Living-Lab-Chef Schnellhammer So sieht die Pflege von morgen im Kreis Osnabrück aus

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Osnabrück. Der Osnabrücker Chef des Living Lab, des „Lebenden Labors“ für die Pflege der Zukunft, Martin Schnellhammer, warnt die Region vor großen Herausforderungen in der Pflege, weil immer mehr Frauen berufstätig werden, die bislang die Angehörigen zu Hause gepflegt haben.

Wie sieht die Welt von morgen für die Pflege im Kreis Osnabrück aus?

Die Menschen werden immer älter. Meine dreijährige Enkeltochter hat eine 50-prozentige Chance, 100 Jahre alt zu werden. Schon 2030 werden wir sehr viele über 90-Jährige haben. Das Problem ist, dass die Alten immer mehr und die Jungen immer weniger werden. Erschwerend kommt hinzu, dass in den nächsten Jahren immer mehr Frauen berufstätig sein werden, die bislang die Pflege von Angehörigen übernommen haben. Vermutlich wird sich in den kommenden 15 Jahren die Zahl der Hausfrauen unterhalb des Rentenalters mehr als halbieren. Diese fallen dann für familiäre Pflege weitgehend aus. Heutzutage werden gut Zweidrittel der Hochbetagten und Pflegebedürftigen in der eigenen Wohnung betreut, unterstützt und gepflegt. Wir müssen uns daher darauf vorbereiten, wie wir die Versorgung der Älteren in der eigenen Wohnung sicherstellen können. Wir entwickeln im Living Lab Innovationen dafür, dass immer mehr Ältere immer länger alleine in der eigenen Wohnung bleiben können. Da kommen große Herausforderungen auf uns zu, die vielen noch gar nicht bewusst sind, für die wir aber in den nächsten Jahren Antworten finden müssen.

Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Die Pflege können wir durch die Pflegedienste sicherstellen. Unser Augenmerk richten wir deswegen vor allem auf hauswirtschaftliche Versorgung und soziale Betreuung. Dafür gibt es bislang noch viel zu wenige Konzepte. Mit unseren Partnern beschäftigen wir uns mit Dienstleistungen rund um den Haushalt. Die Menschen wollen ja möglichst lange in der eigenen Wohnung leben, das wollen wir unterstützen. Dabei haben wir zwei Kernthemen: Wie können wir die Dienstleistungen so preiswert anbieten, dass sich das alle leisten können und wie können wir die notwendige Organisation, Koordination und den Informationsaustausch unterstützen. Das wird ohne technische Innovationen und neuartige soziale Dienstleistungen nicht zu machen sein.

Auf welche Dienstleistungen und auf welche Technik setzen Sie dabei?

Wir beschäftigen uns im Projekt „Sozialer Landkreis“ mit Wäsche- und Lebensmittelversorgung sowie mit Dienstleistungen wie den Fahrten zum Arzt. Bei der Wäscheversorgung haben wir festgestellt, dass etwa die Logistikkosten so hoch sind, dass es wirtschaftlich nicht darstellbar ist. Wir probieren gerade, wie man Dienstleistungen zusammenbringen kann. Es müsste also der Lebensmittellieferant oder der Pflegedienst zum Beispiel auch die Wäsche mitbringen. Wir müssen die Logistikkosten senken und brauchen dazu Netzwerke, in denen die Dienstleister die Leistungen in Zukunft gemeinsam erbringen.

Wirtschaftsunternehmen denken aber eher an den Profit als an soziale Wohltaten. Wie wollen Sie sie dazu bewegen, Dienstleistungen gemeinsam zu erbringen?

Ein Anreiz wären neue Geschäftsmodelle. Denken wir einmal an die Apotheker, die große Konkurrenz durch Internet-Apotheken haben. Wenn diese es verstehen, mit den anderen Dienstleistern vor Ort zusammenzuarbeiten und zum Beispiel Einkäufe mitbringen, wenn sie ohnehin Medikamente liefern oder mit dem Pflegedienst einen Lieferservice aufbauen, dann können sie auf der einen Seite Kosten sparen und auf der anderen Seite einen Mehrwert an Dienstleistungen schaffen, die sie von Wettbewerbern abhebt.

Gibt es für solche Modelle schon Praxisbeispiele?

Ein solches Geschäftsmodell ist bereits in den dünn besiedelten Samtgemeinden Artland und Bersenbrück entstanden. Dort stellt sich oft die Frage, wer den Leuten Bargeld bringen kann, weil der nächste Geldautomat weit entfernt liegt. Da die Pflegedienste in der Regel ohnehin täglich in der Wohnung sind und eine Einzugsermächtigung haben, versorgen sie die pflegebedürftigen Menschen relativ einfach mit Bargeld, ohne dass die Angehörigen dafür extra losfahren müssen. Die Wäscheversorgung kann man auch gut mit der Lebensmittelversorgung zusammenbringen. Logistikkosten lassen sich aber auch einsparen, indem man Standorte benennt, die zu sogenannten Versorgungs-Hotspots werden, z. B. Seniorentreffs.

Wie funktioniert das konkret?

