Premiere im Theater Osnabrück Mary Wigmans Totentänze berührten

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Lemuren huschen und ein grüngewandeter Dämon droht in Mary Wigmans „Totentanz II“.Foto: Jörg LandsbergLemuren huschen und ein grüngewandeter Dämon droht in Mary Wigmans „Totentanz II“.Foto: Jörg Landsberg

Osnabrück. Auf ein Wochenende mit Ausstellungen in Museen der Stadt Osnabrück, mit Vorträgen oder Podiumsgesprächen zum Thema Totentanz setzte der dreiteilige Tanzabend „Danse Macabre“ im Osnabrücker Theater den Höhepunkt. Im Zentrum des vom Premierenpublikum begeistert aufgenommenen Abends standen die beiden in Osnabrück rekonstruierten Totentänze der Ausdruckstänzerin Mary Wigman.

Vier Wesen mit dunklen Spitzhüten und kurzen Umhängen in Grün, Rot, Blau und Gelb umkreisen sich in einem quirligen Reigen. Tote sind sie, die ihr ungelebtes Leben nachholen und mit ihren oft geduckten Körperhaltungen, weit ausgreifenden Armen und abwehrend gespreizten Fingern ein gespenstisches Schattenleben führen. Die flatternden Umhänge und die rhythmisch pointierte Musik „Danse Macabre“ von Camille Saint-Saëns unterstreichen das unheimliche Treiben in Mary Wigmans „Totentanz I“ (1917/21).

Was für ein Gewinn diese Rekonstruktion von Arbeiten der frühen Tanzmoderne ist, zeigt noch deutlicher der „Totentanz II“ von 1926. Ein grün gewandeter, tierhaft geschmeidiger Dämon wacht über sechs Tänzer, die wie in Grabesform auf dem Boden ausgestreckt liegen. Er umschleicht sie, beschwört sie mit seinen Handbewegungen wie ein Zauberer. Er zieht sie mit magischer Gestik in die Höhe, bis sie zu einer Existenz in einem Zwischenreich erwachen.

Lemurenhaft entseelt und entpersönlicht durch die nachgebauten Original-Masken, Victor Magitos schwanken und schweben sie mit ihren über den Kopf gezogenen Schleiern, wohin immer sie der Dämon scheucht.

Knochenklappernde Musik

Das Groteske und Gewalttätige seines Tuns drückt punktgenau und auch mal knochenklappernd die Schlagzeugmusik aus, die der Osnabrücker Orchestermusiker Frank Lorenz nach Ideen vom damaligen Komponisten Will Götze komponiert hat.

Dem Menschlichen noch näher wirken Maske und Bewegungen einer Gegenfigur im Streifengewand. Bis ihre kraftlos tastenden Armbewegungen unter dem Bann des Dämons zaghafter werden und erlöschen.

„Verzauberung durch Verzerrung“ nannte Mary Wigman , was die junge Dance Company in berührender Ausdrucksintensität und Körperspannung bei den Zuschauern bewirkte. Verzauberung auch deshalb, weil die Ausdruckstänzerin in beiden Totentänzen eine faszinierend fremde Bewegungssprache für das Reich des Todes und des Jenseits gefunden hat.

Vortrag über Mary Wigman und den Tod

Wie brennend intensiv sie sich ihr Tanzleben lang mit dem Tod auseinandergesetzt hat, beleuchtete Wigman-Forscherin Hedwig Müller in einem höchst informativen Vortrag des umfangreichen Begleitprogramm s in der Stadt zum Thema Totentanz.

Ums Sichtbare und Unsichtbare geht es auch in „Supernova“, Marco Goeckes Beitrag zum dreiteiligen Tanzabend, den er 2009 fürs Rotterdamer Scapino Ballet kreiert hat. Was für ein gigantischer Zeitsprung in die Gegenwart: So schnell hat man die Dance Company noch nie mit den Händen flattern, den Beinen in Glitzerhosen zittern und ein bestechend schönes Bewegungsrepertoire fast bis zur Unsichtbarkeit beschleunigen sehen. Tanz hebt hier ab und verglüht wie die titelgebende Supernova.

In Mauro de Candias neuer Choreografie „Sacre“ erstarrt er zur Mechanik unter dem Druck von Strawinskys Klavierversion. Aus der Stereotypie brechen am Ende einzelne Soli aus, und es grüßen von Ferne rituelle Bewegungen aus Wigmans „Le Sacre du Printemps“ .

Auch wenn das Premierenpublikum Marco Goeckes „Supernova“ am meisten bejubelte: Ins Gedächtnis brannten sich die beiden „Totentänze“ – was für einen Schatz hat da das Rekonstruktionsteam unter Henrietta Horn gehoben.


Weitere Aufführungen von „Danse Macabre“ 16., 21. und 26. Februar. Kartentel. 0541/7600076.

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