Stadtwerke legen Gutachten vor Wie schmutzig sind die Dieselbusse in Osnabrück?

Mit Sandsäcken wurde beim Abgastest in den zwei Gelenkbussen das Gewicht der Fahrgäste simuliert. Foto: Jessica FischerMit Sandsäcken wurde beim Abgastest in den zwei Gelenkbussen das Gewicht der Fahrgäste simuliert. Foto: Jessica Fischer

Osnabrück. Die Stadtwerke haben die Schadstoffbelastung von zwei Gelenkbussen im realen Fahrbetrieb ermitteln lassen. Jetzt liegen die Ergebnisse vor, und schon gibt es Streit, was aus den Zahlen abzuleiten ist. Wir haben das Umweltbundesamt gefragt.

So viel ist eindeutig: Nach der Untersuchung des TÜV-Nord stößt der Gelenkbus von Mercedes-Benz Citaro weniger Schadstoffe aus als das Vergleichsfahrzeug von MAN, obwohl beide die Euro-5-Norm erfüllen. Fachleute sind von diesem Ergebnis nicht überrascht, weil sich das bessere Abschneiden mit der aufwendigeren SCR-Technik erklären lässt.

Mehr Abgase bei Schritttempo

Beide Busse sind mit Partikelfiltern ausgerüstet, der MAN-Motor hat zudem eine Abgasrückführung eingebaut. Mercedes-Benz setzt hingegen auf das SCR-Verfahren, bei dem im Motor neben dem Diesel auch Harnstoff (bekannt unter dem Markennamen Adblue) verbrannt wird. So kann der Bus mit dem Stern vor allem beim Stickstoffdioxid (NO2) punkten, Osnabrücks Problemkind unter den Luftschadstoffen.

Die Diagramme des TÜV-Gutachtens lassen aber auch erkennen, dass die Schadstoffbelastung in starkem Maße von der Geschwindigkeit abhängt. Bei Schritttempo spucken beide Busse die sechs- bis achtfache Dosis NO2 in die Luft als bei Tempo 30 oder 50. Bis zu 8,5 Gramm pro Kilometer sind es beim Testfahrzeug von MAN, und der Mercedes-Benz schneidet mit knapp sechs Gramm nicht viel besser ab. Auch beim Ruß, beim Kohlenmonoxid und den unverbrannten Kohlenwasserstoffen zeigt sich, dass bei langsamer Fahrt die höchsten Belastungen auftreten.

Neue Busse schon im Mai

Die Stadtwerke setzen bei ihrer Nahverkehrsflotte längerfristig auf Elektromobilität. 13 batteriebetriebene Gelenkbusse sollen 2018/2019 für die Linie 41 zwischen Haste und Düstrup angeschafft werden. Weil die Euro-5-Fahrzeuge aber noch etliche Jahre zum Fuhrpark gehören werden, plant Verkehrsvorstand Stephan Rolfes jetzt eine Nachrüstung für acht MAN-Fahrzeuge. Einzelheiten dazu seien aber noch nicht bekannt, heißt es in einer Pressemitteilung. Von den Bussen des im Test verwendeten Mercedes-Benz Citaro sind zwölf Exemplare im Stadtgebiet unterwegs.

Neu ist, dass die Stadtwerke als „Werkstattreserve“ insgesamt acht Euro-6-Busse kaufen wollen. Die ersten vier davon „werden bereits ab Mai 2017 im Einsatz sein“, wie Pressesprecher Marco Hörmeyer mitteilt. So könnten ältere Vehikel vorzeitig aus dem Verkehr gezogen werden, lautet die Überlegung.

Zahlen von geringem Wert

Mit dieser in mehreren Schritten geplanten Umstellung sei Osnabrück auf einem guten Weg, meint Lars Mönch vom Umweltbundesamt. Der Leiter des Fachgebiets Schadstoffminderung und Energieeinsparung hält die an den Gelenkbussen gemessenen Werte für nachvollziehbar, zumal die stärksten Belastungen bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten festgestellt wurden.

Die Ergebnisse der Untersuchung hält der Fachgebietsleiter allerdings nur für bedingt aussagefähig. Wer die Zahlen mit den Abgaswerten von Diesel-Pkw vergleichen wolle, müsse die Fahrzeugmengen berücksichtigen und zugleich konstatieren, dass es starke Abweichungen zwischen Labor- und Realbedingungen gebe.

Die „größten Schmutzfinken“ unter den Euro-5-Diesel-Autos kämen auf 700 bis 800 mg NO2 pro km. Und auch in der aktuell höchsten Schadstoffklasse Euro 6 gebe es erhebliche Unterschiede. Wer die Luftqualität in der Stadt verbessern wolle, müsse einen anderen Weg gehen, sagt Mönch. Am wirksamsten sei es, die Emissionen des Individualverkehrs einzuschränken und den öffentlichen Nahverkehr als Rückgrat der städtischen Mobilität zu stärken. Fortschritte gebe es nur, wenn die Emissionen pro Personenkilometer gesenkt würden.


Bus oder Auto: Wer nacht mehr Dreck?

Kaum war das Gutachten über die Schadstoffe von Dieselbussen bekannt, da wagte Steffen Grüner vom Bund Osnabrücker Bürger (BOB) eine steile These. Die Emissionen von 2200 Busbewegungen pro Tag in einer „Fußgängerzone Neumarkt“ würden einer Schadstoffbelastung von 264000 Pkw entsprechen. Damit sei die Sperrung des Neumarkts für Autos aus ökologischen Gründen hinfällig, lautet seine Argumentation. Die Stadtwerke machen eine andere Rechnung auf.

Grüner folgert aus dem TÜV-Gutachten, dass ein Bus bei Schrittgeschwindigkeit ungefähr 120-mal mehr Stickoxide ausstoße, als es für einen Euro-6-Pkw zulässig sei. Auf die große Zahl kommt er, indem er 2200 langsam über den Neumarkt rollende Busse mit 120 multipliziert. Dabei unterstellt er, dass die Autos mit Tempo 50 unterwegs sind. Dieselbusse, so folgert der BOB-Politiker, würden den Neumarkt „nach Adam Riese“ wesentlich stärker mit Stickoxiden kontaminieren. Das sei eine Schadstoffbelastung wie auf einem Highway in Los Angeles.

Stadtwerke-Sprecher Marco Hörmeyer vermerkt dazu in einem Statement, der Vergleich von Bus- und Pkw-Emissionen hinke und lasse wichtige für einen Vergleich erforderliche Parameter unbeachtet. Außerdem gebe es auf dem Neumarkt lediglich 1760 Busbewegungen. Bei den PKW-Emissionen handele es sich um Prüfstandsgrenzwerte für die entsprechenden Euro-Normen. Um die realen Fahrzeugemissionen von Bus und PKW vergleichen zu können, müssten die Fahrzeuge unter gleichen Bedingungen vermessen werden: „Konkret bedeutet dies, dass die Pkw ebenfalls auf der Strecke der Buslinie 41 fahren müssten“.

Auch den Vergleich bei Schrittgeschwindigkeit hält Hörmeyer für unpassend. Unbeachtet bleibe, dass die Busse alle 300 bis 400 Meter an den Haltstellen halten und wieder anfahren müssen. Das Beschleunigen der Masse sei mit einer Erhöhung der Emissionen verbunden. Dabei gelte es zu berücksichtigen, dass die Emissionen pro Fahrgast beim Bus je nach Besetzungsgrad geringer sein könnten. (rll)

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