Gedenkstätten an Unfallorten Wegekreuze im Landkreis Osnabrück als wilde Trauerstätten

Von Thomas Achenbach



Osnabrück In diesen Tagen ist er wieder unterwegs zu all den Orten, an denen junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren bei Autounfällen gestorben sind: der Fotograf des Landkreises Osnabrück. Seine Aufgabe: Die dort entstehenden wilden Trauerstätten mit ihren Wegekreuzen und Gedenkkerzen zu dokumentieren. Nicht etwa für ein Aktenarchiv, sondern für eine öffentliche Ausstellung, die seit zehn Jahren durch die Schulen und Bildungseinrichtungen des Landkreises zieht. Und die damit ein größeres Thema behandelt.

„Der Unfallort ist immer ein verletzter Ort und zeigt, dass das Unfassbare tatsächlich geschehen ist“ – so formulierte es die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin Prof. Christine Aka 2010 in einem Beitrag für eine rheinländische Zeitschrift. Die Wissenschaftlerin hatte zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht: „Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag. „Die Geschichte des Unfalls ist in den Ort eingeschrieben“, schrieb sie. Soziologisch gesehen ist das Thema von großem Interesse, weil das Phänomen der Unfallkreuze weiter um sich greift, wenn auch bislang kaum erforscht – weswegen der Landkreis hier auch in dieser Hinsicht Pionierarbeitet leistet. Und weil die Angehörigen ebendort, am Ort des Geschehens, einem Begreifen des Unfassbaren näherkommen könnten, erfüllten die wilden Trauerstätten dort eine wichtige Funktion auch im Sinne der Trauerarbeit, schrieb Aka weiter.

Blumen, Kreuze, Grablichter, Stofftiefe, Schmuck und mehr

Das kann Manfred Motzek vom Landkreis Osnabrück als Initiator der Ausstellung zum Thema nur bestätigen: „Die Orte entwickeln sich nachträglich zu einer Art eigener Gedenkstätte“. Kreuze, Grablichter, Schmuck, Stofftiere und mehr wird dort abgelegt, teils sogar fest installiert. Einem Erlass des Landesverkehrsministeriums zufolge sollen diese Trauerstätten solange geduldet werden, solange sie den Verkehr nicht beeinträchtigen, berichtet Motzek.

Die Polizei darf auch mal was „übersehen“

Das bestätigt auch der für die Diözese Osnabrück zuständige Notfallseelsorger Ludger Pietruschka: „Es gibt durchaus ,Dauerstellen‘, wo schon Kreuze aus Edelstahl befestigt sind. Die Polizei ,übersieht‘ diese Stellen regelmäßig gemeinsam mit den Straßenverwaltungen, solange sie nicht zu nahe an der Landstraße oder auf den Haltestreifen der Autobahn stehen.“ (Weiterlesen: Trauerkultur im Wandel - aktuelle Trends )

Pflege-Intensität wie bei einer Grabstätte

In die geschaffenen Trauerstätten wird viel Mühe und Zeit investiert –und das teils über Jahre oder Jahrzehnte hinweg: „Die Pflege-Intensität ist wie bei einem Grab auf einem Friedhof“, sagt Manfred Motzek.

Nur Unfallbeteiligte zwischen 18 und 25 werden dokumentiert

In den Berufsbildenden Schulen Melle gerade abgehängt, sind die derzeit 20 Bildtafeln der Ausstellung „Straßenkreuze gegen das Vergessen“ wieder beim Kreishaus eingelagert, wo die gesamte Schau erneuert und aktualisiert wird, bevor sie wieder zur Verfügung steht. Mehr als zehn Jahre ist es jetzt her, dass der Präventions-Profi Manfred Motzek die Idee hatte, die vielen Straßenkreuze überall im Landkreis in dieser Form zu dokumentieren. Nur junge Unfallbeteiligte zwischen 18 und 25 Jahren werden dabei berücksichtigt. Aus zwei Gründen: Erstens gibt es eine entsprechende Alterskategorie in den Polizeistatistiken. Zweitens ist in diesem Altersumfeld die Gefahr eines tödlichen Unfalls besonders hoch. Ein viel zitiertes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Horror-Unfall aus dem September 2013, bei dem im Dissener Ortsteil Erpen vier junge Menschen starben und drei, teilweise schwer, verletzt wurden.

Ein bis drei Schüler pro Schuljahr als Verkehrstote - allein an der BBS Melle

Claus Dötzer und Edda Kröger von den Berufsbildenden Schulen Melle kennen solche und ähnliche Fälle. Ein bis drei Schüler pro Schuljahr sterben ihren Worten zufolge bei Verkehrsunfällen. Deswegen sind der stellvertretende Schulleiter und die Diplom-Sozialpädagogin froh darüber, dass an nahezu allen Schulen inzwischen Krisen-Interventionsteams und Präventionsteams installiert sind, die in einem solchen Fall rasch eingreifen können.

Auch ein krasses Theaterstück gehört zur Präventionsstrategie

Die Plakatausstellung war dementsprechend bereits zum dritten Mal im Haus. Sie wird inzwischen übrigens als Teil eines Gesamtkonzeptes im Sinne der Unfallprävention genutzt, zu dem auch das Theaterstück „Abgefahren – wie krass ist das denn“ gehört, das Jugendliche unmittelbar mit echten Angehörigen und den Rettungskräften konfrontiert, die selbst vor Ort gewesen sind und ihre Erfahrungen schildern. Auch der Dissener Horror-Unfall war Thema in dieser Inszenierung. (Weiterlesen: Trauer ins Fließen bringen - was kann Trauerbegleitung? )

Vor zehn Jahren: Pro Woche ein tödlicher Unfall

Allen Schreckensmeldungen zum Trotz habe sich die Lage bereits entspannt, wie Manfred Motzek sagt. Als die Ausstellung 2005 erstmals gezeigt wurde, war es schlimmer: „Da konnten wir fast davon ausgehen, dass pro Woche ein tödlicher Unfall geschieht“. Das ist nicht mehr so. Auch, weil mittlerweile das begleitete Fahren eingeführt worden ist, das den Fachleuten zufolge viel gebracht hat.

Rund um Glandorf: Jede Menge Straßenkreuze

Dennoch ist immer wieder zu beobachten: Je breiter die Straße und je weniger befahren, desto größer die Gefahr. So beispielsweise die B 51 vor und hinter Glandorf: Jede Menge Kreuze am Straßenrand. Wilde Trauerstätten. Mit viel Liebe gepflegt. (Weiterlesen: Der Tod verliert sein Tabu )


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