Alexander Hacke im Interview Einstürzende Neubauten: Nicht mehr brachial laut

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Gastspiel in der Osnabrück-Halle: die Einstürzenden Neubauten. Foto: Mote SinabelGastspiel in der Osnabrück-Halle: die Einstürzenden Neubauten. Foto: Mote Sinabel

Osnabrück. Der Bassist der Einstürzenden Neubauten Alexander Hacke spricht im Interview mit unser Redaktion über „Rampen“, „Greatest Hits“, Avantgarde-Pop und andere merkwürdige Begriffe.

1991 waren die Einstürzenden Neubauten im Rahmen des KlangArt-Festivals in Osnabrück zu Gast, konnten ihr Konzert aber wegen technischer Probleme nicht planmäßig beenden. Jetzt kommen die Kultmusiker wieder: Am 18. Januar spielen die Berliner in der Osnabrück-Halle. Der Bassist der Einstürzenden Neubauten, Alexander Hacke, über „Rampen“, „Greatest Hits“, Avantgarde-Pop und andere merkwürdige Begriffe.

Die Einstürzenden Neubauten haben vor Kurzem ein Album herausgebracht, das den Titel „Greatest Hits“ trägt. Ist das ironisch gemeint?

Selbstverständlich. Zunächst war das auch nur ein Arbeitstitel. Doch dann wurde uns bewusst, dass er sich ob seiner Klarheit gar nicht verbessern lässt. Wenn eine Band mit dem Namen Einstürzende Neubauten überhaupt „Greatest Hits“ aufrufen kann, dann mit diesen Stücken auf dem Album, von denen kein einziges in den Charts war.

Werden diese Stücke bei Ihrem Auftritt in Osnabrück auf der Setliste stehen?

Davon können Sie ausgehen. Aber wir sind ja dafür bekannt, dass wir mitunter recht lange spielen, daher kann es durchaus sein, dass das eine oder andere Stück dazukommt. Aber das Programm wird sich auf die Schaffensphase zwischen 1996 und heute konzentrieren. Das ist die Zeit, in der wir in der aktuellen Besetzung spielen, seit 1994 Mark Chung und 1996 FM Einheit ausgestiegen sind. Da wird einem bewusst, dass die „neuen Jungs“, also Jochen Arbeit  und Rudolf Moser, jetzt auch schon seit 20 Jahren in der Band sind.

Werden Sie proben, bevor Sie die diesjährige Live-Saison in Osnabrück starten?

Natürlich werden wir proben, allein schon wegen unserer Techniker. Wir haben ja ein recht großes Instrumentarium, auf dem wir spontan spielen können. Aber die Technik muss natürlich darauf vorbereitet sein. Wir werden übrigens nur live-erprobte Stücke spielen. Es gibt in der Geschichte der Einstürzenden Neubauten ja auch diverse Stücke, die auf Installationen basieren oder mit Instrumenten eingespielt wurden, die man nicht live zu Gehör bringen kann.

Sie sprechen von Spontaneität. Wie viel ist eigentlich improvisiert, wenn Sie live auftreten?

Nun, früher gab es bei den Einstürzenden Neubauten gar keine Setlist. Wir einigten uns auf den Anfang und das Ende des Konzerts, der Rest passierte einfach. Vor 20 Jahren haben wir die Praxis wegen der neuen Bandmitglieder geändert. Wir haben etwas eingeführt, was sehr typisch für die Einstürzenden Neubauten ist: die Rampe. So nennen wir improvisatorische Phasen im Set. Da wir all unsere Konzerte aufzeichnen, kann es übrigens sehr gut passieren, dass aus solchen „Rampen“ Stücke entstehen. Auf dem Greatest Hits-Album gibt es solche Titel: „Sonnenbarke“ zum Beispiel und „Redukt“ ebenso.

Und wie sieht es mit den durchkomponierten Stücken aus? Müssen Sie die vorher anhören, bevor Sie sie live spielen?

