Arbeitsgericht Osnabrück Zoff um Testkauf: Verkäuferin verklagt Bäckerei Brinkhege

Die Bäckerei Brinkhege hat eine Verkäuferin abgemahnt, die bei einem Testkauf negativ aufgefallen sein soll. Ein Fall für das Arbeitsgericht Osnabrück. Foto: Jörn MartensDie Bäckerei Brinkhege hat eine Verkäuferin abgemahnt, die bei einem Testkauf negativ aufgefallen sein soll. Ein Fall für das Arbeitsgericht Osnabrück. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Die Bissendorfer Großbäckerei Brinkhege hat eine Verkäuferin abgemahnt, die bei einem Testkauf negativ aufgefallen sein soll. Die Betroffene klagt dagegen vor dem Arbeitsgericht Osnabrück und verlangt ein Schmerzensgeld von mindestens 250 Euro.

Darüber hinaus fordert sie die Bäckerei Brinkhege auf, heimliche Testkäufe in Zukunft zu unterlassen. Unangekündigt stellten sie einen unverhältnismäßigen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht der Arbeitnehmer dar. Geschäftsführerin Heike Brinkhege hingegen hält die Praxis für unverzichtbar. „Testkäufe sind wichtiger Bestandteil der Qualitätskontrolle“, sagt die Chefin im Gespräch mit unserer Redaktion.

Muffin top, Service hopp

Was ist geschehen? Brinkhege hat die Verkäuferin am 11. Oktober 2016 abgemahnt. Anlass ist der schriftliche Bericht eines Testkäufers. Dieser hatte am Nachmittag des 22. September in einer Filiale im Osnabrücker Südkreis für 1,30 Euro einen Muffin erworben. Am Produkt gab es für ihn nichts zu mäkeln. Einen schlechten Eindruck soll jedoch die Verkäuferin gemacht haben.

Der Frau wird vorgeworfen, sich im Gespräch mit einer Kundin „sehr negativ“ über die Bäckerei Brinkhege geäußert zu haben. Insbesondere soll sie Missstände an ihrem Arbeitsplatz beklagt und deutlich gemacht haben, ohne Weiteres zu Hause bleiben zu können, wenn sie „keinen Bock“ mehr habe.

Unmenschlicher Druck

Die Klägerin hält die aus dem Bericht resultierende Abmahnung für rechtsunwirksam, weil substanzlos. Die Anschuldigungen seien zu vage, Pflichtverletzungen nicht erkennbar. Der Testkauf selbst sei heimlich und ohne Vorankündigung durchgeführt worden, heißt es in der Klage. Ein derart massiver Eingriff in das Persönlichkeitsrecht der Frau sei nicht zu rechtfertigen.

„Bei unangekündigten Testkäufen entsteht beim Arbeitnehmer ein permanenter, unmenschlicher Überwachungsdruck. Jeder Kunde kann ein falscher sein“, stellt Rechtsanwalt Manfred Kubillus fest, der die Verkäuferin vertritt. Die dauernde Angst, nicht fehlerfrei zu arbeiten und in eine „gestellte Falle“ zu tappen, schade den Mitarbeitern auch gesundheitlich. Seine Mandantin sei seit Bekanntwerden des Vorfalls arbeitsunfähig erkrankt. Nicht zuletzt deshalb halte er ein Schmerzensgeld in Höhe von 250 Euro oder mehr für angemessen. (Weiterlesen: Großbäckerei Brinkhege für soziales Engagement geehrt)

Kunden als Testkäufer

Geschäftsführerin Heike Brinkhege ist anderer Auffassung. Die Bäckerei führe „in ihren Fachgeschäften – wie im Einzelhandel üblich – rechtlich zulässige Testkäufe“ durch, teilt sie unserer Redaktion auf Nachfrage mit. Dabei gehe es um „den neutralen Blick aus Kundensicht“.

So beauftrage ihr Unternehmen keine professionellen Detektive, um stichprobenartig zu prüfen, ob in den 39 Brinkhege-Filialen alles stimmt: von der Auswahl und Güte der Backwaren über die Sauberkeit des Ladens bis hin zur Bedienung. Stattdessen werde seit mehreren Jahren eine knappe Handvoll ausgesuchter Personen als Testkäufer eingesetzt. Rentner etwa, Schüler – „in der Regel echte Brinkhege-Kunden, denn die haben den besten Blick“.

Mitarbeiter wissen Bescheid

Erkenntnisse dieser kleinen Gruppe, die sich selbst organisiere und bestimmte Fachgeschäfte nur in begründeten Ausnahmefällen gezielt aufsuche, würden in interne Schulungen einfließen. „Oftmals ist es eine gute Bestätigung für unsere Teams vor Ort, welche tolle Leistung jeder Mitarbeiter täglich erbringt.“ Testkäufe seien „motivierend“, so Brinkhege weiter, und bislang habe es deswegen auch noch keine Beschwerden gegeben. „Unsere Mitarbeiter wissen, dass solche Testkäufe durchgeführt werden.“

Zwar gebe es keine schriftlichen Einverständniserklärungen der Angestellten, räumt die Chefin auf Nachfrage ein. Gleichwohl müsse auch die Klägerin, die in der Bäckerei seit knapp drei Jahren tätig ist, über das Vorgehen des Betriebs im Bilde gewesen sein. Erst im Januar habe ein Testkäufer die Verkäuferin bewertet – und zwar tadellos. Bei dem Besuch im September hingegen sei „eine Extremsituation“ aufgetreten, die aus Sicht der Geschäftsführerin arbeitsrechtliche Konsequenzen unabwendbar gemacht habe.

Nur heimlich sinnvoll

An der Art und Weise der Stichproben wolle sie vorläufig nichts ändern, erklärt Brinkhege. Testkäufe hätten nur Sinn, wenn sie unbemerkt und ohne Ankündigung stattfinden. „Wenn ich sie anmelde, kann ich es ja gleich lassen.“ Viele Mitarbeiter seien dann zu nervös, um zu zeigen, was sie können.

Das Arbeitsgericht Osnabrück hat in der Sache für Freitag, 2. Dezember, einen Gütetermin anberaumt. Beginn ist um 11 Uhr.


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