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„Musik soll vermitteln“ Uraufführung in Osnabrück: Sidney Corbetts Oper „Das große Heft“

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<em>Sucht in der Oper </em>„die Punkte, wo ich als Komponist notwendig werde“: Sidney Corbett. Foto: Elvira PartonSucht in der Oper „die Punkte, wo ich als Komponist notwendig werde“: Sidney Corbett. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Das Theater Osnabrück setzt seine Bemühungen in Sachen neues Musiktheater fort. Am Samstag wird die Oper „Das große Heft“ von Sidney Corbett uraufgeführt.

Heute hat Sidney Corbett Pause. Nur selten läuft er daher vom Regiepult nach vorne zum Orchestergraben, bespricht etwas mit Dirigent Andreas Hotz, geht zurück an den mobilen Arbeitstisch im Zuschauerraum. Es ist Bühnenorchesterprobe, kurz „BO“ – hier arbeitet in erster Linie der Dirigent mit Sängern und Musikern.

Hotz lässt das Stück laufen, es ist, als wolle er das Publikum der öffentlichen Probe nicht mit Details überfrachten. Stattdessen zeigt der erste Akt die Grundkonstellation von „Das große Heft“ auf: Weil Krieg herrscht, bringt eine Mutter (Almerija Delic) ihre beiden Söhne, Zwillinge, dargestellt von Marie-Christine Haase und Susann Vent, aus der Stadt zur Großmutter (als Gast: Kammersängerin Eva Gilhofer) aufs Land.

Man muss den Inhalt der vier folgenden Akte nicht kennen, um zu ahnen, dass es düster und bedrückend zugehen wird: Die Musik von Sidney Corbett sagt es in Klängen, die fahl und trostlos im Raum hängen. Und obwohl Corbett den Auftrag zu dieser Oper „als großes Geschenk“ wertet, gesteht er, dass es „als Vater von drei Kindern sehr hart“ war, den zugrunde liegenden Roman von Agota Kristof zu lesen. Denn die beiden Zwillinge bezwingen ihre unwirtliche Umwelt, indem sie alle Gefühle, körperliche wie seelische, systematisch ausschalten – eine beängstigende Vorstellung, nicht nur für einen Vater.

Doch bei aller lakonischen Schonungslosigkeit regte das Buch Corbetts musikalischen Gestaltungswillen an, fand er „die Punkte, wo ich als Komponist notwendig werde“: Seine Musik soll den „Figuren Menschlichkeit verleihen“, sagt Corbett, „soll vermitteln: Es geht um uns.“

Er erzählt das schnell; manchmal sprudeln die Worte förmlich aus ihm heraus. Dabei wirkt er aber keineswegs hektisch oder fahrig. Nein, nach der Probe isst er eine Tomatensuppe, gönnt sich ein Bier dazu, bevor er den Zug nach Berlin nimmt. Trotz der vielen Fahrerei, der anstrengenden Phase der Endproben ist Sidney Corbett ganz bei sich.

Dabei hat es ihn Kraft gekostet, zusammen mit Intendant Ralf Waldschmidt das Libretto zu destillieren und dann die passende Musik zu finden. „Wie eine Art Ozean“ versteht er das Orchester, aus dem die Figuren wie Inseln herausragen. Doch beim Durchlauf stehen die Klänge eher starr im Raum. Erst, wenn Andreas Hotz den ersten Akt Takt für Takt durchgeht, erschließt sich das Potenzial der Musik: Er organisiert, definiert, schafft Stimmungen. Denn das überlässt Corbett weder dem Zufall noch dem interpretatorischen Geschick des Dirigenten: „Ich habe die Musik ganz genau notiert“, sagt er. Hotz hat das erkannt: „Diese Musik verzeiht keine Ungenauigkeiten“, sagt er seinen Musikern und feilt an Akkorden, Rhythmen, Farben. Corbett gefällt die Arbeit des Dirigenten. Denn der verwirklicht gerade etwas, was Corbett extrem wichtig ist: Klarheit.

Genauso wichtig ist ihm aber ein Moment, das ihm bei Komponistenkollegen nicht nur Zustimmung einbringt: „Ich will die Erinnerung der Hörer wachhalten“, sagt Corbett. Dafür arbeitet er mit wiedererkennbaren Motiven oder besser gesagt: mit Siegeln, die Orientierung bietet. In jedem Fall aber stellt das hohe Anforderungen ans Orchester. Hotz fördert hier einiges zutage, und Corbett ist sehr zufrieden, trinkt aus, geht zum Zug. Mittwoch beginnt die heiße Phase, da ist er wieder da.

Premiere: Samstag, 16. 3., 19.30 Uhr. Kartentel.: 0541/ 7600076


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