Showdown am Johannistorwall in Osnabrück Als Geiselgangster am Neumarkt Geldscheine aus dem Auto schmissen

Von Sven Kienscherf


Osnabrück. Es war ein Dienstagmorgen im Mai 1995, als in der Osnabrücker Innenstadt Geldscheine aus einem rostbraunen Golf flatterten. Geschmissen wurden sie von zwei Gangstern, die eine fünfzigstündige Irrfahrt durch Niedersachsen hinter sich hatten. Wenig später sollte es in der Hasestadt zum Showdown kommen.

  • Im Mai 1995 nahmen zwei Geiselnehmer einen Vollzugsbeamten in der JVA Celle als Geisel.
  • Ihre Flucht führte die Gangster auch nach Osnabrück, wo sie nach einer wilden Verfolgungsjagd von der Polizei festgenommen wurden.

Die beiden Geiselnehmer Peter S. und Günther F., die zum damaligen Zeitpunkt 38 und 37 Jahre alt waren, hatten zwei Tage bevor sie in Osnabrück ankamen in der JVA Celle einen Vollzugsbeamten mithilfe von selbstgebauten Waffen als Geisel genommen.

Die Gangster forderten 200.000 DM Lösegeld und einen Fluchtwagen. Um die Geisel nicht zu gefährden, ließ die Polizei die beiden ziehen. Sie flüchteten samt Geisel zunächst in einem Porsche. Später tauschten sie den Wagen gegen einen unterwegs geklauten Golf ein.

Kriminelle Karriere als Jugendlicher gestartet

S., den einige für den Kopf des Duos halten, startete seine kriminelle Karriere bereits als Jugendlicher. Wegen Diebstahl, versuchten Raub und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte war er bereits verurteilt worden, als er 1978 zwei Pfleger in einer psychiatrischen Einrichtung niederstach, in der er untergebracht war. 1982 wurde er bei einem Schusswechsel mit der Polizei schwer verletzt, zuvor war er während eines Hafturlaubs geflohen.

1995 hätte S. noch eine Strafe bis zum Jahr 2006 absitzen müssen. Da das Gericht gegen ihn aber zusätzlich Sicherheitsverwahrung verhängt hatte, wäre er möglicherweise erst 2016 frei gekommen. Das, so wurde später vermutet, war wohl ein Grund für den erneuten Fluchtversuch.

In Sachen Geiselnahme hatte S. zu dem Zeitpunkt bereits Erfahrung. 1984 war er schon einmal aus der JVA Celle ausgebrochen, auch damals hatte er gemeinsam mit einem Komplizen einen Vollzugsbeamten als Geisel genommen. Und auch damals führte der Weg über Osnabrück.

In Wellingholzhausen ausgeruht

Allerdings machten die Gangster 1984 dort nur Zwischenstation, um mit Unterstützung eines Helfers einen neuen Fluchtwagen an den städtischen Kliniken zu besteigen. Die Polizei beendete die Flucht nach gut 24 Stunden in Bremen. S. und sein Kompagnon wurden im Steintorviertel verhaftet, wo sie sich offenbar vergnügen wollten.

Gut elf Jahre später fuhr S. also wieder auf der Flucht vor der Polizei durch Osnabrück. Über zwei Tage waren er und F. mit ihrer Geisel zu dem Zeitpunkt schon unterwegs. Die Polizei hatte die unmittelbare Verfolgung zwischenzeitlich ausgesetzt, um den Gangstern die Möglichkeit zu geben, die Geisel freizulassen, wie es hieß. Die dachten aber gar nicht daran. Sie nutzten die Zeit, um sich zwischenzeitlich in einem Waldstück bei Wellingholzhausen auszuruhen. Die Nerven der beiden Verbrecher lagen aber trotz Ruhepause offenbar schon blank, als sie in Osnabrück eintrafen.

Kopflos und chaotisch

Die Täter agierten zunehmend kopflos und chaotisch. Das war jedenfalls der Eindruck der Osnabrücker Polizei. Berichten zufolge wurden S. und F. in Osnabrück von rund 20 Polizeifahrzeugen verfolgt. Zusätzlich kreiste ein Polizeihubschrauber über der Stadt. Die Verbrecher rasten bei Rot über Kreuzungen, Rad- und Gehwege. Fußgänger konnten sich oft nur durch einen Sprung zur Seite retten.

Auf dem Neumarkt warfen die Gangster dann schließlich Teile des Lösegelds aus dem Fenster, vermutlich um Verwirrung zu stiften. Passanten griffen gierig nach den Scheinen.

Die Polizei entschied sich um 11.04 Uhr zum Zugriff. An der Kreuzung Johannistorwall/Kommenderiestraße war es so weit. Die Gangster hielten an einer roten Ampel. Mitglieder eines Sondereinsatzkommandos aus Köln keilten das Fluchtfahrzeug von drei Seiten ein, schlugen die Scheiben ein und zerrten S. und F. aus dem Fahrzeug. Den Tätern blieb laut Zeugenberichten keine Zeit zum Widerstand. Sie ließen sich ohne große Gegenwehr festnehmen. Die Geisel wurde unverletzt befreit. Der Justizvollzugsbeamte erlitt lediglich ein paar Prellungen.

Briefe ins Gefängnis

Für S. war es sein vorerst letzer Ausflug in die Freiheit. Er saß seitdem bis heute in verschiedenen Gefängnissen, teilweise in Isolationshaft. Er heiratete eine Frau, die ihm Briefe in das Gefängnis schrieb und nahm ihren Nachnamen an. Auch sein Komplize Günther F. saß lange isoliert von anderen Gefangenen in Haft. 2011 wurde er entlassen.