Hetzjagd unter Türken Erdogan-Anhänger denunzieren „Staatsfeinde“ in Osnabrück

Außer Kontrolle: Erdogan-Anhänger feiern am 18. Juli 2016 auf dem Taksim-Platz in Istanbul die Niederschlagung des Putschversuchs wenige Tage zuvor. Folgen der politischen Eskalation am Bosporus bekommen auch die Türken in Osnabrück zu spüren. Ihre Gemeinschaft ist tief gespalten. Foto: AFPAußer Kontrolle: Erdogan-Anhänger feiern am 18. Juli 2016 auf dem Taksim-Platz in Istanbul die Niederschlagung des Putschversuchs wenige Tage zuvor. Folgen der politischen Eskalation am Bosporus bekommen auch die Türken in Osnabrück zu spüren. Ihre Gemeinschaft ist tief gespalten. Foto: AFP

Osnabrück. Nach dem Putschversuch in der Türkei gehen Erdogan-Anhänger in Osnabrück und Umgebung gegen mutmaßliche Regimegegner vor. Zu ihren Methoden gehören Gewalt, Hetze und Verrat. Eine Liste mit 31 Namen von hiesigen Opfern öffentlicher Denunziation ruft jetzt den Staatsschutz auf den Plan.

Ungefähr 4000 Türken und Deutschtürken leben in der Stadt Osnabrück, im Landkreis sind es noch einmal so viele. Ein Riss geht durch ihre Gemeinschaft. Und der Graben, der sich spätestens auftat, als Präsident Recep Tayyip Erdogan 2013 plötzlich im Mittelpunkt eines Korruptionsskandals stand, scheint unüberbrückbar, seit die politische Situation am Bosporus im Sommer völlig eskaliert ist: Wer jetzt nicht für Erdogan ist, muss gegen ihn und die Türkei sein. Und damit ein Staatsfeind.

So sehen es jedenfalls die Anhänger des umstrittenen Machthabers, deren Anteil in Osnabrück nach den Parlamentswahlen vor einem Jahr auf bis zu 70 Prozent geschätzt wird. Und diese große Mehrheit folgt offenbar blind den Aufrufen der türkischen Behörden, ihnen auch fernab der Heimat ihrer Familien jene Landsleute und Angehörigen zu melden, die sie für Unterstützer oppositioneller oder gar umstürzlerischer Kräfte halten – allen voran des 1999 in die USA geflüchteten Predigers Fethullah Gülen, dessen islamische Bewegung in der Türkei zur Terrororganisation (Fetö) erklärt worden ist.

Verfolgte in großer Sorge

Eine solche, mutmaßlich von Regierungstreuen angefertigte Liste mit 31 Namen, Adressen und Geburtsdaten von Türken und Deutschtürken aus Osnabrück und Umgebung ist jetzt in Georgsmarienhütte aufgetaucht. 25 Opfer dieser Denunziation – angebliche Gülen-Anhänger – haben deshalb Anfang November gemeinsam Strafanzeige gegen unbekannt erstattet. Sie sind in großer Sorge: Denn sollten ihre Daten den türkischen Behörden übermittelt werden, „ist bei Ein- und Ausreise mit Repressalien und höchstwahrscheinlich mit Verhaftungen zu rechnen“, heißt es in der Strafanzeige, die unserer Redaktion vorliegt. Auch in der Türkei lebende Familienmitglieder seien dann nicht mehr sicher.

Wer die Liste verfasst hat, ist unklar. Ans Licht kam sie nur, weil ein Foto davon über Umwege zu einem der Verfolgten gelangte. Nach NOZ-Informationen konnten zwei Personen türkischer Herkunft ausgemacht werden, die nun im Verdacht stehen, die Liste über das Internet verbreitet zu haben. Beide kommen aus GMHütte und sollen den Geschädigten persönlich bekannt sein. Gegen sie ermittele der Staatsschutz wegen übler Nachrede, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück auf Nachfrage mit.

