Hohe Belastung für Klinikum und MHO Überfüllte Notaufnahmen in Osnabrück: Das System ist krank


Osnabrück. Bagatell-Krankheiten verstopfen zunehmend die deutschen Notaufnahmen. Patienten kommen mit Zahnschmerzen, leichtem Husten oder Blasen an den Füßen in die Ambulanzen. Ein Besuch im Notaufnahmezentrum des Osnabrücker Klinikums zeigt: Das Problem ist akut, das Gesundheitssystem krank und ein Allheilmittel ist nicht in Sicht.

„Was ist passiert? Wo bin ich?“, will die Patientin von Schwester Angelika wissen. „Sie sind in der Notaufnahme“, antwortet diese mit ruhiger Stimme. Die zierliche Pflegerin hält die Hand der Dame mittleren Alters, redet ihr gut zu und bereitet sie auf die Blutentnahme vor. Noch vor wenigen Augenblicken lag die Patientin auf einer Trage im Rettungswagen. Bei der Arbeit habe sie über „Druck im Kopf“ geklagt, sei daraufhin umgekippt. Ab diesem Moment hat sie keine Erinnerungen mehr. Die Kollegen wählten die 112. Jetzt hängt die Frau am Tropf. Eine Neurologin ist auf dem Weg.

Schwester Angelikas Worte dringen nicht zur Frau durch. Sie wirkt orientierungslos. „Wie spät ist es?“, will sie wissen. Eine Frage, auf die Angelika selbst gern eine Antwort hätte. Für die Pflegekräfte und Ärzte verfliegt die Zeit in der Notaufnahme. Die Frau ist bereits die 87. Patientin an diesem Mittwoch. Es ist 11.37 Uhr, als die Neurologin das Behandlungszimmer betritt. „Kurzzeitiger Gedächtnisverlust, vielleicht ein Schlaganfall“, sagt Schwester Angelika. Sie streift sich die Handschuhe ab, übergibt die Frau in die Obhut der Fachärzte.

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Versorgung rund um die Uhr

Die Behandlung der Frau ist Routine für das Team von Dr. Mathias Denter, dem ärztlichen Leiter des Notaufnahmezentrums im Osnabrücker Klinikum. Zwölf Ärzte, 42 Schwestern und Pfleger sowie zehn Auszubildenden und Praktikanten kümmern sich in drei Schichten um die Patienten. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden lang. Logistisch ist das eine Meisterleistung, denn Fehler entscheiden im Zweifel über Leben und Tod. Ärgerlich sind dann Patienten, die die Notaufnahme mit Bagatellfällen belegen.

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„Vor drei Wochen kam eine Mutter mit ihrer Tochter zu uns. Das Kind hatte neue Schuhe und sich eine Blase gelaufen“, sagt Denter und schüttelt den Kopf. „Wir haben die Familie zur Drogerie geschickt, damit sie sich dort Blasenpflaster kaufen.“ Ein anderer Patient sei mit Zahnschmerzen gekommen. Ihm halfen einfache Schmerzmittel. Es sind Bagatellfälle wie diese, die die Arbeit in der Notaufnahme erschweren – und diese nehmen seit Jahren zu. Durchschnittlich kämen aktuell etwa 150 Patienten pro Tag ins Notaufnahmezentrum. Nur knapp die Hälfte sei tatsächlich auf eine Notfallversorgung angewiesen. „Der Rest verlässt das Krankenhaus zu Fuß“, sagt Denter.

Verständnis und Verärgerung

Jannis aus Mackenstedt etwa sitzt in einem Behandlungsraum. Er schildert Denter seine Symptome: „Ich sehe Doppelbilder und war bereits beim Hausarzt. Der hat jedoch keine Ursache gefunden“, sagt der 21-Jährige. Sein Hausarzt verwies ihn an einen Neurologen. „Einen Termin bekomme ich da erst in acht Wochen“, sagt Mackenstedt. Weil der junge Mann aber kurz vor seinem Fachabi steht, will er eine schnelle Klärung. Denter hat Verständnis, ärgert sich aber, dass der 21-Jährige nichts von der Terminvergabestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen weiß oder von seinem Hausarzt dahingehend belehrt wurde. Seit Januar 2016 werden bei der Vergabestelle Facharzttermine vermittelt, und zwar innerhalb von vier Wochen.

