Serie „Der Kunde und ich“ Osnabrücker Schiedsrichter über Emotionen und Profis ohne Regelkenntnis

Emotionen auf dem Platz und Profis ohne Regelkenntnis: Der Osnabrücker Schiedsrichter Torsten Aderhold erzählt in der Serie „Der Kunde und ich“ aus seinem Alltag. Foto: Jörn MartensEmotionen auf dem Platz und Profis ohne Regelkenntnis: Der Osnabrücker Schiedsrichter Torsten Aderhold erzählt in der Serie „Der Kunde und ich“ aus seinem Alltag. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir Kunden uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 14: ein Schiedsrichter.

Torsten Aderhold ist Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses Osnabrück und zuständig beispielsweise für Spielbeobachtungen, die Ansetzung der Schiedsrichter und ganz allgemein für das Schiedsrichterwesen in der Stadt. Der Osnabrücker war selber lange Jahre Spieler und wechselte einst die Seiten, als ihm ein Unparteiischer empfahl, einen Lehrgang zu belegen. Andernfalls würde er über kurz oder lang vom Platz fliegen.

Herr Aderhold, mit welchem Gefühl gibt ein Schiedsrichter eigentlich eine Rote Karte?

Gute Frage, die wurde mir so noch nicht gestellt. Aber im Grunde reagiert der Schiedsrichter ja nur auf eine Aktion, die es vorher gegeben hat und zeigt eine Karte nicht aus eigenen Stücken. Der Schiedsrichter bewertet eine Aktion und gibt dann eventuell eine Gelbe oder Rote Karte. Danach ist die Aktion aus meiner Sicht immer abgehakt.

Klingt ja relativ emotionslos. Muss man das als Schiedsrichter auch sein – emotionslos?

Auf gar keinen Fall! Emotionen gehören schließlich zum Fußball und zum Schiedsrichterdasein dazu. Wenn es ein Spieler übertreibt, muss man ihm entsprechend klarmachen, dass das nicht okay war. Nur so komme ich als Schiedsrichter bei den Spielern an und kann das Spiel in geordnete Bahnen lenken. Ohne Mimik und Gestik lassen sich vor allem schwer zu leitende Spiele nicht über die Bühne bringen.

Wie verschaffen Sie sich denn Respekt?

Das fängt schon weit vor dem Spiel an. Ich komme pünktlich zum Spiel, kontaktiere meine Ansprechpartner vor Ort. Dann geht es mit der Sportplatzabnahme und den Regularien weiter. Wichtig ist, dass ich meine Ansprechpartner kennenlerne. Ich verfahre da immer nach dem Grundsatz: reden hilft. Und irgendwann kennt man sich und kann normal miteinander umgehen.

Sicher ist Ihnen in Ihrer Laufbahn auch schon die ein oder andere Kuriosität untergekommen?

Ja, die ein oder andere war sicher dabei. Eine Kuriosität, die ich immer wieder erzähle, hat sich an der Bremer Brücke hier in Osnabrück zugetragen. Ich habe bei einem Freundschaftsspiel des VfL gegen einen Bundesligaverein gepfiffen – Namen lasse ich an dieser Stelle aber lieber mal wieder weg. Die Spieler, darunter auch Nationalspieler, kannten die einfachsten Regeln nicht. Ich sage es noch einmal ganz deutlich: Das waren Nationalspieler, die nicht wussten, dass es nach einem Abstoß kein Abseits gibt. Gemeinsam mit meinen Schiedsrichterkollegen musste ich die Herren in der Kabine über die Regelkunde aufklären. Das glaubt mir oft keiner, wenn ich das erzähle.

Regelunkenntnis ist aber wohl kaum ein Problem der Profis, oder?

