Vortrag in Osnabrück Schmecken uns Deutschen Insekten?


Osnabrück. In einigen Ländern gehören Insekten und Maden zum gewöhnlichen Speiseplan. Ob das auch bei uns sinnvoll wäre – zum Beispiel hinsichtlich Gesundheit und Umweltschutz – erläuterte jetzt Guido Ritter.

Mit dieser Rückmeldung hatte Guido Ritter nun wirklich nicht gerechnet. Der Professor für Lebensmitteltechnik und Ernährungswissenschaften der Fachhochschule Münster sprach im Zentrum für Umweltkommunikation. „Ist noch was da?“, fragte ihn ein Zuhörer aus den hinteren Reihen. Als die Schüsseln mit Heuschrecken und Maden-Schokotalern bei dem Gast angekommen waren, lagen nur noch ein paar Insektenbeine darin.

Doch irgendwo im Raum kreiste noch eine gefüllte Schüssel, und so konnte sich der Fragende doch selbst davon überzeugen, ob ihm die für unsere Breitengrade ungewöhnliche Speise schmeckt – und ob er dem „mutigen Blick nach vorne“ folgen mochte, wie Heinrich Bottermann die Verwendung von Insekten und Maden in der Küche bezeichnete. Der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt hatte den gut besuchten Vortrag moderiert, der zum Begleitprogramm der Ausstellung „ÜberLebensmittel“ gehörte, die die Stiftung derzeit präsentiert.

Um die Verkostung herum näherte sich Ritter aus verschiedenen Perspektiven dem Thema: „Da liegt uns die Zukunft auf dem Teller – Insekten und Maden auf der Speisekarte!?“. So wies er nicht nur auf die Inhaltsstoffe von Maden und Insekten hin, die aus ernährungswissenschaftlicher Sicht Kostbares böten: Neben ungesättigten Fettsäuren, Eisen, Mineralien und Vitaminen ist das vor allem hochwertiges Eiweiß, das die meisten Europäer bislang durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten aufnehmen.

Bereits jetzt stößt die Versorgung damit jedoch an ihre Grenzen. „Wir nehmen uns aus der Zukunft Ressourcen weg, die auch spätere Generationen brauchen würden“, erläuterte Guido Ritter kurz die Folgen des Raubbaus an der Natur . Die würden angesichts des Bevölkerungswachstums nicht schrumpfen, sofern Lebensmittel weiterhin so produziert werden wie heute, ergänzte der bekennende Fleischesser.

Insekten und Maden böten eine Alternative, sagte Ritter. Ihre „Herstellung“ brauche beispielsweise weniger Ressourcen, da die Umwandlungsrate von pflanzlichem Eiweiß in hochwertiges tierisches Eiweiß besser sei als die bei Rind, Schwein und Huhn – auch wenn Insekten und Maden bei uns bei weitem nicht so groß würden wie beispielsweise in Asien. Zwar benötige der menschliche Körper nicht unbedingt tierisches Eiweiß, für viele bedeute dessen Genuss aber Lebensqualität – deshalb sind rein pflanzliche Ersatzprodukte nicht für alle eine Alternative zu Fleisch.

Viel sei aber noch zu klären oder würde sich erst in der Praxis zeigen: Beispielsweise, welche technischen und hygienischen Herausforderungen die Massenproduktion von Insekten und Maden mit sich bringe oder wie verhindert werden könne, dass die Arten nicht aus der Zuchtstation in die Natur entweichen. Und: Auch die Produktion von Insekten und Maden berge ethische Fragen.

Dass Geschmack vor allem eine Frage der Gewohnheit und der Kultur ist, legte Guido Ritter mithilfe verschiedener Studien dar, um dann aufzuzeigen, dass die Veränderung von Essensgewohnheiten einen bekannten Anker bräuchte, an den das Neue angekoppelt ist. Beispielsweise: geröstete Mehlwürmer in Schokolade.

Nach einem beherzten Griff in die Schüsseln biss mancher recht vorsichtig in die Taler. Die schmeckten – wie Schokolade mit ein wenig knusprigem Puffreis. Deftiger hingegen waren die dargereichten Heuschrecken. „Die sind nicht ganz knackig, das ist meine Schuld“, sagte der Professor. „Schlimmes“ sei aber nicht darin: Bevor Insekten, Würmer oder Maden zum Verzehr getötet werden, müssen sie fasten. So haben Konsumenten nicht zu befürchten, den Inhalt des Tierdarms mit zu schlucken. Aus dem Leben scheiden die Tiere in der Gefriertruhe: Sie erfrieren.

Rechtlich sind die Produktion und der Vertrieb von Insekten und Maden als Lebensmittel noch eine Grauzone. Weil eine Neuerung der EU-Novelfood-Verordnung erst zum 1. Januar 2018 rechtskräftig wird, ist das, was in anderen Ländern bereits gängige Praxis ist – beispielsweise in Belgien oder Holland – bei uns bislang verboten. Das betrifft allerdings nicht das, was Menschen in ihrem Privathaushalt tun. Hier könnten sie beispielsweise den Menüvorschlag umsetzen, den Ritter am Ende seines Vortrags präsentierte: Zur Vorspeise empfiehlt er dabei Hirschkäfersuppe. Ein ähnliches Gericht ist in unseren Breitengraden allerdings gar nicht so neu: Maikäfersuppe war bis in die 1920er-Jahre in Deutschland bekannt. Der Geschmack soll an Krebssuppe erinnern.


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