Bomben-Suche geht weiter Auch 2017 wird es in Osnabrück Evakuierungen geben

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Osnabrück gehört zu den wenigen Städten, die gezielt nach Bomben-Blindgängern suchen. Jürgen Wiethäuper ist der zuständige Fachdienstleiter. Im Gespräch mit unserer Redaktion blickt er auf 2016 zurück und erklärt, was die Osnabrücker 2017 in Sachen Bombenräumungen erwartet.

Eine solche Bombenräumung wie an Weihnachten in Augsburg hat Osnabrück noch nicht erlebt. In der bayerischen Universitätsstadt war bei Bauarbeiten eine Sprengbombe vom Typ HC 4000 gefunden worden, ein sogenannter „Wohnblockknacker“. 54.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, während der 1,8 Tonnen schwere Blindgänger entschärft wurde. Er enthielt 1,5 Tonnen Sprengstoff. 336 HC-4000-Bomben sollen im Zweiten Weltkrieg über dem Augsburger Stadtgebiet abgeworfen worden sein – und auch Osnabrück blieb nicht von ihnen verschont. Jürgen Wiethäuper geht davon aus, dass die Hasestadt von 144 Bomben dieses Typs getroffen wurde. Wie viele von ihnen explodierten und wie viele noch irgendwo als Blindgänger im Boden liegen, weiß niemand.

Das liegt unter anderem daran, dass über gefundene und anschließend unschädlich gemachte Bomben lange nicht Buch geführt wurde. Nicht während der Kriegsjahre und auch nicht in den Jahrzehnten danach. Sicher kann Wiethäuper nur sagen: „Seit Mitte 2000 haben wir 200 Bombenblindgänger durch unsere gezielte Suche gefunden.“ Für ihn ein eindeutiges Argument für die Fortsetzung der Suche, bei der bisher 2500 Verdachtspunkt untersucht worden sind.

Auswertung von Luftbildern

Die meisten Blindgänger würden in Osnabrück durch die Auswertung von Luftbildern entdeckt, doch auch Zeitzeugen und ihre Nachfahren seien immer wieder eine Hilfe: „Punkte wie den Blindgänger im Heger Holz hätten wir auf den Fotos nie entdeckt“, erklärt der Fachmann, der auch weiterhin für jede Information zu diesem Thema dankbar ist.

Das vergangene Jahr war aus Sicht Wiethäupers „überschaubar, wir hatten weniger Sprengbomben als im Durchschnitt“. 2016 fing allerdings gleich mit einer Herausforderung an: Im Zuge von Baumaßnahmen wurden Verdachtsmomente im Stichkanal untersucht. „Das war eine besondere Situation, da im Hafen viele Firmen ansässig sind.“ Diese sollten bei einer möglichen Evakuierung in ihren Abläufen so wenig wie möglich gestört werden, weshalb Wiethäuper im Vorfeld viele Gespräche führte: „Wir haben gemeinsam Unmengen an Detaillösungen erarbeitet.“

Zwar mussten diese nicht umgesetzt werden, da kein gefährlicher Blindgänger gefunden wurde, dennoch waren die akribischen Vorbereitungen für Wiethäuper lehrreich: „Auf dem, was wir dabei erarbeitet haben, können wir nun immer wieder aufbauen.“

2016 mussten drei Sprengbomben entschärft werden

Ansonsten zählte Wiethäuper 2016 drei Sprengbomben sowie mehrere Brandbomben. „Brandbomben sind Standard, die können ohne Evakuierung abgeräumt werden“, so der Fachmann. Von den gefundenen Sprengbomben war 2016 eine besonders knifflig: Der Blindgänger lag im Schinkel unter einer Garage. „Hier mussten wir gucken, wie wir arbeiten können, ohne die Garage ganz abzubauen.“ Letztendlich habe alles gut und ohne Sprengung geklappt. „Ich möchte mich noch einmal bei den Grundstücksbesitzern bedanken, sie waren sehr duldsam“, so Wiethäuper.

„Wir haben mehr oder weniger die Hälfte der Fläche der Stadt inzwischen abgesucht“, fasst Wiethäuper den aktuellen Status der Blindgängersuche zusammen. Manche Gebiete würden aber auch ein zweites Mal untersucht, weil heute die Genauigkeit der Auswertung höher sei als früher: „Heute können wir auf einen Meter genau auswerten, in den Achtziger- und Neunzigerjahren auf fünf Meter genau.“ Außerdem seien bei der Suche in einigen Fällen Blindgänger in unmittelbarer Nachbarschaft zu bereits in Karten eingetragenen Funden entdeckt worden. „Die lagen beispielsweise 3,5 Meter daneben.“

Ausblick auf 2017

Und wie geht es nun 2017 weiter? „Wir machen weiter, wo wir 2016 aufgehört haben: Schinkel-Ost und die Mindener Straße sind abgedeckt, jetzt bewegen wir uns weiter nach Osten Richtung Lüstringen.“ Seit Beginn dieses Jahres werden wieder Luftbilder ausgewertet. Bei der Auswahl der Flächen richten sich die Experten nach den zwei mal zwei Meter umfassenden „Deutschen Grundkarten“. „Wir arbeiten Blatt für Blatt ab, einmal haben wir für ein Blatt zwei Jahre gebraucht“, berichtet Wiethäuper.

Auf die Frage, wann die Osnabrücker mit der nächsten Evakuierungsaktion rechnen müssten, antwortet er: „Ich gehe nicht davon aus, dass wir im Januar oder Februar eine Maßnahme haben werden – frühestens im März.“ Diese Ankündigung sei jedoch ein bisschen „wie der Blick in die Kristallkugel“: „Wir werden abwarten müssen, auch uns könnte morgen so eine Situation wie Weihnachten in Augsburg drohen“, so Wiethäuper.

„Doch etwas Besseres als die Kräfte, die wir hier haben, kann uns in so einem Fall nicht passieren“, fügt er mit Blick auf die Haupt- und Ehrenamtlichen hinzu, die bei den Bombenräumungen stets im Einsatz sind und inzwischen große Routine haben. „Jeder Einzelne ist wichtig, und ich möchte mich vor allem auch bei den Ehrenamtlichen noch einmal bedanken“, unterstreicht der Fachdienstleiter.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN