Alkohol in der Schwangerschaft Das eine Glas? Osnabrücker Mütter über ihr Leben mit FASD-Kindern

Schon geringe Mengen Alkohol während der Schwangerschaft können lebenslange Folgen für das Kind haben. Foto: colourbox.deSchon geringe Mengen Alkohol während der Schwangerschaft können lebenslange Folgen für das Kind haben. Foto: colourbox.de

Osnabrück. „Mach dich mal locker, du bist schwanger und nicht krank.“ Durch Sprüche wie diese lassen sich viele Schwangere dazu hinreißen, in geselliger Runde doch ein Glas mitzutrinken. Welche Folgen dieses eine Glas haben kann, berichten Mütter aus der Selbsthilfegruppe FASD Osnabrück.

FASD steht für „Fetale Alkoholspektrum-Störung“, auf englisch „Fetal Alcohol Spectrum Disorder“, und bezeichnet die in Deutschland häufigste angeborene Behinderung. Einer, der sich intensiv mit der Störung befasst hat, ist Dr. Jürgen Nawracala. Nawracala arbeitet als Oberarzt auf der Früh- und Neugeborenen-Intensivstation am Klinikum Osnabrück. 2008 las er in der Neuen Osnabrücker Zeitung einen Artikel: In Deutschland werden jährlich 10.000 Kinder alkoholgeschädigt geboren. „Als ich das las, dachte ich: Ich übersehe Kinder“, sagt der Oberarzt. Wenn die Zahl so hoch liege, dann müsste er doch in seinem Berufsalltag damit häufiger konfrontiert werden. „Ich beteilige mich an der Unterdiagnostizierung“, habe er sich damals gesagt und sei in sich gegangen: Frage ich beim Thema Alkohol wirklich konkret genug nach?

Hilfe für Pflege- und Adoptiveltern

Vor wenigen Tagen hat in Osnabrück eine Fachtagung stattgefunden. Veranstaltet wurde sie vom Sozialdienst der Katholischen Frauen und der Caritas, die Idee dazu kam von der Selbsthilfegruppe FASD Osnabrück. Die Zielgruppe: Eltern von Adoptiv- und Pflegekindern. Gekommen waren rund 70 Eltern aus Stadt und Landkreis. Während ihre Kinder mit einem Spielprogramm bei Launen gehalten wurden, konnten sie sich mit Experten und untereinander austauschen. Drei Mütter mit Kindern in unterschiedlichem Alter haben sich auch mit uns getroffen. Sie bitten darum, weder ihre Namen noch die ihrer Kinder zu nennen. Dennoch ist es ihnen wichtig, mit uns zu reden. „Wir haben es hier schließlich mit einer Behinderung zu tun, die zu 100 Prozent vermeidbar ist“, sagen sie. Vermeidbar aber nur dann, wenn Frauen in der Schwangerschaft keinen Alkohol trinken. Gar keinen. (Weiterlesen: Jeder Fünfte findet Bier in Schwangerschaft in Ordnung)

Risiken werden verharmlost

„Die Risiken von Alkohol werden so oft verharmlost mit Sprüchen wie ‚so ein Gläschen in Ehren‘. Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert, aber Alkohol ist nun mal ein Zellgift. Und für das gibt es keine Schwellendosis“, sagt Jürgen Nawracala. Heißt: Schon ein Glas kann zu viel sein. Es sind also längst nicht nur Alkoholikerinnen, die Kinder mit FASD zur Welt bringen. „Alkohol in der Schwangerschaft ist wie Roulette, wie ein Glücksspiel“, sagt Anke Dreyer-Pranger vom Sozialdienst katholischer Frauen in Osnabrück. „Womöglich durchläuft der Embryo gerade einen wichtigen Entwicklungsprozess, und dann ist es genau dieses eine Glas, das ihn schädigt.“

Und das dauerhaft – denn therapieren kann man die Störung nicht. Etwa 80 Prozent der FASD diagnostizierten Kinder sind ein Leben lang auf Betreuung angewiesen, da sie eine personelle Unterstützung in der Lebensführung brauchen.

Wilhelm Buschs Moritz – ein FASD-Kind?

