Alte Apfelsorte Osnabrücker Renette wächst jetzt auf englischen Wiesen

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Stroud/Osnabrück. Die gebürtige Bissendorferin Anette Holtmeyer-Cole baut in England die alte Apfelsorte „Osnabrücker Renette“ zusammen mit einem lokalen Obstbauern an. Im Osnabrücker Land und nahen Westfalen finden sich nur noch wenige Exemplare. Auch in der Schweiz kennt sie noch mancher Apfel-Liebhaber.

Stroud/Osnabrück. In diesem Winter kostete Anette Holtmeyer-Cole zum ersten Mal den Saft der Osnabrücker Renette – made in England. Neun Kilo dieses späten Winterapfels pflückte sie im vergangenen November auf den Streuobstwiesen des Obstbauern „Days Cottage“, der im südwestenglischen Stroud in der Grafschaft Gloucestershire lokalen Apfelsaft und Cider produziert. Die Gegend ist für ihre Fruchtwiesen bekannt, von denen manche über 90 Jahre alt sind.

Der Anbau der Osnabrücker Renette lohne sich, findet Holtmeyer-Cole, die vor 17 Jahren in die Gegend zog und seit einigen Jahren bei der Apfelernte und Saftproduktion von „Days Cottage“ mitarbeitet. „Der Apfel ist angenehm süß-säuerlich, ganz leicht mehlig, aber nicht unangenehm“, sagt die 48-Jährige. Der Saft sei halb trocken. „Es ist noch eine kleine Spielerei, aber wir überlegen jetzt, ob wir nicht mehr Bäume dieser Sorte pflanzen sollen.“

Im Sortenbuch entdeckt

Die Besitzer der Streuobstwiesen, die über hundert verschiedene und zum Teil jahrhundertealte Apfelsorten neu veredeln und anpflanzen, hatten die Osnabrücker Renette vor acht Jahren in einem Sortenbuch entdeckt und die gebürtige Bissendorferin Holtmeyer-Cole darauf aufmerksam gemacht. „Ich hatte vorher noch nie von der Sorte gehört“, sagt sie. Daraufhin machte sie sich in ihrem alten Heimatort nahe Osnabrück auf die Suche nach der Sorte, fragte etliche Baumschulen an, schließlich wurde sie bei der Osnabrücker Gärtnerei „Grüner Zweig“ fündig, nahm ein paar Reißer (so heißen die jungen einjährigen Triebe der Obstbäume, die man zum Veredeln auf andere Bäume nimmt) mit. Zwei Bäume der Osnabrücker Renette stehen nun auf den Streuobstwiesen in Stroud. „Ich habe hier ein Stück Heimat gepflanzt“, sagt die Wahl-Engländerin.

Gegen die Hochertragssorten im Supermarkt kämen die alten Apfelsorten nicht an, erzählt Obstbauer David Kaspar von „Days Cottage“. Sie entsprechen keiner Norm, sind nicht alle makellos geformt, lassen sich nicht in Massen anbauen. Sie bringen spät und nur vergleichsweise wenig Ertrag, wachsen manchmal hoch und unregelmäßig, sind nicht so knackig oder glatt oder perfekt rund wie die kommerziellen Sorten. „Wenn ich Supermarktqualität pflücken würde, müsste ich wahrscheinlich die Hälfte wegwerfen, weil die Äpfel nicht den Standards entsprechen“, sagt Holtmeyer-Cole. Auch würden nicht alle alten Sorten unbedingt besser schmecken. Dafür seien sie aber um einiges resistenter gegen Pflanzenkrankheiten. „Es ist nicht der allerbeste Apfel, aber er ist es wert, erhalten zu werden“, so Holtmeyer-Cole.

Renette im Rückblick

Die Osnabrücker Renette wurde bereits 1802 von dem Pomologen Johann Ludwig Christ in seinem Handbuch als guter Tafelapfel beschrieben. „Daraus kann man schließen, dass die Sorte schon seit Ende des 17. Jahrhunderts bekannt und verbreitet war“, sagt Karin Rietmann, Pomologin und Länderkoordinatorin Streuobstwiesenschutz von Nordrhein-Westfalen.

In alten französischen, österreichischen, schweizerischen, schwedischen, tschechischen und holländischen Sortenwerken wird sie beschrieben. „Eine sehr schätzbare Apfelsorte, besonders auch für den Landmann passend“, schreibt Matthias Schröder 1828 in seinem Buch „Die Obstsorten meiner Baumschule“. Besonders in Norddeutschland sei sie damals häufig vorgekommen. Die Bäume seien gegen Witterungseinflüsse wenig empfindlich und würden auch an Straßen taugen. Weiter heißt es: „Ein Tafelapfel fast vom ersten Rang und sehr geschätzt für den Obsthandel. Auch zu Obstwein und als Küchenobst vortrefflich.“ Auch in Friederich Zehnders 1865 im schweizerischen Bern veröffentlichter „Auswahl einiger bester und abträglicher Apfelsorten“ wird die Osnabrücker Renette als empfehlenswerte Apfelsorte erwähnt. Auf den alten Zeichnungen wird das besondere Merkmal der Sorte deutlich. Wie alle Grauen Renetten ist die Schale berostet und wirkt dadurch braun-grau, aber bei den Osnabrücker Renetten ist allein der Kelch „rostfrei“ und die rote oder grüne Farbe schimmert durch.

