • Januar 2017: Fünf Tage lang entkommt LUCHS „Findus“ seinen Verfolgern aus dem Gelsenkirchener Zoo, bis er schließlich betäubt werden kann. Seine Flucht war möglich geworden, weil ein Wassergraben zwischen seinem Gehege und den Besuchern zugefroren war.
  • September 2016: SCHNEELEOPARD „Irbis“ entkommt im Wuppertaler Zoo aus seinem Gehege. Die rund 1000 Besucher werden in die Tierhäuser gebeten und die Eingänge gesperrt. Nach rund 30 Minuten findet eine Tierärztin den Schneeleoparden auf dem Zoogelände und betäubt ihn.
  • Juli 2016: Das LÖWENPÄRCHEN „Gretchen“ und „Massai“ entdeckt eine offene Tür in seinem Gehege im Wildpark Johannismühle in Brandenburg. Zu zweit erkunden die Tiere den umzäunten Außenbereich. Der Park wird sofort geräumt. Nach zwei Stunden beendet eine Tierärztin mit einem Betäubungsgewehr den Ausflug.
  • Mai 2016: Statt im Tierpark Wittenberg ins Gehege einer Artgenossin zu tapsen, entwischt NASENBÄR „Manni“. Am Zaun bekommt er einen Stromschlag, flieht aber trotzdem quer durch die Stadt. Die Odyssee durch Wittenberg endet schließlich im Innenhof des Amtsgerichts. Ein Tierarzt kann das Tier dort betäuben.
  • August 2015: Für ORANG-UTAN „Nieas“ endet die Flucht aus dem Duisburger Zoo tödlich. Der Affe war aus seinem Stall entwischt und gerade dabei, über den Außenzaun zu klettern, als sein Ausbruch entdeckt wird. Dem Zoo zufolge war es da schon zu spät, um ihn noch zu betäuben - er muss erschossen werden.
  • März 2014: STACHELSCHWEIN „Hartmut“ entkommt wegen eines offenen Gatters mit seiner Rotte aus dem Gehege. Seine Gefährten lassen sich einfangen, doch das Tier sucht das Weite. Es wird an einer nahe gelegenen Bahnstrecke von einem Zug überfahren.
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