Vis-à-vis im Theater Osnabrück Katharine Sehnert sprach über Mary Wigman

Von Christine Adam

Mit Charme und ausdrucksvoller Gestik ihrer Hände: Katharina Sehnert im Theater Foto: Thomas OsterfeldMit Charme und ausdrucksvoller Gestik ihrer Hände: Katharina Sehnert im Theater Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Die Mary-Wigman-Schülerin und Choreografin Katharine Sehnert sprach beim „Vis-à-vis“ im Osnabrücker Theater über die berühmte Ausdruckstänzerin und das kulturelle deutsche Leben zwischen 1910 und 1920.

Das Vis-à-vis im Ballettsaal des Osnabrücker Theaters erwies sich einmal wieder als ein Juwel für Tanz-Informationen aus erster Hand. Die Mary-Wigman-Schülerin und Choreografin Katharine Sehnert hielt einen spannenden Vortrag über die berühmte Ausdruckstänzerin und das kulturelle deutsche Leben zwischen 1910 und 1920. Anlass dazu gibt die vom Tanzfonds Erbe unterstützte Rekonstruktion der beiden Wigman-Totentänze von 1917/21 und 1926, die das Theater gerade vornimmt. Premiere wird im Februar 2017 sein. Katharine Sehnert bildet mit den Choreografinnen Henrietta Horn und Susan Barnett wieder das Rekonstruktionsteam, nachdem sie 2013 schon gemeinsam Wigmans „Le Sacre du Printemps “ erfolgreich zum Leben erweckt haben.

Großherziger Mensch

Sehnert studierte allerdings erst zwischen 1955 und 1963 bei Wigman in Berlin. Und beschreibt ihre damalige Lehrerin neben „ihrem Humor, ihrer Intelligenz, ihrem Wissen und ihrer humanitären Haltung“ eben auch als „sehr, sehr großherzig“. Sehnert selbst stammte aus dem Osten, hatte kein Geld und bekam, ohne es gleich zu realisieren, eine Blinddarmoperation bezahlt. Von Mary Wigman, die selbst kaum Geld besaß. Die wiederum saugte 30 Jahre früher den Geist von Expressionismus, Surrealismus, Dada, afrikanischer Kunst und vor allem Friedrich Nietzsches auf, den sie verehrte. Als „Aufschwung in die kosmische Entgrenzung“ nennt Sehnert das, wofür Wigman ihren für eine Frau ungewöhnlich kraftvollen Körper zur Einheit von Ausdruck und Form trainierte.

„Das Schwingen war das Entscheidende für sie“ erinnert sich ihre Schülerin. Bewegung anspannen und wieder lösen wurde bestimmend für ihr Bewegungsvokabular. Ihr Polaritätsprinzip aus sich öffnen, entfalten und sich zurückziehen und schließen war damals absolut neu im Tanz ist heute selbstverständlich.

Ekstase des Drehens

Als neu bezeichnet Sehnert auch, dass Wigman die zentrale Ausrichtung auf die Zuschauer durchbrach. „Sie liebte das Drehen und seine ekstatische Wirkung“. Demnach stand minutenlanges Drehen um die eigene Körperachse bei Wigman für das Sterben, den Tod. Den Tod verstand sie aber nicht als das Ende, sondern als Teil des Kreislaufes von Aufbau und Abbau. Als Weltgehalt begriff sie Harmonie und Dämonie. Daraus entwickelte sie ihre Varianten des Grotesken, vor allem für die Totentänze. Sehnert erklärt: Überbetonung von Spannung ergibt Dämonisches, Verquältes, Überbetonung der Entspannung das Gehetzte, Flüchtige, Gespenstische, das man von Wigman kennt ¨– und aus Ernst Ludwig Kirchners Tanzskizzen, die der Künstler bei Totentanz-Proben zeichnete. Auch sie helfen bei der Rekonstruktion, zumal keine konkreten Bewegungsansätze überliefert sind.

Als echte Herausforderung für die Osnabrücker Dance Company beschreibt Sehnert auch Wigmans Totentanz-Masken, die die Osnabrücker Maskentechnik gerade so bewundernswert aus modernen Materialien rekonstruiere. Maske und Gesicht müssten eins werden beim Tanz – „ein schwieriger Identifikationsprozess“. Auch für die Musik zu „Totentanz I“ und „Totentanz II“ gibt es nur vage Anweisungen. Doch der Orchestermusiker Frank Lorenz komponiere eine Live-Musik für Schlagzeugorchester für den zweiten Totentanz


0 Kommentare