200 Interessierte im Dialog Mobile Zukunft Osnabrück: Weniger Autos, mehr Lebensqualität


Osnabrück. Selbstfahrende Autos, mehr Raum für Fußgänger und Radler, vielleicht eine Seilbahn durch die Stadt – sieht so die mobile Zukunft für Osnabrück aus? Mehr als 200 Interessierte kamen zur Auftaktveranstaltung für eine nachhaltige Verkehrspolitik ins Rathaus. Der Dialog soll weitergehen.

Die einen wollen, dass Straßen und Plätze nicht länger von Blechlawinen verstopft werden, die anderen fordern freie Fahrt bis in die heiligsten Winkel. Beide Positionen wurden im Forum „Mobile Zukunft“ formuliert, und auch der autofreie Neumarkt polarisierte. Jenseits dieser Maximalpositionen versuchte das Dialogteam behutsam, gemeinsame Standards im Sinne von Klimaschutz und Lebensqualität herauszudestillieren, ohne das Auto zu verteufeln.

Kampf um die Köpfe

Das Mobilitätsforum ist eine gemeinsame Initiative der Stadt und der Stadtwerke. „Wir müssen die Flächen neu verteilen“, erklärte Frank Otte als Vorstand für Städtebau, Umwelt und Klimaschutz. Eine Stadt sei zukunftsfähig, wenn sie beim Kampf um die qualifiziertesten Köpfe mit Lebensqualität punkten könne, und die habe sehr viel mit Mobilität zu tun. Den Anspruch auf eine bezahlbare, flexible Mobilität formulierte Stadtwerke-Vorstand Stephan Rolfes. Dabei dürfe eines aber nicht aus den Augen verloren werden: „Wir müssen die Menschen mitnehmen!“

In einem auf vier Jahre anberaumten Projekt sollen Bürger, Planer und Politiker eine gemeinsame Formel entwickeln, die über die reine Verkehrsplanung hinausgeht. Denn mobil zu leben, sei auch eine Frage der Kultur und der Kommunikation, erklärte Heiner Monheim in seinem Impulsvortrag. Der emeretierte Professor aus Trier ist deutschlandweit als Vorreiter für eine Verkehrswende bekannt.

Straßenbahn abgeschafft

Was ist gut? Was muss besser werden? Auf diese Fragen gingen Teilnehmer des Forums Mobile Zukunft im Rathaus ein. Foto: Egmont Seiler

Mit seinen 70 Jahren verliere er langsam die Geduld, weil sich der Fortschritt immer nur in homöopathischen Dosen durchsetzen könne, klagte Monheim. Verkehrspolitik sei oft das Betätigungsfeld älterer Männer, die mit ihrer Vorliebe für das Auto eine Fehlentscheidung nach der anderen getroffen hätten. So seien vielerorts wie in Osnabrück die Straßenbahnen abgeschafft und die Bahnstrecken stillgelegt worden, der Autoverkehr werde subventioniert und der öffentliche Nahverkehr als defizitär diffamiert.

„Der Verkehr widersetzt sich langfristig jedem Versuch der CO2-Reduzierung“, erklärte Monheim. Er werde als Wirtschaftsfaktor wahrgenommen, richte aber großen Schaden an. Vor allem die Kommunen seien die Leidtragenden – wenn es fair zuginge, müssten sie einen großen Teil der Lkw-Maut bekommen. Der Mobilitätsforscher gab sich zuversichtlich, dass sich das Straßenbild in den Städten schon bald verändern wird – mehr Carsharing, Mitfahrsysteme, Lastenfahrräder und selbstfahrende Autos und unkonventionelle neue Lösungen, zum Beispiel urbane Seilbahnen.

Um neue Akzente in der Verkehrspolitik zu setzen, bedürfe es größerer Anstrengungen, die Betriebe einzubinden, etwa mit einem breitenwirksamen Jobticket. Neues Denken erfordere neue Partner. Es spreche nichts dagegen, dass sich ein Konzern wie Ikea am Bau einer neuen Straßenbahnlinie beteilige.

Lob für den „VOS-Pilot“

Dass sich in Osnabrück schon einiges zum Guten verändert habe, sprach aus den Kommentaren vieler Teilnehmer, die zuvor im Forum ihre Meinung zu Protokoll gegeben hatten. Lob gab es für die Smartphone-App „VOS-Pilot“, für das Angebot von Stadtteilauto und bessere Fahrradverbindungen. An der Sicherheit für Radler hapere es noch, meinten andere. Gefordert wurden mehr Ladesäulen für E-Mobile, abschließbare Fahrradhäuschen und Carsharing im Landkreis. Der Neumarkt rief erwartungsgemäß kompromisslose Gegner und Befürworter einer Sperrung auf den Plan.

In der Schlussrunde hatten auch die Politiker Gelegenheit, das Positive hervorzuheben. So vermerkte Ratsherr Sven Schoppenhorst von der CDU, dass man heute mit dem Fahrrad besser in die Innenstadt komme als vor 30 Jahren. Das Denken habe sich geändert, auch in seiner Partei. Früher sei allein der Individualverkehr gefördert worden, heute geschehe das „krasse Gegenteil“. Ziel müsse es aber sein, „den ÖPNV zum Bürger zu bringen, nicht umgekehrt“.

Fortschritte konstatierte auch Susanne Hambürger dos Reis (SPD), weil fähige Verwaltungsmitarbeiter die an runden Tischen ausgehandelten Vereinbarungen umgesetzt hätten. Sie sprach sich dafür aus, den Menschen „mehr Raum zu geben“. Michael Kopatz, neues Ratsmitglied in der Fraktion der Grünen, nannte es einen „tollen Fortschritt“, dass heute keine Autos mehr vor dem Rathaus und dem Dom parken. Problematisch sei aber, dass die Strukturen immer noch aufs Auto ausgerichtet seien. Die Routinen müssten geändert und die Straßen langsamer gemacht werden, um mehr Lebensqualität in die Städte zu bringen.

Vor dem Schloss parken

Thomas Haarmann (FDP) sprach sich dafür aus, dass Fahrgäste auch im Nahbereich mit nur einem Ticket auskommen, Giesela Brandes-Steggewentz (Linke) forderte ein Sozialticket für weniger begüterte Menschen. Steffen Grüner vom Bund Osnabrücker Bürger (BOB) war der einzige Politiker, der dem Mobilitätsforscher Monheim widersprach. Mobilität sei immer individuell, und die Straßen würden doch mit der Kfz-Steuer finanziert, meinte er. In Münster könne er mit dem Auto bis zum Schloss fahren und dort parken, in Osnabrück ziele die Verkehrspolitik auf Konfrontation ab. Auf die Frage der Moderatorin, wo er denn etwas Positives sehe, fand er dann doch ein Beispiel: „Der Haseuferweg gefällt mir gut!“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN