Tiemo Wölkens erste Sitzungswoche Der strahlende Nachrücker im Straßburger Parlament

Von Rainer Lahmann-Lammert


Osnabrück. Vor vier Wochen noch Hiwi an der Universität Speyer und jetzt Europaabgeordneter für den Bezirk Weser-Ems: Dieser Karriereschritt lässt Tiemo Wölken strahlen, wo immer er in Erscheinung tritt. Gerade hat der 30-jährige SPD-Politiker seine erste Sitzungswoche in Straßburg absolviert. Und strahlt immer noch.

Die Europawahl im Mai 2014 war für ihn noch eine Trockenübung. Als Sozius von SPD-Kandidat Matthias Groote aus Leer zog Tiemo Wölken durch einen Wahlkampf, als dessen krönender Abschluss allenfalls ein touristisches Programm in Brüssel oder Straßburg winkte. Mit Grootes Wahl zum Landrat im Kreis Leer ist der Rechtsanwalt aus Osnabrück jetzt aufgerückt – nicht auf die Zuschauertribüne, sondern ins Zentrum der Macht.

Einer von 751 Abgeordneten

Eigentlich sollte Tiemo Wölken schon am 1. November seinen Dienst antreten, aber es fehlten noch die Unterschriften von Martin Schulz, dem EU-Parlamentspräsidenten, und Norbert Lammert, dem Präsidenten des Bundestages. Inzwischen sind auch diese Formalien erledigt, und der Nachwuchspolitiker ist jetzt einer von 751 Abgeordneten aus 28 Staaten in der großen Straßburger Manege.

„Straßburg ist etwas ganz Besonderes“, erzählt der SPD-Mann nach seiner ersten Sitzungswoche. Nur einmal im Monat erwacht das Parlament zum Leben, in der übrigen Zeit spielt die Musik in Brüssel. Tiemo Wölken stand am Montag schon ziemlich früh auf der Matte, aber vom Herzschlag Europas war da noch wenig zu spüren. Das änderte sich erst, als mittags der Charterzug mit Politikern und Beamten aus Brüssel einfuhr. An Bord eine große grüne Kiste mit Akten für jeden einzelnen Abgeordneten.

VW und die Windenergie

Der Nachrücker aus Osnabrück fand sich auch ohne den Einführungskurs zurecht, der den Parlamentsneulingen nach der Wahl den Anfang leichter machen soll. Am Nachmittag erhielt er seine Stimmkarte, stellte sich in seiner Fraktion vor und erhielt einen Sitz ganz hinten. Am nächsten Tag wurde ihm Platz 797 im großen Rondell des Plenarsaals zugewiesen, ebenfalls ganz hinten.

Faszinierend findet er nach seiner ersten Woche das bunte Treiben im Straßburger Kessel, und vor allem, wie reibungslos der Betrieb mit den vielfältigen Menschen und ihren 24 Amtssprachen abläuft. Inhaltlich steigt Tiemo Wölken da ein, wo sein Vorgänger Matthias Groote aufgehört hat. So gehört er dem Umwelt- und Verbraucherausschuss an und dem Regionalausschuss, in dem es vornehmlich um Wirtschaftsförderung geht.

Alles wichtige Themen für den jungen Parlamentarier, der gleich die beiden VW-Standorte in seinem Wahlbezirk im Blick hat, die Windenergiebranche und das Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Union zur Emsvertiefung. Umweltpolitik will der 30-Jährige nicht den Grünen überlassen, dem SPD-Mann sind aber auch die Arbeitsplätze wichtig. Nicht nur in seinem Wahlbezirk – Tiemo Wölken betrachtet die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa als große Herausforderung für die Europäische Union.

Türkeidebatte als Höhepunkt

In einer Zeit, in der viele den Glauben an Europa schon verloren haben, lässt er sich seinen Idealismus nicht austreiben. Die Wertebasis, auf die sich die Mitgliedsstaaten der EU einmal verständigt haben, will er verteidigen: „Ich hoffe, dass ich ein kleines Stückchen daran mitwirken kann“, sagt er als einer, der noch ermutigende Zeichen wahrnimmt, wenn er sich mit jungen Leuten austauscht.

In seinem Youtube-Kanal zeigt er seinen Followern das kleine Büro in Straßburg, das er von Matthias Groote übernommen hat, stellt seinen Kalender vor und nimmt Stellung zu aktuellen Themen, etwa zur Politik Erdogans. Angesichts der Demokratiedefizite in der Türkei tritt der Abgeordnete aus Osnabrück dafür ein, dass die EU die Beitrittsverhandlungen aussetzt. Für ihn war die Türkeidebatte im Parlament überhaupt der Höhepunkt seiner ersten Woche Parlament.

Bislang ging’s ohne Auto

Schade findet er, dass er Martin Schulz in Straßburg bislang nicht begegnet ist – und er befürchtet, dass die sozialdemokratische S&D-Fraktion mit dessen Abschied an Einfluss verlieren könnte. Aber für Tiemo Wölken ist es eine spannende Zeit, denn zur Hälfte der Legislaturperiode im Januar werden die Karten neu gemischt. Da kann es gut sein, dass seine Fraktion ihn in andere Ausschüsse entsendet.

Fürs Erste hat der Nachwuchspolitiker noch einige Hausarbeiten zu erledigen. In Osnabrück eröffnet er ein Büro in der Johannisstraße, in Leer übernimmt er die Geschäftsstelle von Matthias Groote. In nächster Zeit wird er überhaupt oft durch das Weser-Ems-Gebiet touren, und das wird wohl nicht ohne Auto gehen. „Ich hab noch keins“, sagt Tiemo Wölken, denn bislang kam er mit Fahrrad und Stadtteilauto gut zurecht.