Wenn das Mutterglück ausbleibt Wie eine Osnabrücker Mutter ihre Wochenbettdepression überwand

Heultage kennen wohl die meisten frischgebackenen Mütter. Doch wenn aus dem Stimmungstief eine Depression wird, brauchen Mütter professionelle Hilfe. Foto: colourbox.deHeultage kennen wohl die meisten frischgebackenen Mütter. Doch wenn aus dem Stimmungstief eine Depression wird, brauchen Mütter professionelle Hilfe. Foto: colourbox.de

Osnabrück. Niklas war ein absolutes Wunschkind. Doch als er geboren wird, empfindet seine Mutter kein Mutterglück, sondern nur Druck und Erschöpfung. Die Osnabrückerin erzählt, wie sie ihre Wochenbettdepression erlebt hat.

„Nein, du bleibst jetzt da“, hat ihr Mann mit tränenerstickter Stimme am Telefon gesagt, „du ziehst das jetzt durch und kommst nicht wieder.“

Melanie H.* sitzt in diesem Moment auf ihrem Zimmer auf der Psychiatriestation in Münster. Ihr Sohn ist knapp drei Monate alt.

Schwierige Schwangerschaft

Niklas* war ein absolutes Wunschkind. Melanie H. ist 29 Jahre alt, glücklich liiert und arbeitet als Heilerziehungspflegerin in einer Osnabrücker Tagesbildungsstätte, als sie schwanger wird. Alle scheint perfekt – bis zur zwölften Woche. „Da wurde festgestellt, dass Niklas‘ Nieren nicht richtig arbeiten“, erzählt sie. Alle paar Wochen muss sie zur Feindiagnostik ins Klinikum Osnabrück. In der „humangenetischen Beratung“ werden sie über mögliche Erkrankungen aufgeklärt, die Rede ist auch von einem Blasenkatheter, der in den ersten drei Lebensmonaten nötig wäre. „Meine Ängste waren damals größer als meine Vorfreude auf das Kind“, erinnert sich die heute 32-Jährige. „Wir wussten einfach nicht, was da auf uns zu kommt.“ Dennoch näht sie Babykleidung und eine Krabbeldecke. Träumt von den ersten kuscheligen Wochen mit Kind.

Eine tolle Geburt

Vier Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin zeichnet sich ab, dass Niklas ein recht großes Kind wird. Da zudem der Muttermund leicht geöffnet ist, raten die Ärzte dazu, die Geburt einleiten zu lassen. „Die Einleitung zog sich dann über fünf Tage“, erzählt die Melanie H. Drei Tage verbringen sie und ihr Mann im Familienzimmer, hören im Kreißsaal andere Gebärende schreien, fahren schließlich entnervt wieder nach Hause, kurz darauf geht es dann wirklich los. „Die Geburt an sich war dann richtig toll“, sagt sie. „Das erzähle ich auch immer wieder gerne. Mein Mann war so toll, die Hebamme war so toll, einfach die ganze Geburt.“ Und das Tollste: Kaum ist Niklas auf der Welt, pinkelt er seine Mutter gleich zweimal an. Die Nieren funktionieren.

Von Anfang an unter Druck

Da nachts kein Familienzimmer frei ist, fährt ihr Mann wieder nach Hause. Melanie H. bleibt alleine mit dem Neugeborenen im Zimmer. „Ich war todmüde, konnte aber vor Anspannung nicht schlafen.“ Kaum war ihr Kind auf der Welt, habe sie sich einen enormen Druck gemacht. Trotz Schmerzen von der Geburt und größter Müdigkeit will sie sofort alles selbst machen, Windeln wechseln, Niklas umziehen und natürlich stillen. Auf Schwestern, die ihr raten, doch mit der Flasche zuzufüttern und ihr Baby auch einmal abzugeben, um schlafen zu können, will sie nicht hören. „Irgendwann habe ich nur noch geheult.“ Für das Krankenhauspersonal kein seltener Anblick: Die meisten Frauen leiden in den ersten Tagen nach der Geburt am „Baby Blues“. (Weiterlesen: Meller Hebamme gibt Rat bei Wochenbettdepression)

Baby Blues oder Depression?

