Serie zum Osnabrücker Wissensforum Multitasking – Können es Frauen wirklich besser?

Von Julia Becker

Julia Becker ist Professorin für Sozialpsychologie. Foto: Swaantje HehmannJulia Becker ist Professorin für Sozialpsychologie. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Beim 9. Osnabrücker Wissensforum im November 2016 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Multitasking – Können es Frauen wirklich besser?

Osnabrück Sommer 2016. Wir beobachten folgende Situation in einer bekannten Eisdiele: Eine Person ist im Gespräch mit einer Freundin und bestellt parallel einen ganz „normalen“ Eisbecher (Erdbeer- und Vanilleeis mit Browniefüllung, Gummibärchen und gebrannten Mandeln), da klingelt auch noch das Telefon, der Chef will etwas – und, schwupps, muss das entwischte Kind zurückgeholt werden, das sich an der schillernden Vielfalt hinter der Theke bedient.

Die Person im Beispiel betreibt Multitasking. Multitasking bedeutet, dass zwei oder mehrere Handlungen parallel ausgeführt werden. Ein offensichtlicher Vorteil von Multitasking liegt auf der Hand: Multitasking verspricht einen effizienteren Umgang mit Zeit.

Einer weitverbreiteten Annahme nach (also dem Stereotyp nach) sind Frauen eher zu Multitasking fähig als Männer. Tatsächlich verbringen Frauen in den USA zumindest im privaten Bereich zirka zehn Stunden in der Woche mehr mit Multitasking. Diese Zeit bezieht sich vor allem auf die Ausführung paralleler Handlungen während der Hausarbeit und Kinderbetreuung. Kulturvergleichende Studien zeigen allerdings, dass es in manchen Ländern keinen Geschlechtsunterschied im Multitasking gibt. Es ist eher so, dass Frauen vor allem in solchen Ländern mehr Multitasking betreiben, in denen eine traditionelle Rollenaufteilung zwischen Frauen und Männern existiert.

Sind Frauen die stärkeren Multitasker, weil sie es tatsächlich auch besser können? Die Befundlage dazu ist heterogen. Es finden sich Studien, die zeigen, dass Frauen im Multitasking besser abschneiden. Es gibt aber auch Befunde, die einen Vorteil bei Männern sehen und solche, die gar keine Geschlechtsunterschiede finden. Um nun zu einer belastbaren Aussage zu kommen, fehlt es in diesem Forschungsbereich an sogenannten Metastudien, die die bisherige Befundlage zu einer bestimmten Fragestellung zusammenfasst. Es lässt sich daher nicht abschließend sagen, ob das eingangs genannte Stereotyp richtig oder falsch ist.

Es gibt allerdings eine Metastudie aus dem Jahr 2005 zu Geschlechtsunterschieden in ganz unterschiedlichen Bereichen (zum Beispiel Mathekompetenz, Selbstwert, Extraversion). Diese Metastudie zeigt interessanterweise, dass die meisten von uns angenommenen Geschlechtsunterschiede gar nicht existieren oder nur sehr gering ausgeprägt sind.

Wir haben also eine Tendenz Geschlechtsunterschiede zu überschätzen. Das zeigt sich auch in populär- und pseudowissenschaftlichen Büchern mit Titeln wie „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“, die suggerieren, dass Männer und Frauen komplett unterschiedliche Wesen mit unterschiedlichen Kompetenzen und Psychen sind. Auf Basis der wissenschaftlichen Befundlage lassen sich die meisten stereotypen Annahmen zu Geschlechtsunterschieden allerdings nicht belegen bis auf einige wenige wie Unterschiede in der Leichtathletikkompetenz.

Zur Ausgangsfrage zurückkommend, lässt sich zusammenfassend sagen: Frauen wenden zwar in vielen Ländern zumindest im privaten Bereich mehr Multitasking an als Männer, sie dabei aber nicht unbedingt besser.


Das Erfolgsgeheimnis des FC Bayern München, Fakes und Unwahrheiten im Internet sowie der Zika-Virus: Diese und 30 weitere Themen zogen im November 2016 die Gäste des 9. Osnabrücker Wissensforums in ihren Bann. Alle 33Beiträge liegen jetzt als Artikel vor, die wir ab heute täglich abdrucken. Freuen Sie sich auf Antworten zu Fragen wie: Wie beeinflussen soziale Medien die demokratische Meinungsbildung? Kann man die deutsche Muttersprache verlernen? Was verrät der Musikgeschmack über eine Person? Diese und andere Fragen hatte eine Jury aus zahlreichen Einsendungenausgewählt.

Über das Internetangebot der Uni sind die Beiträge auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum

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