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Hemmschwelle geringer

„Für die Bevölkerung scheint klar: Ich brauche Monate um bei Fachärzten eine Leistung zu bekommen, die ich in der Notaufnahme innerhalb von einem Tag erhalte“, sagt Denter. Die Hemmschwelle für Bürger, in die Notaufnahme zu gehen, sei geringer geworden. Weil die Patientenzahlen seit Jahren steigen, erhöhen sich die Anforderungen an die Belegschaft. „Das ist nur im Team zu bewältigen“, sagt der 58-jährige Notaufnahmeleiter. „Bis zum Rentenalter kann man das nicht machen.“

Bauchgefühl und Erfahrung

Das Team ist das eine, eine organisierte Arbeitsstruktur das andere. Im Notaufnahmezentrum werden die Patienten, egal ob sie mit dem Krankenwagen oder zu Fuß kommen, triagiert. Das sogenannte Manchester-Triage-System ist ein Verfahren, das zur Einschätzung der Behandlungsdringlichkeit dient. Bei einem Notfall werden Kranke sofort behandelt, bei nicht dringenden Erkrankungen rutschen sie in der Prioritätenliste nach unten und müssen im Wartezimmer Platz nehmen. Speziell ausgebildete Pflegekräfte wie Gunilla Mutert führen die Befragungen durch. Sie empfängt die Patienten in der Aufnahmestation. „Meine Aufgaben sind unter anderem die Vitalzeichen zu prüfen“, sagt die gelernte Krankenschwester. Wie bei Brigitte Dudek aus Osnabrück. Die 60-Jährige hat Multiple Sklerose und sitzt im Rollstuhl. „Seit vier Tagen habe ich Schmerzen in der Leiste“, sagt sie. Weil sie bereits eine Thrombose hatte, wollte sie ihr Bein mit dem Ultraschall untersuchen lassen. Das kann aber nur ein Gefäßchirurg. Weiterlesen: Bagatellen belasten Delmenhorster Notaufnahme

Während Dudek ihre Krankengeschichte darlegt, überprüft Mutert ihren Blutdruck. Routiniert führt sie die Anamnese, die systematische medizinische Befragung, der Frau durch. Mutert strahlt dabei Ruhe aus und nimmt den Patienten durch ihre offene Art die Nervosität. Eine fachgerechte Ersteinschätzung sei wichtig. „So erkennen wir sofort, ob lebensbedrohliche Erkrankungen vorliegen und können schnell handeln.“ Oft entscheide dabei das Bauchgefühl. „Erst gestern noch haben wir so bei einem Mann einen Hirntumor entdeckt“, sagt Mutert.

Gegenmaßnahmen

Zusätzlich verbessert IVENA, der interdisziplinäre Versorgungsnachweis, die Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und Kliniken. Den betroffenen Patienten wird dadurch schnellstmöglich das passende Krankenhaus zugewiesen. Außerdem sehen die Kliniken sofort im System, wann wer mit welcher Diagnose eingeliefert wird. IVENA gibt es in nahezu allen niedersächsischen Krankenhäusern – auch im Marienhospital. Dessen ärztlicher Leiter der Notfallmedizin, Dr. Ralf Siepe, sagt: „Das System hat sich bewährt.“ Das MHO arbeitet zudem eng mit der Notdienstambulanz zusammen, die nur wenige Meter vom Krankenhaus entfernt ist.