„25 bis 50 Prozent der Mütter leiden in den ersten Tagen an einer depressiven Verstimmung, am sogenannten Baby Blues“, sagt Maria Strauß, Leiterin der Ambulanz für Affektive Störungen und ADHS im Erwachsenenalter des Universitätsklinikums Leipzig. Doch während der Baby Blues nach kurzer Zeit wieder verfliegt, hält eine sogenannte postpartale Depression, die rund 10 bis 20 Prozent der Frauen trifft, deutlich länger an und muss professionell behandelt werden. Eine unbehandelte Depression sei gefährlich für den Patienten, sagt Strauß, denn der Leidensdruck sei sehr hoch, und es bestehe die Gefahr, dass sich die Patienten etwas antun.

Panik, dass er aufwacht

Mit Milchstau und Fieber fährt Melanie H. nach Hause. Niklas schläft schlecht und weint auch tagsüber viel. Oft fährt die Osnabrückerin nachts mit dem Auto ziellos durch die Stadt, damit Niklas in den Schlaf findet. Dazu ständige Termine: Die Nieren müssen im Kinderhospital kontrolliert werden, das Baby muss zum Kinderorthopäden und zur Kinderkrankengymnastik. „Es hieß, Niklas habe Blockaden und er sei deshalb so unruhig gewesen“, sagt Melanie H. Zu einem wirklichen Schlaf- und Wachrhythmus habe Niklas so jedenfalls nicht gefunden. Dazu noch ständiger Besuch. „Ich war immer angespannt, wollte alles perfekt machen, stand ständig unter Strom“, sagt die 32-Jährige. Dennoch habe sie noch ein großes Kindpinkeln mit Freunden und Familie veranstaltet, um zu zeigen: Läuft alles super. Sogar über Frühförderung habe sie sich bereits Gedanken gemacht. Irgendwann geht Melanie H. die Puste aus. Sie geht kaum noch vor die Haustür, igelt sich völlig ein. „Was willst du denn noch von mir?“, fragt sie ihren Sohn, als der stündlich gestillt werden will. „Ich wollte nur noch, dass er schläft, und bekam Panik, dass er aufwacht und ich wieder stillen oder irgendwas machen muss.“ Aggressiv sei sie ihm gegenüber nie gewesen, stattdessen habe sie ständig Angst gehabt, dass etwas mit Niklas nicht stimmen könne. (Weiterlesen: Selbsthilfegruppe für depressive Mütter in Ankum)

Zwangsgedanken

Eine übertriebene Angst, dass dem Kind etwas passieren könnte, sind ebenso typisch für postpartale Depressionen wie die Unfähigkeit, das Kind zu lieben, sagt Maria Strauß. Statt die Zeit mit dem Baby zu genießen, hätte die Mutter Schuldgefühle, dass sie nicht so fühle, wie eine Mutter wohl fühlen solle. „Die Frauen bilden sich ein, schlechte Mütter zu sein, und entwickeln häufig Zwangsgedanken.“ Sie malen sich aus, dass sie ihrem Kind etwas Schlimmes antun könnten. „Diese Zwangsgedanken haben keine Handlungsrelevanz, so gut wie nie kommt es dazu, dass depressive Mütter ihren Kindern tatsächlich etwas antun“, sagt Strauß. Doch die Tatsache, dass sie sich überhaupt solche Gedanken machen, quält die Mütter.

Seelisches Wrack

Der Zusammenbruch kommt an einem Morgen, an dem eigentlich Babykrankengymnastik auf dem Plan gestanden hätte. Melanie H. lässt den Termin einfach sausen. „Ich war ein seelisches Wrack. Alles, was von da an geschah, habe ich wie in Trance erlebt.“ Sie ruft ihre Hebamme an, informiert ihre Ärztin. Gemeinsam mit ihrer Schwester fährt sie ins Franziskushospital. Melanie H. weiß, was mit ihr los ist, denn es ist nicht ihre erste Depression.

