Gedenken an Judenretter Anne-Frank-Freundin wirbt für Calmeyer-Haus in Osnabrück


Osnabrück. Die Holocaust-Überlebende Laureen Nussbaum, eine Jugendfreundin von Anne Frank und ausgewiesene Kennerin ihrer Tagebücher, hat sich bei einem Besuch in Osnabrück für ein Hans-Calmeyer-Haus in der Friedensstadt ausgesprochen. Auch die Politik erhöht den Druck. Kommt nun Bewegung in die Sache?

Nussbaum gehört zu den vielen Tausend Juden, die der Osnabrücker Rechtsanwalt Calmeyer (1903–72) während des Zweiten Weltkriegs als NS-„Rassereferent“ in den Niederlanden durch Sabotage vor Deportation und sicherem Tod bewahrte. Die 89-Jährige aus Frankfurt war als Kind mit ihrer Familie vor den Nazis nach Amsterdam geflüchtet. Seit den Fünfzigern lebt sie in Seattle (USA). Zur Eröffnung einer dreimonatigen Ausstellung über ihre Jugendfreundin Anne Frank, deren berühmte Tagebücher sie als Germanistikprofessorin studiert hat, reiste Nussbaum jetzt nach Osnabrück.

Wir trafen sie am Montag im Hotel Walhalla, wo sie für eine Dokumentation des Osnabrücker Historikers, Filmemachers und Calmeyer-Experten Joachim Castan vor der Kamera saß. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte Nussbaum: „Hans Calmeyer ist ein stiller Held, dabei hat er mehr Juden gerettet als Oskar Schindler. Deshalb ist es ausgesprochen wichtig, dass in Osnabrück etwas entsteht, das dauerhaft an ihn erinnert und über sein einmaliges Werk informiert.“

Remarque, Nussbaum, Calmeyer

Ihr sei jedoch nicht entgangen, dass die Friedensstadt sich in dieser Angelegenheit viel Zeit lässt. „Ich finde, es dauert sehr lange“, stellte die Holocaust-Überlebende fest. Dabei habe Calmeyer in ihren Augen einen Stellenwert wie zwei andere, gepriesene Ikonen der Friedensstadt: Schriftsteller Erich Maria Remarque und Maler Felix Nussbaum (der im Übrigen nicht mit Laureen Nussbaum verwandt ist). „Die drei passen gut zusammen.“

Worte wie Wasser auf die Mühlen der Osnabrücker Hans-Calmeyer-Initiative. Der Verein kämpft bereits seit über 20 Jahren für einen Ort in Calmeyers Heimatstadt, an dem sich Leben und Wirken des Judenretters würdig darstellen lassen. Zuletzt schien es, als könne die Villa Schlikker dieser Ort werden. Was ihrer wechselvollen Geschichte eine neue Wendung geben würde: Denn das herrschaftliche Gebäude am Heger-Tor-Wall war von 1932 bis ‘45 ein Nazi-Hauptquartier. Der Volksmund taufte es deshalb „Braunes Haus“. Heute ist die Villa Schlikker Teil des Kulturgeschichtlichen Museums der Stadt Osnabrück, wenngleich seit August 2016 wegen Bauarbeiten vorübergehend geschlossen.

Von der Stadt stets vertröstet

Doch sämtliche Bemühungen des Vereins wie auch der Politik, Calmeyer ausgerechnet an dieser Stelle so viel Raum zu geben, dass vielleicht eine Umbenennung der Villa Schlikker in Hans-Calmeyer-Haus angebracht wäre, verliefen bislang im Sande. Dabei gibt es seit Sommer 2014 sogar einen entsprechenden, einstimmigen Ratsbeschluss. Von der Stadt werden die Fraktionen trotz wiederholtem Nachbohren aber stets vertröstet.

Was Fritz Brickwedde, Vorsitzender der hier besonders engagierten CDU-Fraktion, bitter enttäuscht: „Die Kulturverwaltung hat einen eindeutigen Auftrag. Es stimmt mich traurig, dass wir immer noch nicht weiter sind.“ Ein für Ende 2016 angekündigtes, städtisches Konzept für den Museumsstandort Villa Schlikker lasse auf sich warten. Und auch das letzte amtliche Argument, zunächst den Wechsel der Museumsleitung abwarten zu wollen sowie die Neubesetzung der Kulturdezernenten-Stelle, verliere von Tag zu Tag mehr an Gültigkeit. Beide Chefposten sind inzwischen vergeben.

Bund und Stiftungen als Geldgeber

„Dass wir keine Einrichtung für Hans Calmeyer haben, den Oskar Schindler von Osnabrück, empfinde ich als großes Defizit und vertane Chance für die Stadt“, erklärt Brickwedde. Er hoffe, dass die am Sonntag eröffnete Anne-Frank-Ausstellung (bis 23. April im Felix-Nussbaum-Haus) der Sache neuen Schub verleihe. Es sei jetzt wichtiger denn je, offensiv für das Vorhaben zu werben und genug Geld einzusammeln, um eine „topmoderne, interaktive, publikumswirksame Calmeyer-Ausstellung“ zu realisieren. Denn einige Hunderttausend Euro würde diese sicher kosten, schätzt Brickwedde.

Als Fördermittelgeber komme vor allem der Bund infrage, möglicherweise auch die EU, „wenn wir die Niederländer ins Boot holen“. Nicht zuletzt Stiftungen könnten sich für das Thema Calmeyer interessieren. Im Mai biete sich diesbezüglich eine einmalige Gelegenheit, so der CDU-Fraktionschef und frühere Generalsekretär der Umweltstiftung DBU: Dann findet in Osnabrück der Deutsche Stiftungstag 2017 statt. Es ist das wichtigste Treffen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, der nach eigenen Angaben drei Viertel des deutschen Stiftungsvermögens repräsentiert. Und das beträgt über 100 Milliarden Euro.


Der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Georg Calmeyer (1903 bis 1972) hat zwischen 1941 und 1945 Tausenden von Niederländern und Deutschen jüdischen Glaubens das Leben gerettet. Seit 2012 erinnert an Calmeyers Geburtshaus an der Martinistraße 17 eine Gedenktafel an ihn. Das Wirken Calmeyers ist seit den späten 1980er-Jahren insbesondere von Peter Niebaum, dem 2013 verstorbenen Vorsitzenden der Hans-Calmeyer-Initiative, erforscht worden. Der heutige Osnabrücker CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg widmete 2001/02 seine juristische Doktorarbeit dem „größten Judenretter in Deutschland“. Der Staat Israel ehrte Calmeyer im Jahr 1992 posthum als „Gerechten unter den Völkern“ aus. 1995 verlieh ihm die Stadt Osnabrück mit der Möser-Medaille ihre höchste Auszeichnung.

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