Nein, natürlich nicht. Die Kenntnis der Regeln ist im Grunde nicht sonderlich weit verbreitet. Wir als Schiedsrichter halten monatlich sogenannte Lehrabende für unsere Kollegen ab, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Man muss aber auch sagen, dass sich regeltechnisch gerade in den vergangenen Jahren viel getan hat. Wir als Schiris müssen da natürlich komplett auf der sicheren Seite sein. Wenn der Schiedsrichter auf dem Platz einen Fehler macht, haben wir schließlich ein großes Problem. (Weiterlesen: Osnabrücker Schiedsrichter pfeift künftig Bundesliga)

Was ist denn Ihrer Meinung nach der angenehmere Job: Hauptschiedsrichter oder Linienrichter?

Mir war und ist es immer lieber, selbst zu pfeifen. Dann kann ich handeln und auf das Spiel einwirken. Als Assistent bewegst du dich ja nur an der Linie und bist dort gebunden. Dazu kommen dann die Missfallensbekundungen der Zuschauer, mit denen man ja auch irgendwie umgehen muss. Mir ist der Job als Hauptschiedsrichter daher lieber.

Immer wieder gibt es Nachrichten über Attacken auf Schiedsrichter. Erleben Sie und Ihre Kollegen mehr Respektlosigkeit?

Ja, natürlich hat es da eine Veränderung gegeben. Fußball ist ja auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Dass es immer mehr Probleme mit „Kunden“ gibt, beobachten ja nicht nur wir Schiedsrichter. Viele unserer Kollegen sind im Beruf Polizisten. Die erleben das natürlich auch und erzählen uns davon. Das ist in anderen Sportarten doch ähnlich. Wie gesagt, ich glaube, dass der Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft ist.

Wie hat sich denn der Umgang mit den Spielern in den vergangenen Jahren verändert? Ist es insgesamt ernster geworden auf den Plätzen?

Insgesamt ist alles vertreten – negativ wie positiv. Es wurde ja immer wieder – auch von uns Schiedsrichtern – gefordert, dass wir mehr miteinander reden müssen auf dem Platz. Mittlerweile erklären wir den Spielern und übrigens auch den Zuschauern viel öfter, was Sache ist. Einfach nur auf dem Platz zu stehen und die Richtung anzuzeigen, das reicht heute nicht mehr. Ohne Mimik, ohne Gestik und ohne Erklärungen kommen wir heute nicht mehr klar.

Aber einen Hang zum Masochismus muss man als Schiedsrichter nicht haben?

Nein, so schlimm ist es deutlich nicht.

Wie sieht es denn mit dem Nachwuchs aus?

Noch ist die Situation ausreichend. Aber im vergangenen Jahr mussten wir einen Schiedsrichterlehrgang aufgrund fehlender Teilnehmer absagen. In Zukunft werden wir hier sicherlich Probleme bekommen. In einem Nachbarkreis sieht es schon heute nicht gut aus. (Weiterlesen: 3. Kreisklasse ohne Schiedsrichter?)

Was schätzen Sie denn an Ihren Kunden?

Ich finde es toll, auf dem Sportplatz so viele verschiedene Menschen zu treffen. Man lernt sich vor und beim Spiel kennen und trinkt vielleicht danach noch ein Kaltgetränk zusammen. Daraus sind für mich viele Freundschaften entstanden.

Aber es gibt bestimmt auch Dinge, die Sie besonders stören?

Was mich wirklich nervt, ist die Regelunsicherheit bei Eltern. Das ist besonders dann schlecht, wenn ihre Kinder spielen und Papa fälschlicherweise meint, er wüsste alles besser. Wenn Papa aber nicht auf dem letzten Stand der Dinge ist, bringt er den Kindern etwas Falsches bei.

Mal Hand aufs Herz: Denken Sie, wenn Sie ein tolles Tor sehen, nicht manchmal auch daran, lieber selber mitzuspielen?

Nein. Ich habe in meiner aktiven Laufbahn als Spieler mit dem SC Lüstringen ja sogar in der Bezirksliga gespielt und komme also quasi von dieser Seite. Wenn ich ein schönes Tor sehe, dann sage ich das dem Spieler aber auch. Warum denn auch nicht? Auch wir Schiedsrichter sind ja Menschen mit Emotionen.


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