Es gibt im Englischen einen interessanten Ausdruck: muscle memory. Man kann ihn aufs Fahrradfahren oder Schwimmen beziehen. Das verlernt man nie. Ähnliches erfahren wir, wenn wir proben: Sobald einer von uns ein Stück eingezählt hat und man die ersten Töne hört, ist plötzlich alles wieder da. Dann kann ich quasi meine Hände und Arme beobachten, wie sie das Stück spielen. Bei Blixa Bargeld, unserem Sänger, funktioniert das ähnlich: Eine Textzeile löst die nächste aus.

Nach dem Gastspiel in Osnabrück werden Sie in der Elbphilharmonie in Hamburg auftreten. In der Ankündigung hieß es, Sie würden „die Akustik des Großen Saals erproben“. Was verstehen Sie darunter?

Na ja, der Saal ist ja eher für akustische Darbietungen konzipiert worden. Was wir machen, ist ja nun etwas ganz anderes: Wir bauen eine große Verstärkeranlage auf. Zwar sind wir nicht mehr so brachial laut wie in den 80er-Jahren, aber wir werden wohl die erste richtig laute Performance in der Elbphilharmonie abliefern. Insofern kann man schon von „Erprobung“ sprechen.

Hatten die Einstürzenden Neubauten eigentlich selbst die Idee, dort aufzutreten?

Nein. Wir wurden ganz normal angefragt. Ich denke, da hat im Haus jemand eine gehörige Portion Humor, denn nach den ganzen Pleiten, Pech und Pannen, die dort im Zusammenhang mit der Elbphilharmonie passiert sind, eine Band in das neu eröffnete Gebäude einzuladen, die sich Einstürzende Neubauten nennt, halte ich für eine sehr ironische Entscheidung. Natürlich beweisen die Leute damit auch guten Geschmack, und darüber freuen wir uns.

Was halten Sie eigentlich davon, wenn die Einstürzenden Neubauten als „Avantgarde-Pop-Band“ bezeichnet werden?

Das gefällt mir nicht. Von dem Wort Avantgarde halte ich nichts, weil es aus einem militärischen Zusammenhang stammt. Avantgarde wurden früher die Fußtruppen genannt, die als erste Feindberührung hatten und so verheizt wurden. Daher möchte ich nicht gerne Avantgarde sein. Und wenn man das Wort Pop im Sinn von populär benutzt, mag ich das auch nicht. Allerdings gibt es das englische Wort „pop“ in der Bedeutung „platzen“. Das gefällt mir dann schon besser…

Wird in Osnabrück Ihr langjähriger Live-Keyboarder Ash Wednesday dabei sein?

Nein, leider nicht. Ash weilt zurzeit in Australien. Daher werden wir Felix Gebhard mitbringen, der schon auf unserem letzten Album „Lament“ Keyboards gespielt hat.

„Lament“ haben Sie wieder bei dem Label Mute herausgebracht, bei dem Sie früher unter Vertrag waren, bevor Sie Ihr eigenes Label Potomak gegründet haben. Wie kam es zu der Rückkehr?

Das beruhte auf einer Option, die die Firma noch hatte. Mute ist ja keine eigene Firma mehr, sondern auch in einer Major-Company aufgegangen. Die gehörten irgendwann mal zur EMI, dann zu BMG, keine Ahnung. Im Musikbusiness hat sich in den vergangenen Jahren unglaublich viel verändert. Man muss immer neue Wege finden, um das, was man künstlerisch macht, an den Mann zu bringen. So waren wir Anfang 2000 mit unserem Supporter-Projekt eine der ersten Bands, die so etwas wie Crowdfunding gemacht hat. Die „Greatest Hits“ sind übrigens jetzt wieder bei Potomak erschienen.

Sie waren gerade in Mexiko. Haben Sie Urlaub gemacht, bevor es in Europa mit den Livekonzerten losgeht?

Ja und nein. Ich habe in Mexiko am Neujahrsabend zusammen mit meiner Frau Danielle de Picciotto ein Konzert gegeben, und wir trafen uns mit VinnY Signorelli, einem Schlagzeuger aus New York, um mit ihm einige Studioaufnahmen zu machen. Ansonsten habe ich natürlich das Klima in der der Nähe des Äquators genossen und ein bisschen entspannt.


Osnabrück-Halle: Die Einstürzenden Neubauten präsentieren ihre „Greatest Hits“ live, Mittwoch, 18. Januar, 20 Uhr.

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