Mönchengladbach als Vorbild Ebay als Lösung für den Osnabrücker Einzelhandel?

Von Jörg Sanders und Sebastian Philipp


yjs/sph Osnabrück. In Mönchengladbach bieten mehr als 70 lokale Händler ihre Waren auf einer lokalen Ebay-Plattform feil, auch in Diepholz gibt es ein ähnliches Projekt. Offenbar mit Erfolg. Könnte das Modell auch Osnabrücks stationärem Einzelhandel Auftrieb verleihen?

Der Wissenschaftler und Handelsexperte Gerrit Heinemann hatte das Pilotprojekt „Mönchengladbach bei Ebay“ (www.mg-bei-ebay.de) am Mittwoch im Osnabrücker Rathaus vorgestellt. Es war im Oktober 2015 mit rund 50 Händlern gestartet. Mittlerweile ist die Zahl der Shops auf mehr als 70 gestiegen. Mehr als 200000 Artikel bieten die Händler auf der Plattform an – natürlich nicht nur für Mönchengladbacher. Diese können aber etwa sonntags in Ruhe online stöbern, kaufen und die Ware am Montag vor Ort abholen (Click & Collect) oder sich schicken lassen.

Ein Plus von durchschnittlich 90000 Euro

Der Stadt Mönchengladbach zufolge verkauften die Händler über das Portal in den ersten Hundert Tagen mehr als 32000 Artikel. Ebay zufolge waren es bis Mitte Juli 2016 mehr als 87500 Artikel im Gesamtwert von mehr als 3,2 Millionen Euro. Der zusätzlich generierte Jahresumsatz liege Ebay zufolge bei durchschnittlich rund 90000 Euro. Die Plattform profitiert mit einer Umsatzbeteiligung von rund acht Prozent.

Projekt hat sich verstetigt

Für Ulrich Schückhaus ist das Modell durchaus erfolgreich. „Der Einzelhandel kommt am Vertriebskanal via Internet nicht mehr vorbei“, sagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach im Gespräch mit unserer Redaktion. Nach einer geförderten Pilotphase habe sich das Projekt mittlerweile verstetigt. Ob es für einzelne Händler jedoch zum Erfolgsmodell reicht, hänge nach seiner Beobachtung jedoch stark vom eigenen Engagement ab – und nicht etwa vom Sortiment oder der Branche. „Unsere Erfahrung ist, dass vor allem die Einzelhändler von Ebay profitieren, die viel Mühe reinstecken und ein breites Sortiment anbieten.“

Kunden von außerhalb

Auswirkungen auf die Passantenfrequenz in der Mönchengladbacher Innenstadt hat Schückhaus jedoch nicht beobachtet, auch wenn es die Möglichkeit gibt, die via Internet bestellte Ware in den teilnehmenden Geschäften abzuholen. „Wir gehen davon aus, dass 90 Prozent des Umsatzes von außerhalb generiert wird. Die Einzelhändler verkaufen ihre Waren bundesweit und sogar international. Letztlich dient das Modell hier vor allem der Stabilisierung des stationären Einzelhandels.“

Projekt in Diepholz angelaufen

In Diepholz läuft seit Herbst vergangenen Jahres ein ähnliches Projekt. Auch wenn Wirtschaftsförderer Bernd Öhlmann daher noch kein Fazit ziehen kann, läuft das Modell durchaus erfolgreich. „Die Händler, die den Vertrieb ernsthaft angehen, profitieren vom neuen Kanal. Vor allem unsere Top10-Unternehmen sind sehr zufrieden.“ Öhlmann betont jedoch, übrigens ebenso wie sein Mönchengladbacher Kollege Ulrich Schückhaus: „Das Modell bindet Ressourcen und kostet Mühe. Wer sich diese Mühe macht, gewinnt aber auf jeden Fall.“ Er habe in der Diepholzer Geschäftswelt ein regelrechtes Umdenken beobachtet. Viele Einzelhändler seien aus einer gewissen „Lethargie des Klagens“ erwacht.

IHK will OMT-System abwarten

Zurück nach Osnabrück: Die Industrie- und Handelskammer Osnabrück – Emsland – Grafschaft Bentheim will sich nicht festlegen, ob eine lokale Ebay-Plattform auch für Osnabrück kommen sollte. „Aktuell müssen wir erst einmal das neue System abwarten und schauen, was das kann“, sagt der IHK-Handelsexperte Falk Hassenpflug im Gespräch mit unserer Redaktion. Mit dem neuen System meint er ein Shoppingportal im Internet für die Osnabrücker Innenstadt, an dem die Osnabrück-Marketing und Tourismus GmbH (OMT) seit mehr als einem Jahr arbeitet und das sie bald vorstellen wird. „Vielleicht ist das ja besser“, sagt Hassenpflug.

Nicht für einzelne Straßen

Vorteil eines lokalen Ebay-Portals für die Händler sei aber, ihren Kunden das Online-Shopping zu ermöglichen, ohne einen eigenen Online-Shop haben zu müssen. Daher sei „das Instrument durchaus interessant“, sagt Hassenpflug. Für einzelne Straßen wie die Krahnstraße sei das Konzept aber ungeeignet. „Unter 50 Läden macht es keinen Sinn.“

Grenzen einer Plattform

Allerdings sieht der Handelsexperte in dem Ebay-Konzept Grenzen. Ein Buchhändler hätte es dabei wesentlich leichter als ein Lebensmittelhändler. „Was ist, wenn nur einer von 50 bestellten Artikeln nicht vorhanden ist?“, fragt er. Das erfordere Rücksprache zwischen Supermarkt und Kunde – und mache die Sache nicht einfacher.

Für das damals noch einmalige Projekt kooperierte Ebay mit der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach (WFMG) und der Hochschule Niederrhein. Voraussetzung sei gewesen, dass mindestens 50 Prozent der teilnehmenden Händler zuvor keinen eigenen Online-Shop hatten, erklärt Hassenpflug.

„Same Day Delivery“ in Wuppertal

Die Stadt Wuppertal und der Einzelhandel verfolgen einen anderen Ansatz und riefen einen eigenen lokalen Online-Marktplatz ins Leben. Dort können Kunden ihre Waren bestellen und bekommen sie noch am selben Abend nach Hause geliefert („Same Day Delivery“). Anbieter der Plattform ist das Unternehmen Atalanta, das mit mehreren Städten kooperiert. Der Osnabrücker Handel habe diese Möglichkeit in der Vergangenheit bereits diskutiert, aber abgelehnt, sagt Hassenpflug.


Kennzahlen zu „Mönchengladbach bei Ebay“:

  • teilnehmende Händler (bei Projektabschluss): 79
  • verkaufte Artikel: mehr als 87500
  • Gesamtwert verkaufter Waren: mehr als 3,2 Millionen Euro
  • belieferte Länder: 84
  • zusätzliches Jahresumsatzplus pro aktivem Händler: rund 90000 Euro

(Quelle: Ebay; Stand: Juli 2016)

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