Lesung im Theater Osnabrück „Literaturspot“ mit Hanns-Josef Ortheil

Entspannter Humor: Hanns Ortheil auf der Bühne des Theaters am Domhof. Foto: Thomas OsterfeldEntspannter Humor: Hanns Ortheil auf der Bühne des Theaters am Domhof. Foto: Thomas Osterfeld

Ch.A. Osnabrück. Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil las beim „Literaturspot“ aus seinem neuen Buch „Was ich liebe und was nicht“ und fand nicht zuletzt mit seinem Humor im Osnabrücker Theater großen Anklang.

Pianisten sprechen nicht und sie fliegen nach ihren stummen Auftritten zurück in ihre Höhlen in den Alpen: Das war ein starker und zugleich tröstlicher Eindruck, den Hanns-Josef Ortheil in den 50er Jahren als eine Art von klavierspielendem Wunderkind von den Auftritten Claudio Arraus oder Arturo Benedetti Michelangelis mitnahm. Denn er war selbst als kleiner Bub jahrelang verstummt, gemeinsam mit seiner Mutter, die seine vier älteren Brüder verloren hatte.

Diese kleine Episode sagt viel über den Humor des Kölner Schriftstellers, einen Humor, der so wahrhaftig wirkt, weil er sich ohne Effekthascherei ganz nah am selbst Erlebten entzündet.

Anlass, im fast ausverkauften Osnabrücker Theater kurz seine Kindheitsgeschichte zu resümieren, gab ihm sein neues Buch „Was ich liebe und was nicht“, das er nun als letztes eines siebenjährigen autobiografischen Schreibprojektes vorstellte. Er erzählte kurz von seiner „sonderbaren Beherrschung der Sprache“, zu der er erst wieder während der Schulzeit mit Hilfe seines Vater gekommen war und von der alle Bücher handeln, die er seit 2009, dem grandiosen Auftakt mit dem Roman „Die Erfindung des Lebens“ geschrieben hat. Geschrieben als Selbstbefragung im Sinne Montaignes und Roland Barthes.

Sehnsucht nach Statik

Aus dem letzten Buch dieses Selbstbefragungsprozesses las er beim gemeinsam von Dombuchhandlung und Osnabrücker Theater veranstalteten „Literaturspot“. Zuerst sprach er von seiner lebenslangen Sehnsucht nach dem „Wohnen“ als etwas Statischem, das eigentlich keine Veränderung und nichts Fremdes duldet, sondern möglichst ohne Störung „geduldig den Faden des Lebens fortspinnt“ – ein Relikt aus seiner westerwäldischen Großelterngeneration.

Dann las er aus den „mobileren“ Buchkapiteln, denen des Reisens mit Auto, Zug oder Flugzeug. In denen seine geliebten „Epiphanien der Stille“ etwa im Großraumwagen eines Intercity-Expresses allerlei skurrile Unterbrechungen erfahren. Er erheitert sein Publikum mit allzu redseligen Zugführer-Durchsagen oder dem lauten Dauertelefonierer, dessen ja für die Öffentlichkeit gedachtes Gespräch er gern mal mitschneidet und noch einmal laut abspielt, auf empörte Nachfrage des Störenfrieds als angeblich als authentisches Live-Material für ein Radio-Hörspiel.

Inseln der Freiheit

Wenn ein so zutiefst menschlicher, fein und genau wahrnehmender Autor wie Hans-Josef Ortheil sich über die gefräßige Unkultur an Hotel-Frühstücksbüffets ärgert, dann glaubt man ihm das. Als einem, der sich sonst aus jeder sich noch so misslichen Situation, etwa einem einstündigen Stellwerk-Problem der Bahn, eine Insel der inneren Freiheit und des Genusses verschafft – mit Portwein, kandiertem Ingwer und der Illusion einer Portugal-Reise. Einem, der Sprache und die Gesprächskultur so liebt wie er, nimmt man auch den Hass auf eine der unnatürlichsten Gesprächssituationen, das Interview, ab, und seinen Partisanenstrategien dagegen, mit denene er amüsierte.

Mit herzlichem Applaus dankte ihm das Publikum für seinen köstlichen Humor .


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