Professor Ucar und die Imame Türkei-Konflikt auch im Islam-Institut ein großes Thema

Von Rainer Lahmann-Lammert

„Religionsgemeinschaften müssen sich an die Gesetze halten. Sonst muss der Staat eingreifen“ sagt Bülent Ucar, hier in einem Seminar seines Instituts an der Universität Osnabrück. Foto: David Ebener„Religionsgemeinschaften müssen sich an die Gesetze halten. Sonst muss der Staat eingreifen“ sagt Bülent Ucar, hier in einem Seminar seines Instituts an der Universität Osnabrück. Foto: David Ebener

Osnabrück. Die aktuelle Entwicklung in der Türkei berührt auch die Arbeit des Instituts für Islamische Theologie an der Osnabrücker Uni. Institutsleiter Bülent Ucar legt Wert darauf, dass die wissenschaftliche Arbeit von den tagespolitischen Ereignissen zu trennen sei.

Mit sieben Professuren und über 40 Mitarbeitern hat die Osnabrücker Universität das größte islamtheologische Institut Deutschlands. Mehr als 350 Studierende nehmen an den Master- und Bachelorstudiengängen teil. Die ersten Absolventen haben die Uni schon 2015 und 2016 verlassen.

Viele der Mitarbeiter und Studenten hätten enge Bindungen zu Verwandten und Freunden in der Türkei, sagt der Islamforscher Bülent Ucar, und schon deshalb werde die Entwicklung dort wachsam und aufmerksam verfolgt. Am Institut würden die „allermeisten“ ihre Stimme gegen die Putschisten erheben, zugleich zur Mäßigung aufrufen und die Wahrung der elementaren Menschenrechte einfordern. Es sei Konsens, dass demokratisch gewählte Regierungen Putschregimen vorzuziehen seien. Niemand habe das Recht, einem anderen seine Meinung aufzudrücken, vermerkt der Professor, und Dozenten müssten sich mit Meinungsäußerungen zurückhalten.

Mit Erdogan wurde es schwierig

Ucar ist bewusst, dass der innertürkische Konflikt über die aus der Türkei entsandten Imame auch in die deutschen Moscheen getragen wird. Seit der Bundestag eine Armenien-Resolution gebilligt hat und politische Gegner in der Türkei rigoros verfolgt werden, wird die Rolle der Ditib-Imame kritisch gesehen. Dass die etwa 1000 Vorbeter der Ditib-Gemeinden vom türkischen Staat bezahlt werden, sei in Deutschland bislang dankbar aufgenommen worden, vermerkt der Islamwissenschaftler. „Erst mit Erdogan“, so fügt er hinzu, „ist eine kritische Situation entstanden“.

Ziel müsse es sein, dass die Moscheen unabhängig von staatlicher Beeinflussung blieben, vermerkt Ucar: „Religionsgemeinschaften müssen sich an die Gesetze halten. Sonst muss der Staat eingreifen“. Das gelte für alle Religionsgemeinschaften. Schon aus diesem Grund hat der Islamwissenschaftler große Sympathien für das evangelische Synodalmodell. Dass die Basis ihre Vertreter in die Landessynode entsende, mache die Entscheidungen transparenter, nachvollziehbarer und demokratischer. Eine solche Struktur würde auch den muslimischen Gemeinden guttun, meint der Islamwissenschaftler.

Keine Ausbildung für Imame

Ucar wendet sich gegen die Forderung, dass Imame in Deutschland nicht mehr vom türkischen Staat finanziert werden dürften. Wer die Auslandsfinanzierung kritisiere, müsse Alternativen benennen. Die muslimischen Gemeinden könnten mit ihrer Finanzkraft jedenfalls nicht für die Kosten aufkommen. Gefährlich werde es, wenn das Feld noch radikaleren Predigern überlassen werde: „Wenn der Staat die Imame nicht einreisen lässt, wird das Vakuum von Salafisten und anderen aufgefüllt“.

Am Institut für Islamische Theologie werden Theologen, Lehrer für den Islamunterricht, Mitarbeiter für die muslimische Wohlfahrtspflege und Nachwuchswissenschaftler ausgebildet, aber keine Imame. Deren Ausbildung ist nach dem Grundgesetz Aufgabe der Moscheeverbände. Prof. Ucar, der zurzeit ein Sabbatjahr absolviert, ist zuversichtlich, dass die Absolventen seiner Fakultät gute Berufsaussichten haben. Lehramtsabsolventen seien gesucht, in der sozialen Arbeit werde es in den nächsten Jahren eine starke Nachfrage geben und in der Wissenschaft ebenfalls, vermerkt er zuversichtlich, fügt aber hinzu: „Wir müssen selbstkritisch sein, ob die theologisch-islamische Ausbildung den Erwartungshorizont der muslimischen Gemeinden erfüllt.“

Emotionale Aufheizer

Ucar will das Institut behutsam weiterentwickeln. Er, der am Anfang am liebsten alle Studiengänge auf einmal anbieten wollte, ist im Nachhinein dankbar, dass im Präsidium zugunsten einer soliden Aufbauarbeit auf die Bremse getreten wurde. Nach den Lehramtsstudiengängen für Grund-, Haupt- und Realschule sollen ab 2018 auch Religionslehrer für Gymnasien und Berufsschulen ausgebildet werden. Der Institutsleiter würdigt in diesem Zusammenhang das gute Miteinander mit den christlichen Nachbardisziplinen, mit denen er eine engere Vernetzung anstrebt.

Dass der Islam in Deutschland immer wieder ein Thema aufgeregter Debatten ist, lässt sich nach Ansicht von Ucar auch positiv werten. Muslime würden inzwischen als Teil der deutschen Gesellschaft wahrgenommen, aber angesichts der „emotionalen Aufheizer“ gebe es noch viel zu tun. Sein Fazit klingt zuversichtlich: „Die Integration wird dann gelingen, wenn über den Islam genauso hysterisch oder unaufgeregt gesprochen wird wie über andere Religionen.“


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