Serie „Die Kunden und ich“ Osnabrücker Aldi-Kassiererin über Ladendiebe, Herdentrieb und Sahne

Seit 25 Jahren sitzt Dagmar Meyer bei Aldi in Osnabrück an der Kasse – über ihre Kunden kann sie viele lustige Geschichten erzählen. Foto: Jörn MartensSeit 25 Jahren sitzt Dagmar Meyer bei Aldi in Osnabrück an der Kasse – über ihre Kunden kann sie viele lustige Geschichten erzählen. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Bedienungen, Ärzte, Müllwerker, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir Kunden uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 21: eine Aldi-Kassiererin.

Dagmar Meyer arbeitet seit 25 Jahren bei Aldi an der Kasse. Gerne hat uns die 53-Jährige von ihren Erlebnissen mit Kunden in dem Discounter an der Bohmter Straße in Osnabrück erzählt.

Frau Meyer, an der Kasse muss es immer schnell gehen. Wie mache ich Ihnen das Leben leichter: Wenn ich bar zahle oder mit Karte?

Mir persönlich ist Karte lieber, das geht ratz-fatz. Natürlich kann es auch da einmal Probleme geben – jemand hat seinen Pin-Code vergessen oder das Gerät funktioniert nicht richtig, aber das ist sehr selten.

Wann machen Sie eigentlich eine zweite Kasse auf? Gibt es dafür eine Regel?

Ab vier Kunden in der Schlange. Es kommt aber auch darauf an, wie voll der Einkaufswagen ist. Bei bestimmten Kunden klingeln wir auch direkt.

Weil die so viel einkaufen?

Ja, manche machen Großeinkäufe für Unternehmen oder Heime, da dauert es immer etwas länger.

Und wenn die zweite Kasse dann aufgemacht wird, beginnt der Herdentrieb....

Genau. Lustigerweise packen viele Kunden ihre Einkäufe dann sofort auf die letzte Kasse, obwohl wir deutlich sagen, dass wir die mittlere aufmachen.

Was sagen Einkäufe denn so über Ihre Kunden aus? Wissen Sie: Der Mann, der nur Tiefkühlkost kauft, ist bestimmt Single?

Das kann man vermuten. Aber auf vieles achte ich gar nicht mehr. Ein Mann kauft hier immer eine Flasche Korn und sagt jedes Mal: „Das ist für einen Bekannten.“ Dabei interessiert es mich gar nicht, für wen die ist.

Wie gut kennen Sie denn Ihre Kunden?

Viele kenne ich mit Namen. Ich habe eine Kundin, die mir immer selbst gemachte Marmelade mitbringt. Ich habe mir mit den Jahren auch einen gewissen Respekt verdient. Es gibt auch Kunden, die mir viel Persönliches erzählen. Eine Frau weinte an der Kasse bitterlich, weil ihr Mann so schwer krank war und sie befürchtete, dass er bald sterben werde. Ich kenne auch die meisten Kinder, die mit ihren Eltern hier einkaufen. Der Felix ist zum Beispiel ein ganz Süßer, der fragt immer schon: „Wo ist denn die Frau Meyer?“

Haben Sie auch unangenehme Kunden?

Abgesehen von den Kunden, die einfach mal die Trennstäbe auf dem Band vergessen –ja, bei uns geht es manchmal ganz schön turbulent zu.

Was meinen Sie mit turbulent?

Zum Beispiel Ladendiebstahl. Das ist eine Sache, die ich immer ansprechen muss, wenn ich sie bemerke. Wir gehen alle ehrlich arbeiten für unser Geld – Diebstahl ist für mich unerträglich, zumal es meistens Alkohol und Zigaretten sind, die geklaut werden. Einmal habe ich einen Mann erwischt, der vier Flaschen Wodka in eine Plastiktüte gesteckt hat, aber nur einen Joghurt bezahlen wollte. Zufällig war unser Bezirksleiter an diesem Tag da – dem habe ich dann Bescheid gegeben. Sie müssen wissen: Unser Bezirksleiter ist ein Riesenkerl. Der hat sich an den Eingang gestellt, den Ladendieb festgehalten und gleichzeitig noch die Polizei gerufen.

Mussten Sie auch schon mal die Polizei rufen?

Ja, das kommt vor. Einmal bin ich mit einem Stock bedroht worden, einmal bin ich gegen eine Scheibe geflogen, ein anderes Mal wurde ich weggeschubst. Das hat dann sogar so in der Zeitung gestanden.

Haben Sie auch Lieblingskunden?

Am liebsten sind mir Kunden, die locker sind und mit denen man lachen kann. Ich habe einen Kunden, der will immer nur Geschichten von mir hören.

Die Geschichten haben Sie auch einmal aufgeschrieben....

Ja, das ist richtig. Es gibt zwei Bücher von mir*, die man aber meines Wissens auch gar nicht mehr kaufen kann, der Verlag existiert gar nicht mehr. Aber ich wollte mir einfach mal all die kleinen Geschichten, die ich so erlebt habe, von der Seele schreiben.

Was sind das so für Geschichten?

Kleine Anekdoten. Zum Beispiel die Geschichte von dem Kunden, der sich einfach vor mich hinstellte und sagte: „Sahne.“ Sonst nichts. Ich fragte daraufhin höflich: „Welche Sahne suchen Sie denn? Sprühsahne, Kaffeesahne, saure Sahne...“ Daraufhin klatsche er mehrfach in die Hände und sagte: „Schlagsahne“.

Die Fragen, die uns hier gestellt werden, sind häufig schon sehr amüsant: „Wo sind denn die Fertigprodukte zum Selbermachen?“, wurde ich einmal gefragt. Oder: „Wo ist denn der Käse mit der Kuh auf der Verpackung?“ Jetzt weiß ich, dass wir mehrere Käsesorten mit Kühen auf der Verpackung haben. Bei einem ist noch eine Windmühle mit drauf. Eine andere Kundin wollte eine bestimmte Gesichtscreme, die wir an dem Tag aber leider nicht da hatten. An der Kasse sagte sie dann: „Wenn ich jetzt Scheiße aussehe, dann ist das Ihre Schuld.“ Und als ich daraufhin nicht reagierte, meinte sie: „Na, Sie hätten aber ruhig lügen können und sagen, dass ich trotzdem schön aussehe.“

Wo gehen Sie eigentlich selbst einkaufen?

Immer hier bei Aldi. Ich wohne auch gleich um die Ecke. Zu Mitbewerbern gehe ich nur, wenn ich einmal etwas brauche, das wir nicht im Sortiment haben. Das kommt aber sehr selten vor.

*Die Bücher „Zwölf Jahre an der Front“ und „Neues von der Front – Der Wahnsinn geht weiter“ sind in einem Zuschussverlag (Wagner Verlag) erschienen, der mittlerweile insolvent ist. Die Bücher sind nur noch online mit sehr viel Glück zu erhalten.


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