Als die Mutter aus der Selbsthilfegruppe ihre Pflegekinder kennenlernen, sind diese wenige Monate alte Babys. Aufgefallen sei ihr zunächst nichts, berichtet die eine. „Anfangs schwebt man ja eh auf einer rosaroten Wattewolke.“ Zudem sieht man die Störung längst nicht allen Kindern an. Ja, es gibt Kinder, die das „Vollbild“ des fetalen Alkoholsyndroms aufweisen. Die Kinder sind kleiner und leichter als andere, ihre Augen stehen weiter auseinander und sind ebenfalls eher klein, die Falte über der Oberlippe ist fast gänzlich verstrichen und auch der gesamte Kopf ist im Verhältnis zum Rest des Körpers klein. „Wer wissen will, wie ein Kind mit FASD aussieht, soll sich einmal den Moritz von Wilhelm Buschs Max und Moritz ansehen“, sagt Jürgen Nawracala. Optik und Verhalten entsprächen genau dem eines FASD-Kindes. (Weiterlesen: Wilhelm Busch Moritz‘ und das Fetale Alkoholsyndrom)

Häufige Fehldiagnosen

Neben den Äußerlichkeiten kommen noch weitere Erscheinungsmerkmale hinzu, die man nicht sofort FASD zugeordnet werden: Hör- und Sehstörungen, ein gestörtes Sprachverständnis und allgemein Verhaltensauffälligkeiten, die in Verbindung mit einer verminderten Intelligenz stehen. Hinzu kommen Hyperaktivität, eine Distanzlosigkeit bzw. mangelndes soziales „Feingefühl“ sowie eine gewisse Naivität und Leichtgläubigkeit. 

Das Gedächtnis funktioniert nicht

Was mit ihrem Sohn los ist, begreift die Mutter aus der Selbsthilfegruppe erst nach einem Fachvortrag. „Der spricht von uns“, habe sie gedacht. Der, das ist Dr. Reinhold Feldmann. In seiner FASD-Ambulanz an der Tagesklinik Walstedde im Münsterland lässt sie ihren Sohn testen. Nach dem Ausfüllen eines langen Fragebogens wurde der Junge vermessen und eingehend untersucht. Die Diagnose bedeutete für die Familie zunächst eins: Erleichterung. Endlich wusste man, woran man ist. Dass die alltäglichen Probleme nichts mit einer schlechten Erziehung oder kindlichem Unwillen zu tun haben, sondern dass das Kind schlicht nicht anders kann. „Sein Gedächtnis funktioniert zum Beispiel nicht immer richtig“, erläutert sie. Da kann es sein, dass ihr Sohn an einem Tag sämtliche mathematischen Gleichungen ohne Problem lösen kann, und einen Tag später kann er sich nicht mehr an den Rechenweg erinnern. „Bei uns im Haus wird auch ständig etwas gesucht.“ Überall hingen schon kleine Zettel und Markierungen. „Strukturhilfe“. „Ich kann auch nicht einfach sagen: Komm, räum mal auf. Das wäre eine Überforderung. Ich muss sagen: Bitte räum das rote Auto jetzt in die Schublade.“ Alles müsse hundert Mal wiederholt werden, dennoch könnten die Kinder es sich partout nicht merken.

Probleme für Erwachsene mit FASD

Was den Müttern Sorge bereitet, ist der Gedanke an die Zukunft. Im Kindesalter könne man noch viel auffangen. Doch als Erwachsene, berichtet eine Mutter mit Kindern im entsprechenden Alter, leben sich die Menschen schnell auseinander. „Es fällt meinen Kindern schwer, soziale Kontakte zu halten“, sagt sie. Auch ein normales Arbeitsleben wird für die meisten FAS-Kinder nicht in Frage kommen.

Warnhinweise auf Flaschen

Das Ziel der Selbsthilfegruppe ist neben dem Austausch über alltägliche Probleme die Prävention. „Wussten Sie, dass bei einer Umfrage herausgekommen ist, dass 80 Prozent der Menschen wissen, dass Alkoholkonsum die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt, aber nur 40 Prozent, dass er schädlich für das Kind ist?“, fragt eine Mutter aus der Selbsthilfegruppe. Daher unterstützen sie die Online Petition des FASD Deutschland e.V., der einen Warnhinweis auf Flaschen fordert. „Auf Zigarettenschachteln gibt es so einen Hinweis bereits. Aber auch auf Flaschen müsste er stehen. Und zwar so groß, dass ich dafür nicht meine Lesebrille herausholen muss“, sagt sie.


Dem SKF Osnabrück liegt das Thema FASD sehr am Herzen, gerne bieten sie zu diesem Thema weitere Aufklärung – gerade für Schulen – an. Für weitere Informationen steht gerne Bereichsleitern Anke Dreyer-Pranger zur Verfügung, Tel. 0541/3387612 oder adreyer-pranger@skf-os.de

Infos zur Selbsthilfegruppe gibt es unter www.fasd-osnabrueck.de .

0 Kommentare