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Ambulanz ist Minusgeschäft

Trotz der vielen Maßnahmen zur idealen Patientenversorgung sieht Siepe noch viele Probleme. „Jedes Jahr kommen bis zu acht Prozent mehr Menschen in die Notaufnahmen.“ Dabei sei jeder ambulante Fall ein Minusgeschäft von 90 Euro. Nur die stationäre Aufnahme würde sich lohnen. Schuld daran sei das starre Abrechnungssystem der Krankenkassen. Außerdem gebe es zu wenig niedergelassene Ärzte in den kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Das führe zu langen Wartezeiten für Termine und „die Patienten suchen dann den Ausweg über die Notaufnahme“, sagt Siepe.

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KV-Sprecher Dr. Uwe Lankenfeld wünscht sich, dass die Kliniken die Patienten häufiger zurück an die Hausärzte schicken. Er erkennt, dass die „Situation für Krankenhäuser eine große Belastung ist“. Die Versichertenkarte sei „die Flatrate für die Gesundheitsversorgung – mit All-inclusive-Service“. Viele Patienten handelten aus Eigeninteresse. „Die Patienten sehen uns als Dienstleister“, sagt Siepe vom MHO. Das sei schlicht unsolidarisch.

Regulativ der Großmutter

Dennoch zeigen die Mediziner Verständnis für die Patienten. Oft herrsche ein Informationsdefizit. „Wir beobachten, dass die Menschen die Ärzte sehr unkontrolliert aufsuchen. Es fehlt die Steuerung und wir vermissen die Transparenz bei der Telefonnummer des Bereitschaftsdienstes (116117)“, sagt Lankenfeld. Sein Lösungsvorschlag: „Es ist Aufklärungsarbeit zu verrichten, damit die Krankenhäuser nicht blockiert werden.“ Die Mediziner wünschen sich mehr Informationen seitens der Politik. Die Patienten wüssten überhaupt nicht mehr, wann sie welchen Arzt aufsuchen sollen. Zudem fehlt heutzutage das „Regulativ der Großmutter“, sagt Siepe. Viele Krankheiten ließen sich mit alten Hausmitteln behandeln, etwa Fieber mit Wadenwickeln.

„Wir baden hier auch ein gesellschaftliches Problem aus“, sagt Siepe. „40 Prozent unserer Patienten haben einen Migrationshintergrund.“ Diese seien es gewohnt, sich an Krankenhäuser zu wenden, weil es ein Hausarztsystem in vielen Ländern schlicht nicht gebe. Zudem kämen vor allem Menschen mittleren Alters oder Studenten in die Notaufnahmen – und zwar tagsüber, obwohl die Arztpraxen geöffnet hätten.

Pro und Contra Portalpraxen

Die Politik hingegen will die Versorgung mit Portalpraxen verbessern. Diese Anlaufstellen sollen in Kliniken installiert werden. Dann entscheide fachkundiges Personal darüber, ob ein Patient sofort behandelt werden müsse oder nicht. Siepe gefällt die Idee, dass ein Kassenarzt den Notaufnahmen vorgeschaltet ist. „Es nützt vor allem den Patienten.“ KV-Sprecher Lankenfeld sieht es kritisch. „Portalpraxen sind niederlassungsfeindlich und realitätsfern.“ Es gebe alleine 320 freie Hausarztsitze in Niedersachsen. Portalpraxen würden viel Arztkraft binden. „Es werden über 900 Ärzte gebraucht“, sagt Lankenfeld.

Schlaganfall schnell behandelt

Für die Frau mit dem Druck im Kopf ist diese Debatte bedeutungslos. Sie ist eindeutig kein Bagatellfall und wird soeben aus dem Raum mit der Computertomografie geschoben. Nach 1,5 Stunden Behandlung steht die Diagnose der Ärzte fest: Sie hat einen Schlaganfall erlitten. Aufgrund der schnellen Reaktion ihrer Arbeitskollegen und der reibungslosen Rettungskette wird sie wieder vollständig genesen. Schwester Angelika wird davon nichts mehr mitbekommen. Auf sie wartet bereits der nächste Patient.


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