Opfer bricht Schweigen

Was es bedeutet, von Erdogan-Anhängern verfolgt, verraten und bedroht zu werden und dabei nicht einmal mehr seinem eigenen Umfeld trauen zu können, berichtet im Gespräch mit unserer Redaktion eines der Opfer, deren Namen sich auf der GMHütter Liste wiederfinden. „Es ist eine richtige Hetzjagd“, erklärt der Osnabrücker. „Wenn ich sehe, was hier passiert, was in der Türkei passiert: Dann komme ich mir vor wie im Dritten Reich. Als würde sich Geschichte wiederholen.“

Unter den Türken und Deutschtürken in der Region herrsche Angst und Verzweiflung. Teile seiner Familie, Freunde, Bekannte, ja selbst sein Anwalt hätten ihm auch dringend davon abgeraten, die Vorgänge öffentlich zu machen, so der Osnabrücker. Angeblich viel zu gefährlich. Und in der Tat hätten ihn verstärkt anonyme Drohungen erreicht, seit sein Gang zur Lokalzeitung die Runde gemacht habe. „Aber man darf nicht schweigen!“, ist der Mann überzeugt. „Die Scheiße soll aufhören.“

Alltägliche Morddrohungen

Gleichwohl zeigen die gezielten Einschüchterungen aus der Szene bei ihm Wirkung: Seinen Namen, mit dem er anfangs noch für die Sache einstehen wollte, möge unsere Redaktion nun bitte aus der Berichterstattung herauslassen. Auch sein Gesicht, von unserem Fotografen eigens im Spotlight festgehalten, sollen wir nicht mehr zeigen. Überhaupt am besten nichts erwähnen, was ihn für alle Welt und Zeit identifizierbar mache. Kein Alter, kein Beruf, keine Hobbys. Erst recht keine Verwandtschaftsverhältnisse. „Zu meinem Schutz und zum Schutz derer, die mir nahestehen. Ich will niemanden in noch größere Schwierigkeiten bringen.“

Was hingegen jeder wissen darf und soll: Dass er sich beispielsweise fürchtet, beim Telefonieren in die Türkei abgehört zu werden. Dass er eine kürzlich geplante Türkeireise abgesagt hat, weil er mittlerweile damit rechnen müsse, dort von Erdogans Schergen ins Gefängnis gesteckt zu werden. Dass er schon seit drei Jahren „von der türkischen Community enormen Druck“ bekomme, weil er durchaus und nicht gerade heimlich mit der Gülen-Bewegung sympathisiere. Dass dieser Druck nach dem Putschversuch „nur noch schlimmer geworden“ sei. So schlimm, dass man ihn auf der Iburger Straße in Osnabrück aus einen vorbeifahrenden Auto heraus angeschrien habe: „Ihr Hurensöhne! Ihr Staatsfeinde! Wir werden in eurem Blut baden!“ Beleidigungen, Beschimpfungen, ja sogar Morddrohungen durch Erdogan-Anhänger gehörten längst zu seinem Alltag, stellt der Osnabrücker fest.

„Erdogan ist wie Hitler“

Dabei sei Erdogan als Ministerpräsident auch für ihn mal ein Hoffnungsträger gewesen. „Ich dachte, er bringt Versöhnung, Aufschwung, mehr Menschenrechte und die Türkei in die EU – ich habe an ihn geglaubt!“ Stattdessen nutze Erdogan das religiöse und nationalistische Ehrgefühl aus, das vielen Türken innewohne, und leiste so der Radikalisierung seines Volkes Vorschub. Mit zunehmender Machtfülle sei er, getrieben von Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn, immer undemokratischer geworden. Heute gleiche Erdogan einem Diktator. „Wenn ich ihn reden höre, denke ich: Da spricht Hitler.“

Der Osnabrücker glaubt, dass der türkische Präsident „mit seiner Paranoia das ganze Land zerstört“. Und dabei Hass auch unter denen sät, die es einst für ein besseres Leben in Deutschland verlassen haben. Die GMHütter Denunziationsliste, die ihn jetzt aus persönlicher Betroffenheit zum Widerstand veranlasst habe, sei übrigens nur eine von vielen. Es soll weitere Listen geben in Osnabrück, Lengerich, Vechta, Espelkamp, Diepholz. Eigentlich überall, wo türkische Mitbürger leben. „So etwas findet in jeder Stadt, in jedem Dorf statt – garantiert.“


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