Von der Hase an den Atlantik Osnabrückerin wandert nach Südafrika aus

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Eines der letzten Bilder aus Osnabrück zeigt Marita Wültener in ihrer weitgehend leer geräumten Wohnung. Foto: Silke BickerEines der letzten Bilder aus Osnabrück zeigt Marita Wültener in ihrer weitgehend leer geräumten Wohnung. Foto: Silke Bicker

Osnabrück. Marita Wültener hat ihren langjährigen Traum vom Auswandern verwirklicht. Ihre Kinder sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Im Juli wanderte die Osnabrückerin nach Kapstadt aus: in die Stadt am Atlantik und Indischen Ozean.

Ursprünglich lernte die 53-jährige Bürokauffrau und war lange als Angestellte in verschiedenen Branchen tätig. Zwei Jahre führte sie ein Geschäft für griechische Feinkost und Pflegeprodukte. Bot Catering und Weinproben an, hatte damit viel Erfolg. Wegen einer achtmonatigen Baustelle an der Hasestraße musste sie ihr Geschäft schließen. Durch diese finanzielle Durststrecke litt auch die Beziehung zu ihrem damaligen Lebensgefährten.

Südafrika sei schon immer ihr Traum gewesen. Aber zuerst kam die Familie, dann die Selbstständigkeit. Danach fand sie zwar schnell wieder eine Anstellung. Aber bald positionierte sich ihr Arbeitgeber neu: Stellen wurden abgebaut, darunter auch die von Wültener. Und da sie mittlerweile alleinstehend ist, flammte der alte Traum vom Auswandern wieder auf. Die Familie sei traurig, aber habe Verständnis. „Die Tür bleibt offen – ich kann jederzeit zurückkommen. Oder, vielleicht in zwei Jahren nach Kanada weiterziehen“, lacht Wültener. Denn Kanada reize sie auch. „Wenn ich es nicht mehr aushalte, kehre ich zurück. Verwandte und Freunde halten bestimmt ein Gästezimmer bereit“, führte Wültener weiter aus. Die finanzielle Absicherung und Krankenversicherung ist da. Ihr Rentenanspruch in Deutschland bleibt erhalten. Ihr zukünftiger Arbeitgeber richtet einen Basisbeitrag zur Rente ein. Diese Faktoren klärte Wültener vorher sorgfältig.

Minimalistisch leben

„In Deutschland habe ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, wenn ich anders als die meisten leben will. In Kapstadt lebt man sowieso reduzierter. Das Leben findet draußen statt, weil das Klima deutlich wärmer ist“, sagte Wültener sachlich. „Ich war schon mal in Prätoria und Umgebung. Die Vegetation ist grün, es regnet öfter. Die Menschen sind aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit.“

Natürlich herrsche dort ein anderer Standard als in Deutschland. Stromausfälle seien an der Tagesordnung und manchmal fließe auch kein Leitungswasser. Daran gewöhne man sich.

Arbeit finden, um einreisen zu können

Die Einreise- und Visabedingungen haben sich seit Beginn der Flüchtlingskrise deutlich verschärft. Südafrika ist ein wirtschaftlich stabiles Land und für viele Afrikaner aus krisengeschüttelten Ländern ein Zufluchtsort. Für ein Visum ist ein Arbeitsvertrag bei einem dort ansässigen Unternehmen verpflichtend. Ohne Visum keine Arbeit. „Ich hab mich locker seit August 2015 damit beschäftigt: Einreisebedingungen, Visa, Stellenangebote, Jobbörsen, Lebenslauf und Zeugnisse eingestellt und nun einen Job bei einem amerikanischen Unternehmen in Kapstadt ergattert“, teilte Marita Wültener mit. Sie arbeitet als „Super Agent“ im Callcenter eines Konzerns, der seine deutschsprachigen Kunden von Südafrika aus betreut. Mit über 50 Jahren könne man in Südafrika noch beruflich aufsteigen.

Der Weg dahin sei zermürbend gewesen: Alle Zeugnisse mussten beglaubigt und in das Englische übersetzt werden. Dazu braucht man in Südafrika ein so genanntes „Critical Skill Visum“. Dieses erlaubt allen fähigen Bewerbern, nach einer Arbeitsstelle zu suchen. Qualifiziert heißt, dass Einreisende etwas können müssen, dass in Südafrika Mangeware ist. Alle Unterlagen musste Wültener persönlich in der südafrikanischen Botschaft in Berlin abgeben. „Ich arbeite gerne und viel. Es muss mir Spaß bereiten, ich möchte nicht festgefahren sein. Besonders mag ich Projektarbeiten. Die sind irgendwann abgeschlossen, dann kommt ein neues Projekt mit neuen Herausforderungen“, sagt Wültener. Sie profitiere von Tätigkeiten bei verschiedenen Arbeitgebern: ob bei Rechtsanwälten oder im eigenen Geschäft. „Ich bin offen für alles und freue mich auf mehr Leichtigkeit statt Sicherheitsbedenken“, sagte Wültener entschieden. Bereits im vergangenen Februar unterschrieb sie ihren Arbeitsvertrag.

Unternehmerin in Kapstadt?

Nebenberuflich selbstständig zu sein, könne Wültener sich vorstellen. Zum Beispiel mit einem Online-Shop. Schönes Kunsthandwerk wie feinen Schmuck, Seifen oder bestimmte Teesorten gibt es natürlich auch in Südafrika. Aus Niederlagen lerne man mehr als aus Erfolgen: „Ich weiß Dinge ganz anders zu schätzen durch das Scheitern meines Geschäfts. Veränderungen können Angst bereiten, bringen Unsicherheit und ich stürze mich da voll rein“, lachte Wültener fröhlich. Sicherheitshalber ließ sie sich beim Auswärtigen Amt registrieren und behält ihren europäischen Pass.


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