Viele Mütter vorbelastet

„Frauen, die eine postpartale Depression entwickeln, sind häufig Frauen, die ohnehin unter Depressionen leiden“, sagt Maria Strauß. Hormonschwankungen nach der Geburt sowie Überforderung durch die völlig neue Situation könnten aber auch bei Frauen, die noch nie eine Depression erlebt haben, selbige auslösen, sagt die Neurologin. Im Übrigen gebe es auch Väter, die nach einer Geburt unter Depressionen leiden. Dabei unterscheide sich eine postpartale Depression in ihren Symptomen nicht von anderen depressiven Episoden – und genau wie die seien sie sehr gut behandelbar. (Weiterlesen: „Komm lieber Tod“- Youtubeserie aus Osnabrück über Depression)

Mit Kind auf der Station

„Anders als bei vorherigen Episoden hatte ich ja jetzt noch die Verantwortung gegenüber Niklas“, sagt Melanie H. Einfach abstillen und in die Klinik gehen? Unmöglich. Melanie H. versucht es mit einer ambulanten Therapie und Antidepressiva – und scheitert. Schließlich lässt sie sich doch ins Ameos-Klinikum einweisen, kümmert sich jedoch gleichzeitig um einen Klinikplatz in Münster, weil sie dort ihr Kind mit aufs Zimmer nehmen könnte. „Meinen 30. Geburtstag habe ich dann in der Klapse gefeiert“, erzählt sie und lacht. „Heute kann ich darüber lachen.“

Mit Baby in der Psychiatrie

Dreieinhalb Wochen bleibt sie im Ameos in Osnabrück, danach geht es nach Münster. Anders als erwartet findet sich die 32-Jährige auf einer normalen Psychiatriestation wieder – nicht auf einer Station speziell für Eltern. „Da bin ich dann völlig ausgeflippt.“ Sie greift zum Telefonhörer, ruft ihren Mann an, erzählt von einer anderen guten Klinik, von der sie gehört habe, erzählt, dass sie es doch ambulant versuchen wolle, erzählt viel, bis er sie schließlich stoppt. Und deutlich sagt, dass sie das jetzt durchziehen muss. Von da an geht es bergauf. Zwei Monate lang bleibt sie mit Niklas in der Klinik. Dann geht es zurück nach Hause.

„Ich habe gelernt, besser auf mich selbst aufzupassen, meine Grenzen besser auszuloten und mich selbst auszubremsen. Ich weiß jetzt, dass es Niklas gut geht, auch wenn ich gerade einmal nicht da bin, und dass der Haushalt auch mal liegen bleiben kann“, sagt Melanie H. Zu Hause hängt sie kleine Zettel auf: „Einen Schritt zurück“, steht auf ihnen. Regelmäßig geht Melanie H. zum Yoga und immer noch zur ambulanten Therapie. Dass so viele Frauen Hemmungen haben, offen mit ihrer Depression umzugehen, findet sie schrecklich. „Das Kind leidet, wenn eine Depression nicht erkannt wird“, sagt sie. Inzwischen ist Niklas zwei Jahre alt und geht in den Kindergarten. Melanie H. arbeitet wieder. Das Familienleben hat sich eingespielt.

* Namen von der Redaktion geändert.

Weiterlesen: Adele spricht offen über Depressionen


Postpartale oder postnatale Depression?

Mit den Begriffen „postpartale“ oder „postnatale“ Depression ist im Grunde dasselbe gemeint – eine Depression, die nach der Geburt, also während des Wochenbetts, auftritt. Allerdings ist der Begriff „postnatal“ nicht ganz korrekt, da er sich anders als postpartal (lat. partus: Geburt, Entbindung) auf das Neugeborene bezieht (lat. natus: geboren) – aber es ist ja nicht das Baby, sondern die Mutter, die unter einer Depression leidet.

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