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Kein Freund des Absurden Max Goldt glänzt mit Textkunst in der Lagerhalle

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In der Osnabrücker Lagerhalle las der Schriftsteller Max Goldt alte und neue Texte aus seinem reichhaltigen Werk. Foto: Swaantje HehmannIn der Osnabrücker Lagerhalle las der Schriftsteller Max Goldt alte und neue Texte aus seinem reichhaltigen Werk. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück . In der Lagerhalle bewies der Schriftsteller Max Goldt, dass man sehr wohl in einer altmodisch anmutenden Sprache aktuelle Themen aufspießen kann - mit überwiegend neueren, aber auch einigen älteren Texten aus seinem reichhaltigen Werk.

Mit sonorer Stimme, stoischer Ruhe und quasi-buddhistischer Ausstrahlung präsentierte der vielfach ausgezeichnete Autor wohltuend unaufgeregt, mitunter aber auch leicht blasiert ausgewählte Kostproben seines jüngeren literarischen Schaffens - darunter auch kleine Dramolette auf der Basis von Comic-Szenarien des Duos Katz & Goldt, die sich so aktuell drängenden Fragen widmeten wie: „Was tun mit süßen Holo-Leugnern?“.

Sprachlich zeitlos, aber thematisch prononciert zeitdiagnostisch geißelte er die gegenwärtig vorherrschende „bombastische Verschlossenheit gegenüber herumfliegenden Fakten“, Zeitgeist-Erscheinungen wie den rechthaberischen „Irrtumsglauben“, die so sinnlose wie beschränkte Suche nach dem einen und eben nur einen Glück, „dezent, aber gewinnbringend berufstätige“ Ehefrauen oder - aus aktuellem, saisonalen Anlass - die neben Autos und Fußball dritte „Volksschwäche“ Weihnachten, in Form des trefflich pointierten Weihnachtsmarkt-Verdikts „Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“.

Fels in der Brandung

In einer Zeit der schnellen, oft ungenauen und unbedachten Textproduktion wirkt ein literarischer Feingeist wie Max Goldt wie ein Fremdkörper, aber auch wie ein Fels in der Brandung, ein Monolith und Solitär der wohldurchdachten Textkunst. Es ist jene fein ziselierte, mitunter unorthodox gedrechselte und verwirbelte Sprache, die am Ende aber doch immer wieder genau zum Punkt kommt, die Goldts Texte gerade heutzutage so einzigartig und viele seiner Formulierungen so zitierfähig machen. Ihr an die deutsche Hochliteratur der vorletzten Jahrhundertwende angelehnter Duktus entzieht sich jeglicher konventioneller Einordnung. Mithin hat der aus Göttingen stammende, in Berlin lebende Autor mit seinen irrlichternd komischen Texten längst sein eigenes literarisches Genre kreiert.

Als frei nach Heidegger Herr im Haus der Sprache fasst er die buchstäblichen Merkwürdigkeiten des Lebens wie kein Zweiter in Worte und Wortschöpfungen, die eben nicht immer naheliegend, dafür aber umso tiefgehender sind. Dabei erweist er sich als Meister der in edle Formulierungen gegossenen Alltagsbeobachtungen, der dafür nicht nur neue Adjektive erschafft, sondern auch längst vergessene wie etwa „malade“, „scheulos“ oder „hochwohlgeformt“ reanimiert.

Überraschend outete sich der oftmals als „Meister des Absurden“ Bezeichnete als „kein großer Freund des Absurden“, weder im Sinne des Theaterbegriffs noch in dem jenes „Modeworts“, das bereits in den Achtzigerjahren vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl gern und oft immer dann verwendet wurde, wenn dieser nicht mehr weiter wusste. Einmal versagte in der nicht ganz ausverkauften Lagerhalle ausgerechnet bei den Worten „laut vorgelesen“ das Mikrofon. Max Goldts Texte glänzen indes auch ganz leise und bedürfen keinerlei Verstärkung.


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