Ein Beispiel wäre die AWO-Wohnanlage in Menslage. Da Ende 2015 in Menslage der Edeka zugemacht hat, gibt es dort keine Lebensmittelversorgung mehr. In der Wohnanlage gibt es aber zum Beispiel einen regelmäßigen Kaffeetreff, wo sich die Senioren regelmäßig treffen. Wir können uns vorstellen, dort Wäsche und Lebensmittel hinzubringen und dort einmal im Monat eine Banksprechstunde anzubieten. Wir könnten uns aber auch vorstellen, dass dorthin einmal im Monat Sprechstundenhilfen vom Arzt kommen und einfache Laboruntersuchungen machen, um sich den Weg zur Arztpraxis zu sparen. Das ist auch das Kernanliegen unseres Projekts „Sozialer Landkreis“: Wir schaffen Netzwerke, damit die Dienstleister vor Ort zusammenarbeiten und sich durch ihre gute Marktpositionierung dadurch auch auf dem Markt behaupten können.

Welche kommerziellen Partner machen bereits mit?

Wir haben eine Wäscherei, eine Apotheke, Pflegedienste und einen Hausarzt im Projekt. Wir können uns aber auch Kooperationen mit Sparkassen und Volksbanken sowie Lebensmittelketten vorstellen. Mit einem von Deutschlands größten Lebensmittel-Lieferdiensten sind wir dazu bereits in Gesprächen. Die Innovation dabei ist die, dass die Lebensmittel an die Versorgungs-Hotspots geliefert werden und nicht wie sonst üblich nach Hause, weil es bettlägerigen Personen eben nicht möglich ist, die Tür aufzumachen. Die Lebensmittellieferung oder die Wäschelieferung sind zudem relativ teuer. Eine Zustellung kostet oft fünf bis acht Euro. Für die Menschen werden die Leistungen aber nur erschwinglich, wenn die Preise gesenkt werden. Wir arbeiten da etwa mit der Heilpädagogischen Hilfe zusammen, die dann den letzten Kilometer übernimmt, der per Kurier die Sachen aus dem Versorgungs-Hotspot in die Wohnungen bringt. Andererseits ist es aber auch möglich, dass die Senioren die Lieferungen aus dem Senioren-Café mitnehmen, zu dem sie ohnehin regelmäßig gebracht werden. So werden Kosten eingespart und die Leistungen werden erschwinglicher.

Welche Technik setzen Sie zur Steuerung und Koordinierung der Dienstleistungen ein?

Wir wollen in einem neuen Projekt eine künstliche Intelligenz entwickeln, die automatisch die Steuerungsprozesse übernimmt. Wenn jemand zum Beispiel die Information gibt, dass Milch fehlt, dann errechnet die Plattform, wer die Milch am günstigsten anbietet und wer sie wann am günstigsten ausliefern kann. Das ist ein großes Projekt, unter Federführung der Hochschule Leeuwarden, der Hochschulen Osnabrück und Oldenburg und vieler weiterer Partner. Unsere Aufgabe ist es, die Probleme zu identifizieren, die technisch gelöst werden müssen.

Was haben Sie seit dem Start des Living Lab vor zwei Jahren bislang maßgeblich erreicht?

Wir haben Pflegekräfte ausgebildet, um besser beraten zu können, welche Pflegeleistungen in Anspruch genommen werden können. Wir haben das Projekt Sozialer Landkreis entwickelt, das im August 2016 begonnen wurde. Das Trinkerinnerungsgerät Obli wurde in Zusammenarbeit mit einer niederländischen Firma entwickelt. Dieses Gerät erinnert nicht nur, es überwacht auch die Trinkaktivitäten. Wenn tagsüber etwa vier Stunden nicht getrunken wird, schlägt das Gerät Alarm und die Angehörigen bekommen eine entsprechende SMS. So wird ein Sicherheitsnetz geknüpft, ob es den Angehörigen gut geht, wenn sie selbst nicht da sein können. Das ist ein Vorteil etwa gegenüber einem Hausnotruf, der aktiv betätigt werden muss. Wir testen Sensormatratzen in Kombination mit einer Datensoftware. Menschen, die gefährdet sind, Hautprobleme zu bekommen, müssen nachts mehrmals umgelagert werden. Ein Rechner wertet aus, ob die Eigenbewegungen des Pflegebedürftigen ausreichen und löst einen Notruf aus, wenn länger als drei Stunden keine ausreichenden Bewegungen stattgefunden haben. Die Patienten müssen also nur dann geweckt und entsprechend umgelagert werden, wenn es diese Mikrobewegungen nicht gab. Das sorgt für einen besseren Schlaf und entlastet gleichzeitig die Pflegenden.


Das ist das Living Lab:

Das Living Lab (Das Lebende Labor) wurde 2014 auf Initiative von Bistum und Landkreis Osnabrück unter Beteiligung von Uni und Hochschule Osnabrück gegründet. Die Trägerschaft übernahm die Science to Business GmbH. Es soll Technik und Dienstleistungen entwickeln, die es Menschen ermöglichen, länger in der eigenen Wohnung zu bleiben, wenn sie pflegebedürftig sind. Das Living Lab soll einen regionalen Beitrag zu den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft leisten. Dazu soll es die Praxis mit der Wissenschaft zusammenbringen und Testumgebungen schaffen, in der Technik und Dienstleistungen unter realen Bedingungen erprobt und weiterentwickelt werden können. Es finanziert sich aus Zuschüssen von Bistum und Landkreis Osnabrück sowie Projektmitteln und nutzt Räume und Strukturen von Uni und Hochschule. Sitz ist der Campus Westerberg (Albrechtstraße 30). Homepage: www.living-lab.org, E-Mail: M.Schnellhammer@HS-Osnabrueck.de, Telefon: 05419692006

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