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„Killer-Gesetz“ Wissenschaftliche Mitarbeiter der Osnabrücker Hochschulen klagen über kurze Vertragslaufzeiten

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Die Abschaffung der Studiengebühren wird nach Meinung von Professor Jürgen Hesselbach nicht zu einem Ansturm auf die niedersächsischen Hochschulen führen. Foto: dpaDie Abschaffung der Studiengebühren wird nach Meinung von Professor Jürgen Hesselbach nicht zu einem Ansturm auf die niedersächsischen Hochschulen führen. Foto: dpa

Osnabrück. Ein Café in der Nähe der Uni Osnabrück. Gesprächstermin mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist 41 Jahre alt und Vater, wurde mit Bestnote promoviert, hat eine beeindruckende Publikationsliste und gilt in seinem Fachgebiet als internationaler Experte. Wirklich angekommen ist er im Wissenschaftsbetrieb dennoch nicht. Denn der wird bestimmt von befristeten Verträgen, deren Verlängerung per Gesetz begrenzt ist.

Wissenschaftszeitvertragsgesetz oder: „das Killer-Gesetz“, wie es der Dozent nennt. Hinter diesem sperrigen Wort verbirgt sich Folgendes: Wissenschaftliche Mitarbeiter dürfen an einer Hochschule nur bis zu sechs Jahren befristet beschäftigt werden. Nach einer Promotion sind weitere sechs Jahre zulässig, dann muss eine unbefristete Stelle folgen. Das Problem: Feste Stellen gibt es kaum mehr im Wissenschaftssystem. 87 Prozent des wissenschaftlichen Personals an deutschen Hochschulen arbeiten auf befristeten Stellen. Eine Untersuchung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von 2011 ergab, dass die Hälfte dieser Zeitverträge eine Laufzeit von weniger als einem Jahr hat.

Wie ein Bericht des Nachrichtenmagazins „Monitor“ zeigte, sind wissenschaftliche Mitarbeiter sogar häufig dazu getrieben, gegen das Gesetz zu verstoßen: In der Zeit zwischen zwei Zeitverträgen melden sie sich nämlich arbeitssuchend, beantragen jedoch in dieser Zeit ein neues Projekt und arbeiten dabei weiter für die Hochschule – erhalten aber gleichzeitig Arbeitslosengeld.

„Uns sind solche Fälle bekannt. Auch sie sind Folge der kurzen Arbeitsverträge“, sagt Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Situation drastisch verschlechtert“, sagt Keller. War damals das Verhältnis unbefristeter zu befristeter Vertrag eins zu fünf, so ist es nun eins zu acht.

„Niemandem, den ich mag, kann ich guten Gewissens empfehlen, eine Promotion anzustreben“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni Osnabrück. „Man muss für eine wissenschaftliche Karriere nicht nur leidenschaftlich, sondern auch sehr leidensbereit sein, und ich meine nicht das Leid, das zur Wissenschaft ohnehin dazugehört.“ Und nein, die geringe Bezahlung meint er auch nicht. „Es geht nicht darum, viel Geld zu verdienen, es geht um ein Mindestmaß an Planungssicherheit, Perspektive und um das Recht, seinen Beruf ausüben zu dürfen.“

Das seit 2007 geltende Wissenschaftszeitvertragsgesetz komme einer Art Berufsverbot gleich und ist ein Verbrennen von Wissen. Immer mehr hoch qualifizierte Wissenschaftler sind durch das Gesetz davon bedroht, aus ihrem Wirkungsfeld ausgeschlossen zu werden. Und diese Bedrohung betrifft zugleich die Qualität der Lehre. Ein guter Dozent, der gerne Lehre betreibt, darf nämlich nicht einfach ein guter Dozent sein – er muss nach Höherem streben, um nicht aus dem Wissenschaftsbetrieb zu fallen. „Historisch ist unser System anders als alle anderen Systeme auf die Habilitation ausgerichtet“, sagt Andreas Keller.

