Zweitälteste Schule der Stadt Osnabrücker Johannisschule wurde vor 50 Jahren abgerissen

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Osnabrück. Vor 50 Jahren begann der Abriss der alten Johannisschule, nachdem die Schulgemeinschaft am 23. November 1966 den Neubau schräg gegenüber in der Süsterstraße hatte beziehen können. Den Platz der alten Johannisschule nimmt seit 2010 das Christliche Kinderhospital (CKO) ein.

Es muss auf Schüler und Lehrer wie der Eintritt ins Paradies gewirkt haben, als sie 1966 den großzügigen und hellen Neubau in Besitz nehmen konnten. Denn die alte Johannisschule an der Pfaffenstraße war nach Kriegszerstörungen nur recht notdürftig wieder zusammengeflickt worden. Das Stadtbauamt hatte im August 1945 sogar erklärt: „Die Johannisschule wird nicht wiederaufgebaut.“ Denn die Verwüstung war nahezu komplett. Die amerikanische 500-Kilo-Bombe, die am 7. Mai 1944 den Mittelteil der Schule traf, die Decke des Luftschutzkellers durchschlug und rund 50 Menschen das Leben kostete, hatte den Bau in seinen Grundfesten erschüttert.

Im nicht ausgebrannten Teil der Schule bediente sich die Bevölkerung der Neustadt teils heimlich, teils offen und holte auch das heraus, was eigentlich niet- und nagelfest war: Fensterrahmen, Bänke, Schränke, Fußbodendielen und Türen samt Zargen. Vorübergehend vermietete die Stadt einige halbwegs regendichte Räume für 30 Reichsmark im Monat an Kaufmann Lüer, der dort Heu und Stroh einlagerte.

Aus der Kinderlandverschickung zurück

Die Geistlichkeit von St. Johann mochte sich mit der Aufgabe des Schulgebäudes nicht abfinden. In Eigenregie richtete sie mit freiwilligen Helfern zwei Räume für seelsorgerische und schulische Zwecke her. In diesen zwei Räumen nahm die Johannisschule am 28. August 1945 mit sechs Klassen und 240 Kindern den Schulbetrieb wieder auf. Immer mehr Kinder kamen aus den Kinderlandverschickungen zurück. Trotz Schichtbetriebs reichten die beiden Räume hinten und vorne nicht.

Kaplan August Sandtel war der unermüdliche Organisator von Baumaterial und Arbeitseinsätzen der Viertklässler. Im November 1945 gelang die Beschaffung von Dachziegeln. Unter lautem Hallo zogen die Kinder den schwer beladenen Wagen heran. Über 2000 Dachziegel wurden von den neunjährigen Kindern an einem Nachmittag nach oben zum Dachstuhl befördert. Der Kaplan stand selbst mit in der Kette und feuerte die Kinder an, wenn die Kräfte nachzulassen drohten. Mit nur minimaler Unterstützung durch die Stadt als Gebäudeeigentümer, fast ganz in Selbsthilfe, waren fünf Klassenräume und ein Seelsorgeraum geschaffen worden, die von 840 Kindern in 17 Klassen täglich für je zwei bis drei Stunden besucht wurden. Insgesamt dauerte der Unterrichtstag von 8 bis 18 Uhr.

Ausbesserungsarbeiten blieben aus

Trotz allen Wiederaufbau-Eifers war klar, dass langfristig ein Neubau hermusste. Um nicht Erweiterungsoptionen des Marienhospitals zu blockieren, sollte der Neubau nicht an alter Stelle, sondern gegenüber hinter der Handwerkskammer (heute Sitz des Caritasverbands) errichtet werden. Im Hinblick auf den Neubau unterblieben alle größeren Ausbesserungsarbeiten. Das hatte in einem Fall fast lebensbedrohliche Konsequenzen: Von einer stehen gebliebenen Außenwand löste sich ein Stein und traf eine Schülerin am Kopf. Glücklicherweise verhinderte eine dicke Mütze und darüber noch eine Kapuze schlimmere Verletzungen. Die schon seit 1955 bestehenden Neubaupläne erfuhren danach eine gewisse Beschleunigung. Trotzdem dauerte es noch bis zum Frühjahr 1964, bis Rektor Erich Schwenderling den ersten Spatenstich in den Baugrund an der Süsterstraße setzen konnte.

Die neue Johannisschule entfaltete ihr Leben nun weiterhin im Schatten der Johanniskirche, der sie ihre Gründung vor 1005 Jahren verdankte. Nach der offiziellen Geschichtsschreibung fallen im Jahr 1011 die Gründung des Kollegiatstifts St. Johann und der Bau der ersten Johanniskirche durch Bischof Detmar mit der Gründung der Stiftsschule, die der Vorbildung des geistlichen Nachwuchses diente, zusammen.

Im Laufe der Jahrhunderte wechselten mehrfach die Standorte und die zu unterrichtenden Zielgruppen, bis sich die Johannisschule im 19. Jahrhundert als katholische Volksschule herausbildete. In jüngster Vergangenheit war ihr Bestand als katholische Bekenntnisschule gefährdet.

Seit 2012 Drei-Religionen-Schule

Nach hartem schulpolitischem Ringen wurde 2012 schließlich die „Drei-Religionen-Grundschule“ für Kinder christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubens in Trägerschaft des Bistums aus der Taufe gehoben. Der offizielle Schulname trägt den Zusatz „am Standort der Johannisschule“. So reißt der 1005 Jahre zusammenhaltende Traditionsfaden der Johannisschule wenigstens nicht ab, und sie kann weiterhin den Titel der zweitältesten Schule der Stadt – nach dem Carolinum, vor dem Ratsgymnasium – für sich reklamieren.

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