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Mohammed A. in einer neuen Welt Der erste Flüchtling an der Hochschule Osnabrück


Osnabrück. Mohammed A. aus dem Sudan hat geschafft, wovon 100 Flüchtlinge, die in Osnabrück als Gasthörer eingeschrieben sind, nur träumen: Zwei Syrer und er sind im Wintersemester 2016/17 nach Angaben von Uni und Hochschule Osnabrück als erste Flüchtlinge in der Geschichte der Friedensstadt als ordentliche Studenten aufgenommen worden.

Zunächst einmal unterscheidet Mohammed A. von den anderen Flüchtlingen sein gutes Deutsch. Der 25-Jährige mit der Wollmütze, einem kurzärmligen afrikanischen Shirt und einer Kette mit Löwenanhänger sagt aber auch: „Am wichtigsten ist mein Nebenjob für mich.“ Seine Nachtschichten als Lagerarbeiter bei einem Paketdienst ermöglichen ihm das Mechatronik-Studium. „Das Problem ist: Ich bekomme kein Bafög, weil ich im Sudan schon Maschinenbau studiert habe. Damit kann ich hier aber nichts anfangen. Deshalb spezialisiere ich mich auf Mechatronik, weil ich mich für Robotertechnik und künstliche Intelligenz interessiere.“ Für etwas Erleichterung sorgt ein von der Caritas gestiftetes Deutschlandstipendium, wodurch er zusätzlich 300 Euro pro Monat bekommt.

Große Hürde Studienfinanzierung

Die Leiterin des Zentrums für internationale Studierende an der Hochschule, Kerstin Frodl, weiß: „Die Studienfinanzierung ist hier die große Hürde. Wie er das schafft, das ist wirklich sehr beeindruckend.“ Auch bei den beiden Syrern erkennt sie eine sehr große Motivation, „weil sie die Hochschule als ihre Zukunft und als zweite Chance ansehen.“ Die Arbeit hat Mohammed A. nur mit Zustimmung der Ausländerbehörde bekommen. „Das war ein langer, komplizierter Prozess“, erinnert sich der Sudanese. Selbst wenn ein Asylantrag bewilligt ist, haben Flüchtlinge das Problem, dass ab Studienbeginn alle Leistungen vom Sozialamt gestrichen werden. Frodl weiß: „Wir werden noch viel lernen und viele Beratungsgespräche führen müssen.“ Dass Flüchtlinge kaum staatliche Unterstützung erfahren, um ein Studium in Deutschland aufzunehmen, hält sie nicht für tragbar: „Politisch muss nachgearbeitet werden. Es muss deutlich mehr Unterstützung für hochqualifizierte Flüchtlinge geben.“

Zweite Barriere Sprache

Die zweite große Barriere ist laut Koordinatorin für Flüchtlinge an der Uni Osnabrück, Dr. Sabine Bohne, die Sprache. Die mangelnden Deutschkenntnisse verhindern es in der Regel, dass die Geflüchteten den Mut haben, sich für ein Studium einzuschreiben. Daher bieten Uni und Hochschule ein gemeinsames Studienvorbereitungsprogramm für Flüchtlinge an. Es beinhaltet Deutschkurse, Einführung in wissenschaftliches Arbeiten, ein Seminar zur Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen, zu Politik und zu Rechten in Deutschland. Zudem werden mehrere Intensivsprachkurse für höherqualifizierte Geflüchtete angeboten. Frodl rechnet vor: „Um vom Sprachniveau B 1 auf C 1 zu kommen, das zur Aufnahme eines Studiums berechtigt, setzen wir 12 Monate mit Intensivsprachkursen an.“ Da an dieser Studienvorbereitung aktuell rund 50 Geflüchtete teilnehmen, rechnet sie damit, dass viele von ihnen sich im Wintersemester 2017/2018 einschreiben. „Mit Mohammed und den beiden Syrern, die es jetzt schon selbstständig geschafft haben, werden auch wir bis dahin noch viel lernen.“

Deutsch parallel zum Studium im Sudan gelernt

Mit einigen Fachbegriffen hat zwar auch der Mechatronik-Student Mohammed A. noch zu kämpfen, doch viele Hochschul-Mitarbeiter wie etwa Kerstin Frodl helfen ihm und zur Unterstützung werden Tutorien angeboten. Bereits vor anderthalb Jahren sprach er Deutsch auf einem guten sogenannten „B1-Niveau“. Nach einem Intensivsprachkurs hatte er ein Jahr später das C1-Sprachniveau erreicht, das zur Aufnahme eines Studiums berechtigt. Er hatte bereits 2011 in seiner Heimat angefangen, die Sprache zu lernen und 2014 ein Stipendium vom Goethe-Institut bekommen, um einen vierwöchigen Deutsch-Sprachkurs in München zu belegen. In seiner Heimat hatte er Deutsch parallel zum dort abgeschlossenen Maschinenbau-Studium gelernt: „Sprachen machen mir einfach Spaß“, sagt er.

Hohe Fachkompetenz, flache Hierarchien

Mohammed A. schätzt an der Hochschule einerseits die hohe Fachkompetenz der Dozenten und andererseits die flachen Hierarchien. „Man begegnet sich hier auf Augenhöhe und darf auch Fragen stellen. Es gibt sogar eine Mensa, in der Professoren und Studenten zusammen essen. Das wäre im Sudan undenkbar gewesen und war strikt getrennt.“

Engagement für Menschenrechte ließ ihn um sein Leben fürchten

Seinen Namen will Mohammed A. öffentlich nicht preisgeben. Er hat Angst vor dem Regime, das ihn verfolgt, weil er sich in Khartum, der Hauptstadt der Republik Sudan, für Menschenrechte eingesetzt hat. Sein soziales Engagement brachte ihm so viel Ärger ein, dass er um sein Leben fürchtete und flüchtete. Ein Drittel des Sudans ist Kriegsgebiet. Seit mehr als 20 Jahren regiert der Präsident Omar al-Bashir, dessen Machtbefugnis fast unbeschränkt ist. Der Staatschef wird wegen Massakern in der Region Darfur mit Haftbefehl vom Haager Strafgerichtshof gesucht.

Studium hilft, nicht an Vergangenes denken zu müssen

Hier möchte Mohammed A. so wenig wie möglich über die bedrückende Vergangenheit im Sudan sprechen und blickt lieber voraus. Darauf, was er sich in Osnabrück selbst erarbeitet hat und was ihm hilft, nicht an Vergangenes denken zu müssen: Auf sein Studium.


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