Gute akademische Lehre bleibt auf der Strecke, was zählt, ist „Forschungs-Output“. „Die Qualität der Forschung leidet aber auch. Aufgrund des enormen Publikationsdrucks in der Qualifikationsphase schreiben die Leute immer mehr, lesen und reflektieren aber immer weniger. Gute Forschung braucht Zeit und keine Existenzängste“, sagt der Osnabrücker Wissenschaftler.

Zudem glaubt er, dass ein Zusammenhang zwischen der Inflation der guten Noten, die in den vergangenen Wochen in der Presse kritisiert wurde, und dem niedrigen Stellenwert der Lehre besteht: „Gute Noten sind eine Art Kompensation“, meint der Dozent. „Außerdem verringert das den Korrekturaufwand, und gute Noten werden auch nicht hinterfragt.“ Also keine lästigen Diskussionen mit Studenten; das spart Zeit. Ebenfalls wichtiger als gehaltvolle Seminarstunden sind für die Bewerbung die Evaluationsbögen, die die Studenten am Ende des Semesters ausfüllen. Dabei sei es leicht, eine gute Bewertung zu erhalten, meint der Uni-Mitarbeiter: „Nicht zu hohe Anforderungen, nicht zu viel Leseaufwand. Und ein bisschen lustig sollte man sein.“

Wozu dieses irre System? Andreas Keller von der GEW nennt als Antwort: Drittmittel. Wissenschaftliche Projekte, die vom Bund oder den Ländern, der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder der Exzellenzinitiative gefördert werden, spielen an deutschen Hochschulen eine immer größere Rolle. Diese Projekte sind zeitlich gebunden, und die Zeitverträge der wissenschaftlichen Mitarbeiter machen es möglich, diese flexibler von einem Projekt zum nächsten zu versetzen. Promovierende als Verschiebemasse.

Tatsächlich gibt es die Zwölfjahresregel schon länger als das Zeitvertragsgesetz, doch hat es die Lage verschärft; wer an einem Drittmittelprojekt mitarbeitet, kann nämlich noch länger befristet beschäftigt werden. Ebenso Wissenschaftler mit Kindern. Die Zeit des Prekariats dauert also an, der Ausstieg wird immer schwerer.

Geschafft hat ihn Christina Groll. In Münster bietet die Physiotherapeutin eine Segeltherapie an. Der Hochschule Osnabrück steht sie weiterhin als Lehrbeauftragte zur Verfügung. Dabei hatte sie zuletzt einen Zweijahresvertrag als wissenschaftliche Mitarbeiterin – immerhin. Ein Anschlussprojekt gab es allerdings nicht, von der Hochschule sei wenig Unterstützung in Sachen Promotion gekommen. „Mir fehlten hier einfach die Perspektiven“, sagt Groll. Und da sie ohnehin mit dem Gedanken gespielt habe, sich selbstständig zu machen, gab sie – zumindest vorerst – ihre wissenschaftliche Karriere auf.

„Genau das ist unsere Befürchtung“, sagt Andreas Keller: Gute Wissenschaftler gehen ins Ausland oder lassen sich gar nicht erst auf den steinigen Weg zur Habilitation ein. „Aber wir sehen auch positive Ansätze“, sagt der Gewerkschafter. In ihrem „Templiner Manifest“ hat die GEW eine Reform von Personalstruktur und Berufswegen in Hochschule und Forschung gefordert. Und tatsächlich haben einige – vor allem technische – Hochschulen Punkte dieses Manifests bereits umgesetzt. Und dass es auch anderes geht, zeigen schließlich auch europäische Nachbarländer: in Schweden, Großbritannien, Frankreich oder den Niederlanden ist eine unbefristete Anstellung als Hochschullehrer nach einer Probezeit üblich. Auch hier ist das Gehalt zunächst mäßig, doch es gibt die Möglichkeit, zum Senior-Lecturer oder Professor aufzusteigen.


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