Wie der bekannte Apfelexperte Hans-Joachim Bannier erzählt, sei die Entstehung dieser Sorte – wie bei den meisten sehr alten Sorten – unbekannt. Gezielte Obstzüchtungen hätten um 1800 nicht stattgefunden. Neue Obstsorten entstanden meist zufällig aus gekeimten Samen anderer Sorten. Auch stamme die Osnabrücker Renette nicht unbedingt aus der Gegend um Osnabrück, auch wenn der Name das vermuten lasse. „Die Sorte Kasseler Renette stammt zum Beispiel auch nicht aus Kassel, sondern Holland. Viele Renetten kamen aus Frankreich, dort waren die rauschaligen Äpfel im 18. und 19. Jahrhundert in Mode“, sagt der Pomologe Bannier, der bei Bielefeld das „Obst-Arboretum Olderdissen“ besitzt. Konzipiert nach dem Vorbild früherer bäuerlicher Obstwiesen, auf denen noch nicht gespritzt und kaum gedüngt wurde, werden in dem 20000 Quadratmeter großen Gelände über 300 aus der Mode gekommene heimische Baumobstsorten angesiedelt.

Apfel-Bibeln

„Sortenkunde und gutes, interessantes Obst anzubauen war im 19. Jahrhundert viel wichtiger als heute“, sagt Bannier, der seit 25 Jahren Obstsorten bestimmt. Die großen Apfel-Bibeln von damals verzeichneten tausende Sorten. Sortenvielfalt sei damals auch ein Schutz gegen Ertragsausfälle zum Beispiel durch Blütenfrost im Frühjahr gewesen (da nicht alle Sorten gleichzeitig blühen). „Außerdem wurden Äpfel direkt vom Hof oder auf Märkten verkauft, die Leute konnten probieren, da war Sortenvielfalt verkaufsfördernd.“

Die Verwendung von Äpfeln und Birnen war früher differenziert und vielseitig, während Köche und Hausfrauen für den Kuchen einen „Schönen von Boskoop“ verwendeten, war der „Angelner Borsdorfer“ fürs Kompott geeignet. Die Weihnachtsgans wurde mit Renetten gefüllt. Auch hatte jede Region ihren Weihnachtsapfel, zum Beispiel den „Purpurroten Cousinot“ in Norddeutschland oder die „Rote Sternrenette“ in Westfalen. Bannier treffe noch heutzutage ältere Leute, die von der Osnabrücker Renette schwärmen. Aber außer in Fachkreisen sei sie kaum bekannt, die wenigsten Baumschulen führten sie, weil die Nachfrage zu gering sei. „Es ist eine Liebhabersorte“, so Bannier, der Bäume der Osnabrücker Renette bei Feldbegehungen zur Erfassung alter Sorten im Sauerland, in Süddeutschland, in der Rhön und Rheinland-Pfalz entdeckte. Auch in Österreich und der Schweiz kommt sie heute noch gelegentlich auf Streuobstwiesen vor.

In der Schweiz beliebt

In der Schweiz soll die Osnabrücker Renette relativ häufig und beliebt gewesen sein, erzählt Peter Enz, Gartenleiter vom Botanischen Garten Zürich. In seiner Datenbank von 1994 bis 2006 listete Enz 16 Standorte in acht Kantonen von Genf bis St. Gallen auf, wo Osnabrücker Renetten bekannt waren. Vermutlich gelangte die Sorte durch Tausch und Handel in die Schweiz.

Doch die Osnabrücker Renette teilt das Schicksal vieler alter Apfelsorten. Innerhalb weniger Generationen wurden sie von wenigen, zum Teil neu gezüchteten und besonders ertragreichen „Supermarktsorten“ verdrängt. Die graue Farbe der Renetten ist heute ein Verkaufsnachteil. In den Läden verkaufen sich die roten Exemplare am besten.


Osnabrücker Renette

Die Osnabrücker Renette ist eine alte Apfelsorte und gehört zur Gruppe der Grauen Renetten. Die Bezeichnung „Renette“ oder „Reinette“ stammt aus dem Französischen. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist unklar. Der Name könnte sich vom Diminutiv des französischen Wortes „reine“ (Königin) ableiten und sich auf den Geschmack der Reinetten beziehen, die früher als edle Tafeläpfel galten. Auch möglich ist eine Herleitung vom lateinischen Wort „rana“ (Frosch, frz. rainette), wobei der Name auf die raue Schale mit vereinzelten Punkten Bezug nehmen könnte. Charakteristisch für die Grauen Renetten ist eine großflächige Berostung der Früchte, die ihnen eine bräunlich-gräuliche Farbe gibt. Sie werden deshalb auch im Englischen als „rusticoat“ (deutsch: Rostmantel) bezeichnet.

Heute ist die Osnabrücker Renette vor allem in Deutschland und der Schweiz verbreitet, aber sehr rar.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN